Die Alb, sie schwebt
Mittagszeit im Café Latour. Alle Tische sind besetzt, ebenso die Hocker am Tresen. Und als wärs noch nicht voll genug, strömen immer weitere Gäste in das kleine Restaurant, das vorweg Avocadomousse mit Lachs und hernach Schweinemedaillons mit Bohnen serviert. Das Tagesgericht ist gut und preiswert, aber trotzdem nicht der einzige Grund für die drangvolle Enge, die jetzt in diesem Laden herrscht.
Unentwegt schwirren Hallos durch die Luft, eifrig werden Hände geschüttelt und Küsschen verteilt. Man kennt, grüßt und verabredet sich, es geht zu wie in einem Szenetreff drüben in der Altstadt. Nur etwas verbindlicher: Das Latour ist, Bussi hin, Bussi her, die Nachbarschaftskneipe im neuen Französischen Viertel in Tübingen. » Der Meeting-Point«, sagt Bernhard Hurm, und er sagt es so, dass man die Anführungszeichen mithört.
Das scheinbar Unversöhnliche, hier kommt es zusammen
Das Milieu ist akademisch und nicht unbedingt Hurms Sache. Der 52-jährige Theatermann fühlt sich hier zwar wohl und lässt sich auch das Zwei-Gänge-Menü schmecken, aber für gewöhnlich verkehrt er doch in Kreisen, in denen kein Avocadomousse auf den Mittagstisch kommt und Hochdeutsch kaum als Muttersprache betrachtet wird. Dort, wo er lebt, redet man ein breites, raues Schwäbisch und Anglizismen verwendet man gerne auch mal ironisch, locker hingeschlenzt als Ausweis von Welt, doch getragen von dem Bewusstsein, in der tiefsten Provinz zu hocken. Hurm hockt in Melchingen, dreißig Kilometer hinter der Uni-Stadt Tübingen, droben auf der Schwäbischen Alb.
Das Dorf hat tausend Einwohner, drei Windmühlen zur Stromerzeugung und ein Theater, das ebenfalls Energien freisetzt. Es steht dort, wo jedes gute Theater stehen sollte, in der Mitte der Gemeinde, an der Hauptstraße direkt neben dem Rathaus, das nur vormittags geöffnet ist.
Hier also, sehr prominent, residiert seit 1981 der Lindenhof.
Untergeschlüpft in der ehemaligen Dorfwirtschaft, deren Namen die Theaterleute für ihre Zwecke übernommen haben, ist dieser Ort im Laufe der Zeit nun tatsächlich zu einem Ausweis von Welt mitten in der Provinz geworden. Seit Jahren reisen Kritiker aus München und Hamburg, Frankfurt und Berlin an, um über das »Wunder von der Alb« zu schwärmen eine griffige Formel, die sich mittlerweile in den Feuilletons eingebürgert hat, aber trotzdem noch runterläuft wie Öl. Für Hurm steckt darin ja die größte Anerkennung, die man seiner Arbeit zollen kann. Zusammen mit Uwe Zellmer, seinem langjährigen Kointendanten, hat er den Lindenhof schließlich groß gemacht.
Der Erfolg der Melchinger verdankt sich ihrem Eigensinn. Die Künstler von der Alb die Kernmannschaft besteht aus fünfzehn Leuten beharren darauf, das scheinbar Unversöhnliche miteinander zu versöhnen: die Heimat mit der Fremde, das Lokale mit dem Globalen, die Tradition mit der Moderne. Sie dringen in die Sprache und die Geschichte der Alb ein, sie untersuchen die Archaik des Dorflebens und beschreiben dessen Verschwinden. Sie spüren ihrer Liebe zur Heimat nach und entdecken den Hass, der darunter brodeln kann: Hass auf die Enge, die jeden Ausbruchsversuch zu ersticken droht. Das sind die Themen, von denen sich die Lindenhöfler umtreiben lassen, wobei ihnen ihre wiederum eigensinnige Personalpolitik entgegenkommt: die exotische Mischung aus Laien und Profis.
