Klassik-Festival Der persönliche Draht
Der Cellist Jan Vogler und sein hochkarätiges Moritzburg Festival
Mit dem Espresso dauert es ein bisschen. » Männer sind fürs Multitasking nicht geeignet«, sagt Jan Vogler, der mit seiner Kaffeemaschine kämpft und gleichzeitig von der Dresdner Frauenkirche gleich nebenan erzählt, von der Energie, die man da spüre, außerdem von Mansurians Cellokonzert, das er gerade in der Schweiz gespielt hat, »ein sehr ehrliches Stück«, er schwärmt auch von New York, wo seine Familie wohnt, und von seinem Festival in Moritzburg bei Dresden, das seit drei Jahren so gut läuft, »dass es mich selber zieht, man arbeitet lange an einer Sache und plötzlich hui! kennen Sie das? Es ist ja mit vielen Dingen so, dass man nicht gleich bezahlt wird. So, jetzt funktionierts«. Vogler, ein jungenhafter 41-Jähriger, stellt den Espresso auf den Holztisch.
Es funktioniert schon länger gut bei ihm. Seit elf Jahren ist er selbstständig als Solist, spielt mit besten Orchestern rund um die Welt und vor allem in den USA, vor siebzehn Jahren gründete er das Kammermusikfestival in Moritzburg, und das alles hat viel miteinander zu tun. Es beginnt in Berlin am Prenzlauer Berg, »damals war das ein knallhartes Arbeiterviertel, wo man als Zehnjähriger an jeder Ecke aufpassen musste, dass kein Größerer einen verdrischt«. Da wohnten seine Eltern, beide Orchestermusiker, da fand Vogler früh zum Cello und »hatte gleich Spaß mit dem Medium«. Schon den 20Jährigen holte man als Solocellisten an die Dresdner Staatskapelle, zugleich verschaffte ihm der bekannte Cellist Siegfried Palm eine Einladung zum Marlboro Festival.
Das ist das legendäre Sommermusikfest in Vermont, USA, 1951 von den deutschen Emigranten Adolf Busch und Rudolf Serkin gegründet. Schon ein Jahr vor der Wende durfte Jan Vogler dorthin reisen, er spielte mit Pianist Serkin selbst, lernte junge Musiker aus dem Westen kennen, Christian Tetzlaff etwa und Joshua Bell, traf die Familie Solschenizyn, und »noch mehr als die Musik hat mich diese Ruhe beeindruckt, zusammenzuleben, sich zu unterhalten, es gibt einen See, man genießt das Leben. Ich habe gedacht, so was Ähnliches muss ich in Deutschland auch machen.« Seinem Bruder, dem Geiger Kai Vogler, und dem Cellisten Peter Bruns ging es ebenso. Als die drei bei einem Spaziergang fünfzehn Kilometer nordwestlich von Dresden am Barockschloss Moritzburg vorbeikamen, dachten sie: »Das wär was.«
Kammermusik lebt von der Liebe zum Detail
Da war die DDR schon Geschichte, Kammermusikfestivals gab es noch kaum, und Vogler sammelte junge Künstler ein. » Ich bin jeden Sommer nach Marlboro gefahren, hab mir die Besten ausgesucht und gefragt, ob sie nach Moritzburg kommen wollten.« Sie kamen ohne Honorar, »der persönliche Draht ist das Geheimnis bei der Sache. Wir haben in den ersten fünf oder sechs Jahren gar nichts bezahlt, und organisatorisch war alles ziemlich handgemacht.« Das aber mit Akribie, zumal alle Ensembles eigens für das Festival zusammengestellt werden. Feste Formationen lädt Vogler nicht ein, er kombiniert Solisten. » Dazu braucht es eine irrsinnige Detailpflege. Wer spielt was mit welchem Kollegen? An welchem Ort? Schloss, Fabrik oder Kirche? All das entscheidet darüber, ob es ein Erfolg oder eine Quälerei wird.«
