Klassik-Festival Der persönliche DrahtSeite 2/2
300 Leute kommen nur zu den Proben
»Wir haben zu öffentlichen Proben zuerst zehn Stühle hingestellt, es kamen 120 Leute, heute sind es 300, und die finden es spannend, dass abgebrochen wird, diskutiert wird. Sie warten nicht darauf, dass man für sie spielt. Sie beobachten. Kammermusik ist eben auch was für Voyeure!« Das erklärt aber noch nicht, warum das Festival seit drei Jahren ausverkauft ist und in zwei Wochen 7500 Besucher ins Schloss, in die Dresdner VW-Manufaktur und andere Spielorte zieht. Kammermusik findet anderswo in spärlich besetzten Sälen statt. » Aber sie ist das Explosivste und Feurigste, was es gibt! Da streichen nicht vier Herren mittleren Alters erschlafft vor sich hin, wie es das Klischee will.«
Wer auf der Festival-CD hört, wie Geiger Benjamin Schmidt, Bratscher Antoine Tamestit und Cellist Jan Vogler Mozarts Divertimento spielen, weiß, was er meint. Schwungvoll ist das sowieso und handwerklich erstrangig, aber auch differenziert, reich an Kontrasten und Akzenten, brillant, schwebend und drängend zugleich. » Das Wichtigste ist, dass man etwas lernt und zu einer Interpretation kommt, die neue Wege aufzeigt.« Wobei jede neue Interpretation schnell altere: »In zehn Jahren wirkt das, was ich jetzt toll finde, angegammelt. Ich habe auf dem Cello gerade mein Klangideal komplett umgestellt!« Sobald ein Rezept einraste, »besteht die Gefahr, dass es altbacken wird«. Darum denkt Vogler jedes Jahr über neue Wege in der Programmgestaltung nach.
Dieses Jahr ist die südamerikanische Musik rund um Astor Piazzolla ein Schwerpunkt. Nicht gerade der letzte Schrei, oder? » Ich habe Piazzolla gerade deswegen genommen, weil mir das Crossover auf den Geist ging.
Wir lassen kein Bandoneon kommen, wir nehmen unsere klassischen Instrumente!« Im feudalen Ambiente gibt es diesmal außerdem Galadiners für die betuchteren Besucher aus Dresden, aus dem Westen, der Schweiz, England, USA. » Wir brauchen Events für diese Leute, ich finde das in einem Schloss nicht anrüchig«, meint Vogler. Einst haben an den Teichen in der Nähe die Expressionisten um Kirchner ihre nackten Musen gemalt, »aber das ist Geschichte, man muss ja weiterbauen. Wir versuchen hier was zu leben. Hier entsteht etwas. Ich weiß nicht, ob wir genauso kreativ wären, wenn man uns woandershin verpflanzte.«
9.24.8., www.moritzburgfestival.de
- Datum 24.04.2008 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT Nr.18 vom 24.04.2008, S.K30
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