Platte meines Lebens (4)
Brandenburg, endlich erklärt
Mit seinem Lied über ostdeutsche Tristesse bringt Rainald Grebe unsere Autorin zum Schwärmen. Er dürfte sogar bei ihr einziehen.
Ein Groupie war ich mit fünfzehn. Ich pflasterte mein Zimmer mit Plakaten von Jim Morrison, trug seine Musik auf Kopfhörern an jeden möglichen oder unmöglichen Ort und glaubte, mich selbst, die ganze Welt oder doch wenigstens eine Weltanschauung darin aufgehoben zu finden. Dann wurde ich erwachsen und zu alt für Schwärmerei. Bis ich Rainald Grebe kennenlernte.
Als Musiker kann man kaum falscher heißen und übrigens auch nicht falscher aussehen als Grebe. Trotzdem verfiel ich ihm in dem Moment, da ich ihn zum ersten Mal im Radio hörte. Ich war gerade nach Brandenburg gezogen, als mir im Auto auf radio eins eine sonore Stimme die ultimative Hymne meiner neuen Heimat vorsang. »Wenn man Bisamratten im Freibad sieht / dann ist man im Naturschutzgebiet / Mark Brandenburg… Im Adlon ist heut Nacht / Hillary Clinton / in Schwedt kann Achim Mentzel das Autohaus nicht finden / Brandenburg«. Ich kaufte mir die Platte. Seitdem bin ich nicht mehr dieselbe. Ich glaube nicht mehr, dass man auf Deutsch nur blöde Lieder singen kann.
Ich glaube nicht mehr, dass es gegenwärtig keine Künstler gibt, die sich für den real existierenden Zeitgeist interessieren und auch noch in der Lage sind, ihn einzufangen. Ob Ost-West-Konflikt, Singledasein, unpolitische Politik, Vergangenheitsbewältigung, Ich-AG oder ICE-Fahren – es gibt kaum ein Thema, das Grebe nicht durch seine mit Dadaismus betankte Text- und Musikmaschine dreht. Er produziert Ohrwürmer, die nicht nur aus Tönen, sondern auch aus Formulierungen bestehen und sich so hartnäckig festbeißen, dass es einer Körperverletzung gleichkommt. Rainald-Grebe-Fans können sich stundenlang in Zitatketten unterhalten. Sie können im Alter von 33 Jahren wieder weinen vor Glück, weil ein Songtext so verdammt zutreffend und die dazugehörige Melodie so herzergreifend ist.
Früher waren es möglichst vage, möglichst pathetische und möglichst englische Liedzeilen, die Erleichterung verschafften, weil sie ein eigentlich unbenennbares (Lebens-)Gefühl zum Ausdruck brachten. Wie ich inzwischen weiß, sind es heute möglichst präzise, möglichst zynisch-melancholische und möglichst deutsche Texte, die einen ähnlichen Effekt auslösen. Rainald Grebe beherrscht eine geradezu aristotelische Kunst der Katharsis: indem er Alltagsphänomene auf den Punkt bringt und dem Gelächter preisgibt. Alle Verzweiflung über das hartnäckige So-Sein der Dinge; die Wut auf die vergeblichen Anstrengungen, sich politisch, wirtschaftlich oder emotional in der Realität zu verorten; selbst die lächerliche Angst, in einem Wohlfühlstaat wie diesem einer diffusen Verlorenheit preisgegeben zu sein – alles wie weggeblasen.
Plötzlich genieße ich verwundert ein vergessenes Gefühl: nicht allein zu sein mit nutzlosen Gedanken. Dafür gibt es die Kunst, Musik – die reinsten Formen von Kommunikation in einer überkommunikativen Welt. Rainald Grebe hat die Kraft, der resignativen Abwendung vom Öffentlichen eine neue Richtung zu geben, indem er das Öffentliche zur Privatsache erklärt. Das hat mich umgekrempelt und dem Groupietum zurückgegeben. Das Dach lasse ich ausbauen. Falls Grebe eines Tages hier einziehen will.
Die Schriftstellerin Juli Zeh lebt in Brandenburg
Rainald Grebe & die Kapelle der Versöhnung
- Datum 30.4.2008 - 12:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
- Kommentare 3
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Meidet Schleußig, sonst endet ihr in Brandenburg beim Schreiben solcher Texte.
Jeder noch so knappen Polemik ist eine Sinnwidrigkeit immanent: Sie vollzieht eine Form des ungerichteten Sprechens, und doch leider spricht sie. Es wird also nicht eines Inhalts wegen gesprochen, sondern um überhaupt zu sprechen: um Laute zu äußern. Der Titel des Kommentars »Mahnendes Beispiel« ist Programm und insofern modern. Mehr jedoch nicht. Nur wer sich viel Mühe gibt, kann aus ihm (nicht neue, aber immerhin) brisante Themen abstrahieren. Eine Binsenweisheit: Das Internet bildet ab, was ohnehin da ist. Aber die Hemmschwelle zu sprechen sinkt: Man muss, so wohl der Anschein, keine fundierte, konsistente Haltung einnehmen. Man schnattert! (Be-)Schimpft! Und wahrt noch dazu das anonyme (also nicht existente?) Gesicht! Jede tatsächlich existente Haltung – im besten Wortsinne – aber wird nicht inhaltlich oder gar sinnlich erfahren, sondern nur als Anreiz genommen, um einen allgemeinen Sprech- resp. Lautäußerungsbedarf zu befriedigen. Einigermaßen pervers! Sehr modern, und: unbedingt meiden!
hab mich immer schwer getan auszudrücken warum mir diese musik soviel gibt... sie haben es wunderbar auf den punkt gebracht. danke dafür!
ich klau mir übrigens ihre argumente für kommende diskussionen um und über grebe. ;)
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