Journalismus Gemeinsam statt einsam

Die Initiative »Frei sein« will die Interessen selbstständiger Journalisten stärken – und Qualitätsstandards setzen.

Der Waschbär ist Kai Schächteles neues Lieblingstier. Denn er ähnelt der Spezies freier Journalist: »wahnsinnig verbreitet, stetig in Vermehrung – und dennoch in der öffentlichen Wahrnehmung ein Exot«. Das will Schächtele, selbst freier Schreiber in Berlin, ändern. Zusammen mit zwei Kollegen hat der 33-Jährige die Initiative »Frei sein« gestartet – ein Bündnis, das sich unabhängig von den Gewerkschaften für die Interessen der Freiberufler starkmachen will.

Bedarf ist offensichtlich vorhanden: Zu einem ersten Treffen in der Hamburger Akademie für Publizistik kamen im Februar 55 frei arbeitende Journalisten. Drei Wochen später hatten sich 100 Interessierte für die provisorische Mailingliste angemeldet. Inzwischen sind mehr als 250 Benutzer auf der kurzfristig eingerichteten Webseite freischreiber.de registriert. Darunter Schreiber preisgekrönter Reportagen, langjährige Auslandskorrespondenten und Journalisten, die leitende Positionen gegen das Freisein eingetauscht haben.

»Die meisten von uns arbeiten gerne und erfolgreich frei«, sagt Schächtele. Trotzdem mussten die Teilnehmer bei der Vorstellungsrunde in Hamburg zunächst »Frust abladen«, wie er sagt. Denn schlechte Erfahrungen hatten alle schon gemacht: Mit Verlagen, die umfassende Rechte an Artikeln verlangen, um sie unbegrenzt weiterverwerten zu können. Mit Redaktionen, die Texte monatelang unbezahlt liegen lassen und nicht zurückrufen. Und mit schlechten Honoraren sowieso.

Schätzungsweise 20.000 Journalisten arbeiten in Deutschland frei. Sicher ist: Wer heute Journalist werden will, hat wenig Chancen, in einem Impressum zu erscheinen. Die Festangestellten werden weniger, die »Freien« immer mehr. Während ein Zeitschriftenredakteur mit fünf Jahren Berufserfahrung tariflich festgelegte 39240 Euro im Jahr plus Weihnachts- und Urlaubsgeld bekommt, erzielen die Selbstständigen laut statistischem Bundesamt im Schnitt einen Jahresgewinn von 24.200 Euro. Die meisten weniger.

Hartes Brot. Und doch betont Schächtele: »Wir wollen nicht die Streikfaust heben, sondern erstmals Qualitätsstandards etablieren, auf die sich sowohl Freie als auch ihre Auftraggeber verlassen können.« Der Redaktionsalltag habe sich schleichend dahin verändert, dass ein Großteil der Inhalte von Freien geliefert wird – nun sei es an der Zeit, den Betrieb zu optimieren. »Viel Frust entsteht auch, weil freie Mitarbeiter die Ablaufzwänge in den Redaktionen unterschätzen und das Zeitbudget von Redakteuren überschätzen«, sagt Schächtele, der selbst bei Redaktionsvertretungen die andere Seite erlebt. Was er sich wünscht, ist ein »professioneller Dialog« zwischen beiden Seiten.

Dass dieser Dialog nicht unproblematisch ist, wurde schon beim Initialtreffen deutlich, das Schächtele und seine beiden Mitstreiter, Tobias Zick und Felix Zimmermann, als eintägige Konferenz »zur Sicherung der Qualität freiberuflicher journalistischer Arbeit« organisiert hatten. Eine Ressortleiterin, die eingeladen war, um zu berichten, welche Erwartungen die Redaktionen an die Freien haben, wollte im Protokoll lieber ungenannt bleiben. Kollegen hatten ihr abgeraten, überhaupt auf ein solches Treffen zu gehen.

»Natürlich ist das auch ein Verteilungskampf zwischen Festen und Freien«, sagt Lutz Fischmann, Geschäftsführer des Fotografenverbandes Freelens. Die Verlage würden zwar in Online-Auftritte investieren, aber nicht ins Personal. Fischmann findet den »Grad der Unorganisiertheit bei den Wortjournalisten erschreckend«. Zu spät hätten sie begriffen, dass die Verwertungsmaschine Internet auch vor ihren Texten nicht haltmacht.

