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Berlin für wenig Geld – was bekommt man da zu sehen? Ein Tagesausflug mit dem Schriftsteller und Hartz-IV-Empfänger Bernd Wagner

Der Mann sieht aus wie ein Opernbesucher. Bernd Wagner trägt einen langen schwarzen Mantel zur Nadelstreifenhose. Ein blütenweißer Kragen umhüllt seinen Hals. Gerade sitzt Berlins Schnorrexperte in der S-Bahn und kramt den Geldbeutel aus der Tasche. »Straßenmusikern gebe ich immer etwas«, sagt er und wirft einem Akkordeonspieler eine Münze in den Pappbecher.

Wagner ist Schriftsteller und Hartz-IV-Empfänger. Die Erfahrungen aus vielen Jahren Geldnot hat er jetzt in einem Buch versammelt: Berlin für Arme – ein Stadtführer für Lebenskünstler heißt der bei Eichborn Berlin erschienene Band. Die Leser lernen, wie sie gratis Kultur genießen und Büfetts plündern können. Seitdem wird in Feuilletons erörtert, von welcher Art die Wagnersche Lebenskunst ist: Zeigt er, wie man aus wenig etwas macht oder wie man sich auf Kosten anderer schadlos hält? Wir bitten den Autor zum Praxistest: Er soll uns einen Tag lang durch Berlin führen – und das zum kleinen Budget.

Der Tag beginnt mit einem Frühstück im Café Bistro, einer Vier-Tische-Wirtschaft am S-Bahnhof Griebnitzsee, wo Potsdam an Berlin grenzt. Regen tröpfelt die Fensterfront hinab. Am Nebentisch sitzen vier ältere Damen mit Strickjacken und beugen sich über eine Wanderkarte. Wagner überredet den Wirt, sich an einem Latte macchiato zu versuchen. »Hätten Sie etwas dagegen, dass ich dazu mitgebrachten Proviant verzehre?«, fragt er ihn dann und zieht zwei Päckchen aus der Tasche: Leberpastete auf Sauerteigbrot, eingewickelt in bedrucktes Papier. Es sind alte Seiten eines Manuskripts, die jetzt seine Stullen umhüllen. Er liebe Bahnhofsgaststätten, sagt Wagner, vor allem die traditionellen, in denen noch dunkle Holzstühle stünden statt Ikea-Möbel und in denen es noch Essiggurken gebe statt Chips. Auch hier wird er fündig: In einem Einmachglas auf der Theke schwimmen gepellte Eier, umspült von Salzwasser und Senfkörnern. Wagner strahlt. »Soleier! Das ist alte Berliner Kneipenkost.« Zu seinen Broten bestellt er das Hausrezept: Soleier auf Bierbrezel, betupft mit Senf.

Nach dem Essen spannt Wagner seinen schwarzen Schirm auf. Mit wehendem Mantel marschiert er zum Ufer. Der Griebnitzsee ist nicht einfach nur ein See, erklärt Wagner. Bis 1989 war der See deutsch-deutsche Grenze. Auf dem Uferweg patrouillierten NVAler mit ihren Hunden. Heute gehört er den Spaziergängern. Zwei Jogger hecheln vorbei, belohnt durch die Aussicht: Rechts des Weges schaukeln Bötchen auf dem See, links erheben sich Villen mit Erkern und Türmen und ausladenden Balkonen. In den Zwanzigern gehörten sie Ufa-Stars. Nun wohnen hier Potsdams Bestbetuchte und fechten einen Rechtsstreit aus. Sie wollen, dass der Weg gesperrt wird, damit sich nicht länger Rentner und Radler zwischen ihre Villa und den Seeblick schieben. Doch gerade das macht diesen Weg so charmant, findet Wagner. »Anderswo ist es ganz normal, dass die schönsten Stellen am Seeufer unzugänglich sind. Hier konnten die Reichen noch nicht alles aufkaufen.«

Wagner beschleunigt jetzt seine Schritte. Laub knirscht unter seinen Schuhen. Ein Eichhörnchen springt aus dem Weg. Er steigt einen Hügel hinauf und lässt den Blick schweifen. Hinter uns erheben sich, grau und streng, die Mauern des Babelsberger Schlosses. Unter uns ergießt sich spiegelnd und glatt das Blau der Havel. »Ich finde diesen Ort magisch«, sagt Wagner. »Von hier aus sehen wir alles – Wasser, Hügel, Bauwerke und Landschaftsgärten. Dort ist das Glienicker Jagdschloss und da drüben Sanssouci. Außerdem stießen hier Ost und West zusammen«, erklärt er und zeigt auf die Glienicker Brücke, auf der einst Bundesrepublik und DDR Gefangene austauschten.