Keiner aus dem Ensemble hat je eine Schauspielschule durchlaufen, keiner ist je rund geschmirgelt worden für die Erfordernisse des deutschen Stadt- und Staatstheaters. Die Lindenhöfler haben sich, trotz langer Bühnenpraxis, ihre sprachgestischen Ecken und Kanten bewahrt, und genau diese Urwüchsigkeit scheint die Regisseure aus dem etablierten Theaterbetrieb anzuziehen.
»Dem Ort müssen Flügel wachsen, wenn wir ihn bespielen«
Vor Kurzem war Christoph Biermeier wieder hier. Groß geworden an Häusern in München, Mannheim und Freiburg, renoviert er seit einigen Jahren die Freilichtspiele in Schwäbisch Hall. Zwischendurch inszeniert er regelmäßig in Melchingen, zuletzt im Frühjahr, als er Georg Elser von Felix Huby uraufführte. Der von der Alb stammende Hitlerattentäter als stiller Brüter, gespenstisch verkörpert von Bernhard Hurm. Mit dieser expressionistischen Horrordialektgroteske gelang dem Regisseur ein schlagendes Beispiel für das etwas andere, das düstere Volks- und Mundarttheater, das in der Fachwerkscheune des Lindenhofs gepflegt wird. Nicht volkstümelnd und anbiedernd, sondern verstörend und aufrührend tritt es vors Publikum, grob sinnlich und sanft poetisch.
Ist es zu weit gegriffen, wenn man behauptet, »Schwabens höchste Bühne« (736 Meter überm Meer) habe das zeitgenössische Volkstheater revolutioniert? Gewiss ist, dass man an der unverwechselbaren Melchinger Ästhetik längst auch in den Metropolen Gefallen findet.
Einmal sollte eine Aufführung von der Alb zum Berliner Theatertreffen reisen, was aber am Bühnenbild gescheitert sei, sagt Hurm. Und wie zuvor beim »Meeting-Point« schwingt auch in dieser Erklärung wieder eine trockene Ironie mit, denn die auserwählte, von Peter Härtling geschriebene Melchinger Winterreise war, jenseits aller Metaphern, eine Reise durch den Melchinger Winter. Auf verschneiten Albhöhen folgte man den Spuren des wahnsinnigen Komponisten Franz Schubert und sah bezwingend suggestive Szenen auf einem Gewann, das auch noch Himmelberg hieß. Keine Macht der Welt konnte diese grandiosen Bühnenlandschaftsbilder verpflanzen, auch keine hochmögende Jury.
Dass sich Melchinger Wunder selbst in der Natur ereignen können, hätte man freilich schon vor dieser herb-verwunschenen Winterreise wissen können. Die Lust, Vorgefundenes zu verzaubern, hat die Schauspieler immer wieder ins Offene getrieben und sie zu Spezialisten des weiträumigen Freilichttheaters gemacht alle paar Jahre richten sie deshalb auch den Tübinger Theatersommer aus. » Dem Ort müssen Flügel wachsen, wenn wir ihn bespielen«, sagt Hurm, »er muss ins Schweben kommen.« Das ist nicht nur bei der erwähnten Schneewanderung schon ansatzweise passiert, sondern auch beim Hölderlin-Spaziergang auf der Tübinger Neckarinsel, just gegenüber dem Hölderlin-Turm, in dem der Dichter seine letzten Lebensjahrzehnte verbrachte. Inspiriert vom Genius Loci, glückte es dem Ensemble damals, Park und Fluss in eine sinnenbetörende, von Flammen erfasste Seelenlandschaft zu verwandeln.
Und das Projekt Eine Bahnfahrt und der Raum entschwindet verwandelte Zuschauer wie Schauspieler in Passagiere einer Zauberzugreise über die Schwäbische Alb.