Bei den Bildjournalisten formierte sich in den Anfängen der Digitalisierung Widerstand. Als der Spiegel für eine Jahreschronik auf CD-ROM ohne zusätzliches Honorar Bilder veröffentlichen wollte, klagte sich Freelens 1996 durch alle Instanzen. Der Bundesgerichtshof gab den Fotografen schließlich Recht.

Wie schnell sich die Nachricht von der Gründungsinitiative »Frei sein« verbreitete, zeigt vor allem eins: Vernetzt sind freie Journalisten schon lange – nur nicht wirkungsvoll organisiert. Zumindest fühlen sie sich offenbar durch die Gewerkschaften nicht ausreichend vertreten.

Die Gewerkschaften wissen, dass viele frei arbeitende Genossen nur noch ihren Beitrag entrichten, um den Presseausweis zu bekommen und notfalls Rechtsschutz zu genießen. Diesen Service wird eine neue Berufsvereinigung so schnell nicht bieten können. Angst vor Mitgliederschwund hat ver.di-Referentin Veronika Mirschel deshalb nicht. »Ich sehe diese Initiative nicht in Konkurrenz zu uns«, sagt Mirschel. So viel Wohlwollen bringt Wolfgang Hirschler, Freien-Referent bei der Einzelgewerkschaft Deutscher Journalisten Verbund (DJV) mit insgesamt 38.750 Mitgliedern, »Frei sein« nicht entgegen. Der DJV sei »zu 50 Prozent eine Freien-Organisation«, meint Hirschler. Er nimmt den Initiatoren vor allem übel, dass sie sich nicht in den vorhandenen Gremien engagieren. »Innerhalb der Gewerkschaftsstrukturen«, sagt Schächtele, »würde unsere Arbeit nur verpuffen.«

Arno Metzler wundert es nicht, dass eine unabhängige Initiative kommt; schon eher, wie lange es gedauert hat. Denn für den Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Freien Berufe, der unter seinem Dach 94 Berufsstände vereint, passen die freien Journalisten und ihre bisherigen Berufsorganisationen schlicht nicht zusammen. »Die Gewerkschaften wollen möglichst vielen Kollegen die Festanstellung erhalten«, sagt er. »Aber das bildet die verschärften Marktbedingungen längst nicht mehr ab.«

Den Wendepunkt in der Branche markiert vielleicht das Jahr 2002, als in Hamburg Die Woche eingestellt wurde. Nach starken Einbrüchen im Anzeigengeschäft schwappten Entlassungswellen durch alle großen Zeitungshäuser der Republik. Mittlerweile, so Metzler, seien die Abfindungen aufgebraucht, die Hoffnungen auf Festanstellungen geschwunden. Viele richten sich auf Dauer und bewusst im Freiendasein ein. Mit diesen neuen »Unternehmer-Journalisten«, wie Metzler sie nennt, hat sich auch der Kern des Informationsmarktes verändert. Kaum ein freier Journalist kommt noch ohne PR-Arbeit aus.

»Gut im Geschäft und schlecht bei Kasse«, schreibt einer der wenigen, die noch ausschließlich aufs Verfassen journalistischer Texte setzen. Denn selbst die Arbeit für namhafte Blätter bringt nicht so viel ein wie das Schreiben für die mittlerweile anspruchsvoll gemachten Kundenmagazine. Wenn die freien Journalisten nach dem Vorbild von Piloten, Lokführern und Ärzten in einer Spartenvereinigung für mehr Geld kämpfen wollen, bleibt ihnen in Metzlers Augen nur eine Chance: Qualität zu garantieren. Beim bestehenden Überangebot an journalistischer Dienstleistung sei allerdings entscheidend, ob die Verlage diese Qualität auch weiterhin wollen.

Auch Kai Schächtele sieht die Herausforderung darin, dass »Frei sein« die Auftraggeber von den eigenen Qualitätsansprüchen überzeugen muss. Im Oktober soll ein Gründungskongress in Berlin »das lose Netzwerk in eine Institution überführen«. In welcher Form genau und mit welchen Leitlinien, das wird zurzeit in Internetforen ausdiskutiert. Für ihn ist aber zumindest ein gängiges Klischee über Waschbär-Journalisten schon jetzt widerlegt: dass sie notorische Einzelgänger seien.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Serie -
    • Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Arbeit | Medien | Journalismus
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service