Wagner selbst kennt beide Seiten: 1948 in Sachsen geboren, war er mal Lehrer, mal Maurer. Er schrieb Erzählungen und gründete schließlich mit Freunden eine Literaturzeitschrift, die nicht genehmigt war. 1985 reiste er in den Westen aus. Auch hier schrieb er Bücher und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er 2005, nach gesundheitlichen Problemen, Hartz IV beantragte.

Wagner ist ein Mann mit Prinzipien. Er lehnt es ab, ein Handy zu benutzen, nicht nur wegen der Kosten. »Ich unterwerfe mich nicht dem Zwang, allzeit verfügbar zu sein.« Er besitzt auch keinen Fotoapparat. Lieber verschickt er selbst gezeichnete Postkarten. Und er hält es für falsch, in Berlin ohne eine Plastiktüte das Haus zu verlassen. Man weiß ja nie, was man findet.

Auch jetzt kniet er an einem Abhang am Seeufer und zieht eine Tüte aus der Tasche. Wo andere Unkraut wähnen, erblickt Wagner appetitliche Frischkost. Er rupft und zupft an dunkelgrünen Pflänzchen, die ihre weißen Blüten zum Boden neigen. »Wunderlauch. Auch Berliner Bärlauch genannt. Das gibt eine wunderbare Suppe.« Zu Hause will er die Blätter hacken, in Olivenöl anbraten und mit Sahne und Brühe aufgießen. Oder er dünstet den Wunderlauch und mischt ihn unter Spaghetti mit frisch geriebenem Aldi-Parmesan. »Berlin ist eine der grünsten Großstädte überhaupt. Selbst in der Innenstadt ist für jeden etwas dabei«, sagt Wagner und schwärmt von Mirabellen im Mauerpark und Esskastanien auf dem Platz der Vereinten Nationen.

Mit Büscheln von Wunderlauch in der Tüte steigen wir in den Bus zum Wannsee. Hier, am Fährhafen, entstand die Idee für das Buch, erzählt Wagner. Tochter und Enkel wollten Dampfer fahren. »Ich wollte aber nur auf eine Fähre, auf der ich mein normales Monatsticket nutzen kann. Daher schlug ich diese Fahrt hier vor.« Seine Tochter habe gelacht. »Du solltest einen Reiseführer für Arme schreiben«, habe sie gesagt. Das tat er, nicht ahnend, dass ausgerechnet dieses flott dahingeschriebene Bändchen Aufsehen erregen würde.

Die Linienfähre, die uns nun über den Wannsee schippert, sieht auch nicht anders aus als ein Ausflugsschiff. Auf dem Sonnendeck stehen Reihen dunkelgrüner Plastikstühle. Vor den Panoramafenstern im Innern sitzen Paare, die Arme umeinander geschlungen. Am Fenster gleiten das Strandbad Wannsee, Bäume und Buchten vorbei. Nach 15 Minuten legt die Fähre in Kladow an, am letzten Zipfel von Westberlin, lauschig und grün wie ein Urlaubsort. Wellen platschen gegen das Ufer. Von blauen Hauben bedeckt, warten Segeljachten auf den Sommer. Neben der Seepromenade stehen gelbe Wackelpferde für die Kinder der Ausflügler bereit. Wagner führt uns auf einen Kaffee ins Dampfa Eck, eine alte Schifferkneipe mit seemännischem Dekor. An der Wand hängen drei präparierte Fischköpfe, ausgestellt wie Jagdtrophäen. »Gefangen Juli 1957« steht unter dem verschrumpelten Kopf eines Hechts.

Genug Natur für heute, beschließt Wagner und führt uns nach Berlin-Mitte. Der schwarze Schirm dient jetzt als Zeigestock. Wagner schwenkt ihn auf und nieder, nach rechts und links. Er will »zwei gelungene Beispiele neuer Architektur« vorführen und lenkt uns zum frisch eröffneten Chipperfield-Bau am Kupfergraben und zum Collegium Hungaricum in der Dorotheenstraße. In der DDR war das ungarische Kulturzentrum für ihn ein besonderer Ort, sagt Wagner. Dort gab es Schallplatten, die er mochte, und die Ahnung einer fremden Welt. Das jetzige Zentrum eröffnet Einblicke anderer Art: Durch die Glasfenster des Ausstellungssaals blicken wir auf dieselben Bäume und Büsche, die auch Angela Merkel tagtäglich sieht – die Bundeskanzlerin wohnt im vierten Stock des gelben Hauses schräg gegenüber.