In diesem Jahr aber steht das Französische Viertel zur Verzauberung an. Und hier lebt der Traum von einer Stadt, in der der Mensch das Maß aller Dinge ist. In diesem Viertel waren bis 1991 französische Truppen stationiert. Nach deren Abzug gingen die Tübinger Stadtplaner an die Umwandlung des riesigen Übungs- und Kasernengeländes. Sie machten dabei nicht den Fehler, Großinvestoren zu engagieren - kleine Baugemeinschaften zogen vier- bis fünfstöckige Häuserblocks hoch mit der Auflage, in den Erdgeschossen Läden, Büros und Werkstätten unterzubringen. So ist es auch geschehen: In der dicht bebauten »Stadt der kurzen Wege«, mittlerweile ein mit vielen Architekturpreisen bedachtes Vorzeigeobjekt, geht das Wohnen einher mit dem Arbeiten. Und weil das Bauland günstig zu haben war, ließen sich auch viele Jungakademiker mit Familie hier nieder. Bei unserem Ortstermin im Latour lernen wir die Bewohner des Französischen Viertels kennen: gebildet, zwischen dreißig und fünfzig, sehr alternativ. Die Schwarzen überspringen bei Wahlen kaum die Fünfprozenthürde, während die Grünen absolute Mehrheiten einfahren, was natürlich auch am Obergrünen Boris Palmer liegt, der ebenfalls um die Ecke wohnt. Seit er aber das Rathaus in der Innenstadt erobert hat, lässt er sich im Latour, dem heimlichen Rathaus des Viertels, nicht mehr ganz so häufig blicken.
In diesem Biotop soll nun also das neueste Melchingen-Projekt gedeihen. Es trägt den doppelsinnigen Titel Aussem Paradies. Regie führt Siegfried Bühr, der schon den legendären Hölderlin-Spaziergang inszenierte, und eine Theaterwanderung hat er auch jetzt im Juli und August wieder im Sinn: Sechs Schauspielerpaare werden das Publikum durchs Französische Viertel und weit darüber hinaus führen. Auf der alten Panzerstraße gehts hoch in den Wald und vorbei an den Schießständen der Soldaten, runter ins Tal und vorbei am Wagendorf, einer abenteuerlichen Siedlung von sechzig Erwachsenen und Kindern, die für den Regisseur ein Geschenk des Himmels sind: Diese Aussteiger leben in alten Last-, Bau- und Zirkuswagen und verstehen sich als Nomaden des 21. Jahrhunderts. Der Rundweg beginnt also mit der Vertreibung »aussem Paradies«, er erzählt Geschichten »aussem Paradies« und spielt mit der Hoffnung, dort eines Tages auch wieder einzukehren. Das Theater endet, unmittelbar nach der Wagenburg, im Französischen Viertel ein utopischer Wink, der zugleich den Blick wieder zurücklenkt auf die Stadtgeschichte, auch jenseits aller Stadtplanung. Bühr will in seinem Spaziergang das närrische Großbiotop Tübingen aufleuchten lassen, das windschiefe Nebeneinander von Professor und Kartoffelbauer, Weltethos und Kehrwoche.
Im Abstrakten das Konkrete suchen, im Konkreten das Abstrakte: typisch Lindenhof. Vor zwei Jahren hat Bernhard Hurm mit seinem Kompagnon Uwe Zellmer das Melchinger Brevier herausgegeben, eine Sammlung von Texten, die den Theatermachern auf der Alb als »Wegweiser und Kraftquelle« dienen. Dazu gehört auch Kleists Abhandlung Über das Marionettentheater mit dem Satz: »Doch das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns - wir müssen die Reise um die Welt machen und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.« Die Leute vom Lindenhof nehmen diese Aufforderung ernst. Wieder und wieder suchen sie den Eingang ins Gelobte Land. Auch in diesem Sommer wird man ihre Sehnsuchtsreise vermutlich mit Staunen begleiten.
'Aussem Paradies' hat am 16. Juli in Tübingen Premiere, www.theater-lindenhof.de
- Datum 24.04.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.18 vom 24.04.2008, S.K33
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