Ein Konzeptfestival ist Moritzburg nicht, auch keine »Quasi improvisando«-Familie wie Gidon Kremers Lockenhaus-Festival im Burgenland. Vogler, seit sieben Jahren alleiniger künstlerischer Leiter mit einer professionellen Geschäftsführerin, nennt es ein »Detailfestival«. Sein Idealkonzert setzt sich zusammen aus einer Entdeckung in diesem Jahr könnte das etwa Anton Arenskys Quartett für Violine, Viola und zwei Violoncelli von 1895 sein , einem Werk des composer in residence (mit dabei waren schon Wolfgang Rihm, Esa-Pekka Salonen, Steffen Schleiermacher, Jörg Widmann, dieses Jahr kommt der Argentinier Gustavo Beytelmann) und einem Klassiker, etwa Schuberts Streichquartett Der Tod und das Mädchen. Und sein ideales Ensemble? » Die Mischung zwischen amerikanischer und europäischer Ausbildung klappt extrem gut.«
Die Amerikaner seien »ausdrucksbesessen«, die Europäer »klangbesessen, weniger eruptiv«, aber eigentlich ist Jan Vogler der Gegensatz zu simpel, vor allem die Vorstellung, in Europa sei man dem abendländischen Repertoire näher. » Die amerikanische Musikszene ist geprägt von Emigranten, das ist unsere Kultur!« In jedem Jahr sind es andere, nicht nur befreundete Musiker, sondern auch unbekannte junge Solisten wie es etwa die Cellistin Sol Gabetta war, als sie nach Moritzburg kam. » Wenn es gleich starke Partner sind, dann siegt in der Kammermusik immer die stärkste Idee, egal, was man selbst vorher im Sinn hatte.« Bei diesem Prozess kann das Publikum zugucken und zuhören.
300 Leute kommen nur zu den Proben
»Wir haben zu öffentlichen Proben zuerst zehn Stühle hingestellt, es kamen 120 Leute, heute sind es 300, und die finden es spannend, dass abgebrochen wird, diskutiert wird. Sie warten nicht darauf, dass man für sie spielt. Sie beobachten. Kammermusik ist eben auch was für Voyeure!« Das erklärt aber noch nicht, warum das Festival seit drei Jahren ausverkauft ist und in zwei Wochen 7500 Besucher ins Schloss, in die Dresdner VW-Manufaktur und andere Spielorte zieht. Kammermusik findet anderswo in spärlich besetzten Sälen statt. » Aber sie ist das Explosivste und Feurigste, was es gibt! Da streichen nicht vier Herren mittleren Alters erschlafft vor sich hin, wie es das Klischee will.«
Wer auf der Festival-CD hört, wie Geiger Benjamin Schmidt, Bratscher Antoine Tamestit und Cellist Jan Vogler Mozarts Divertimento spielen, weiß, was er meint. Schwungvoll ist das sowieso und handwerklich erstrangig, aber auch differenziert, reich an Kontrasten und Akzenten, brillant, schwebend und drängend zugleich. » Das Wichtigste ist, dass man etwas lernt und zu einer Interpretation kommt, die neue Wege aufzeigt.« Wobei jede neue Interpretation schnell altere: »In zehn Jahren wirkt das, was ich jetzt toll finde, angegammelt. Ich habe auf dem Cello gerade mein Klangideal komplett umgestellt!« Sobald ein Rezept einraste, »besteht die Gefahr, dass es altbacken wird«. Darum denkt Vogler jedes Jahr über neue Wege in der Programmgestaltung nach.
Dieses Jahr ist die südamerikanische Musik rund um Astor Piazzolla ein Schwerpunkt. Nicht gerade der letzte Schrei, oder? » Ich habe Piazzolla gerade deswegen genommen, weil mir das Crossover auf den Geist ging.
Wir lassen kein Bandoneon kommen, wir nehmen unsere klassischen Instrumente!« Im feudalen Ambiente gibt es diesmal außerdem Galadiners für die betuchteren Besucher aus Dresden, aus dem Westen, der Schweiz, England, USA. » Wir brauchen Events für diese Leute, ich finde das in einem Schloss nicht anrüchig«, meint Vogler. Einst haben an den Teichen in der Nähe die Expressionisten um Kirchner ihre nackten Musen gemalt, »aber das ist Geschichte, man muss ja weiterbauen. Wir versuchen hier was zu leben. Hier entsteht etwas. Ich weiß nicht, ob wir genauso kreativ wären, wenn man uns woandershin verpflanzte.«
9.24.8., www.moritzburgfestival.de
- Datum 24.04.2008 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT Nr.18 vom 24.04.2008, S.K30
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