Jetzt, am Abend, bietet sich preissensiblen Kulturfreunden ein breites Programm. Sie können in der Neuen Nationalgalerie die Biennale besuchen. In der indischen Botschaft gratis Filme gucken. Oder im Max-Planck-Institut Bachs Goldberg-Variationen lauschen. Wagner blättert in seinem Kalender. Viele Freunde von ihm sind Künstler oder Literaten, fast jeden Abend eröffnet irgendwo eine Ausstellung, feiert irgendwer ein neues Werk. Für uns wählt er eine Veranstaltung, die neben Kultur auch das Abendessen verspricht. In einem Atelierhaus im Stadtteil Wedding lädt der Maler Nikolai Makarov, bekannt für seine Kakerlakenrennen, zur kostenlosen Lesung mit Büfett.

Schon im Fahrstuhl streckt uns eine Frau ein Tablett entgegen: Ein Gläschen Wodka soll auf den Abend einstimmen. Oben erwarten uns lichte Räume und blank gewienertes Parkett. Die Frauen tragen edles Schwarz und Perlen im Dekolleté. Neben der Bar steht auf roten Füßen eine Badewanne, aus der es leise plätschert: Wasserpflanzen ranken vom Boden empor, Goldfische schwimmen ihre Bahnen. An der Fensterfront ist, von Ranunkeln umrahmt, das Büfett angerichtet. Eine Stunde lang lauscht Wagner dem osteuropäischen Autor, der im Nebenraum sein neues Buch vorstellt. Dann geht er ans Büfett, schmaucht eine Zigarre und beißt in eine mit Schafskäse gefüllte Peperoni. »Stil ist keine Frage des Geldbeutels«, sagt Wagner, nippt am Weißwein und grinst.

Information

Die Stationen:
Nach dem Frühstück im Café Bistro am Griebnitzsee (Rudolf-Breitscheid-Straße 201, 14482 Potsdam) führt der Spaziergang am Ufer und an vielen Villen entlang zum Babelsberger Schloss. Der Ausblick von hier ist kostenlos. Dann geht es mit dem Bus zum S-Bahnhof Wannsee. Dort startet die Linienfähre zur Schiffstour über den See nach Kladow. Zeit für einen Kaffee in der alten Schifferkneipe Dampfa Eck (Imchenallee 42, 14089 Berlin Tel. 030/3659956). Am Nachmittag ist Berlin-Mitte dran und die Kultur. Eintritt frei in der neuen von David Chipperfield errichteten Galerie Contemporary Fine Arts (Am Kupfergraben 10, 10117 Berlin Mitte, Tel. 030/288 787 0, geöffnet Di-Fr 11-18 Uhr, Sa 11–16 Uhr) und im Ungarischen Kulturinstitut (Dorotheenstraße 12, 10117 Berlin, Tel. 030/2123400, Ausstellungen geöffnet Mo–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 14–19 Uhr). Am Abend geht es zur kostenlosen Lesung mit Büffet in ein Atelierhaus in Wedding (Lindower Straße 18, 13347 Berlin, www.sergej-mawrizki-stiftung.de )

Die Kosten:
Ein Tagesticket ABC der Berliner Verkehrsbetriebe kostet 6,50 Euro. Es gilt auch für die Linienfähren. Zwei Soleier mit Brezel, ein Latte macchiato und ein Pott Kaffee kosten 5,30 Euro

DieLesung:
Bernd Wagner liest am 4. Mai, 16 Uhr, im Gutshaus Neukladow, Neukladower Allee 12, 14089 Berlin, Tel. 030/36413892, Eintritt: 3,– Euro

Das Buch:
»Berlin für Arme« (Eichborn Berlin, 8,95 Euro) schrieb er gemeinsam mit seiner Tochter Luise. Darin verrät er, wie man sich etwas gönnt - nicht immer auf eigene Kosten.
Auch auf seiner Website www.berlinfuerarme.de gibt er Ausflugs- und Kulturtipps

 
Leser-Kommentare
  1. Sicher ein gutes Buch aus Insidersicht, um Berlin mal wieder anders kennen zu lernen.Das Konzept ist natürlich alles andere als neu.Als Student las ich "Work your way around  the world", die Tips waren sehr ähnlich.Wie gesagt, als Berlinguide auch was für kleine Portemonnaies

  2. Leider ergibt das alles nach Adem Riese bei 30 Tagen im Monat 444,00 €. Meines Wissens zu viel für einen HartzIV-Empfänger, der ich auch einmal war. Ich rate zu mehr Sparsamkeit. Das Ganze ist eine absolute "Verharmlosung" einer wirklich schlimmen gesellschaftlichen Spaltung, der ich persönlich mich nicht anschließen mag.

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