Huber sagt, dies sei ein Fall, den habe noch keiner erlebt. Ein einzigartiger Fall in der deutschen Kriminalgeschichte, das müsse man klar sagen, sagt Huber, da man über diesen Fall bis heute gar nichts Klares sagen könne. Huber ist der Frau seit exakt zwölf Monaten auf der Spur. Genau genommen nicht ihr selbst: Ihrer Spur ist er auf der Spur. Die Frau könnte eine Serienmörderin sein, muss es aber nicht.

Tatbeteiligt war sie immer. Ihre Opfer sind alt wie jung, männlich wie weiblich. Es gibt keine Strategie, kein Muster, kein Motiv, keine Kohärenz, keine inneren, keine äußeren Zusammenhänge.

Huber ist 40 und sein Händedruck gewaltig. Er habe schon jünger ausgesehen, sagen Kollegen. Huber weiß nicht, wem er auf der Spur ist.

Er kennt nur den genetischen Code einer weiblichen Person, die er nicht kennt. » Ist dieser Fall nicht ein Albtraum für jeden Ermittler?«

Nein, sagt Huber, aber er träume von der Frau. » Ist da Bewunderung im Spiel, für ihre operative Intelligenz?« Bewunderung um Gottes willen, nein, sagt Huber, die Frau verhalte sich auch unerhört dilettantisch. » Dilettantisch unvorsichtig?« » So isches«, sagt Huber. Meistens sind seine Lippen schmal. » Umso erstaunlicher, dass sie seit 15 Jahren frei herumläuft.« » Letschtendlich ja«, sagt Huber. Die Sache klingt so ungeheuerlich, dass er manchmal lachen muss.

Die Frau hat kein Gesicht und keine Gestalt, kein Alter, keinen Namen, keine Nationalität, keine Muttersprache. Niemand kann sagen, ob sie blond oder brünett ist, dunkelhäutig oder weiß, groß oder klein. Wer sie gesehen haben könnte, schweigt bisher. Wer sie gesehen haben muss, leugnet. Aus Angst vermutlich. Huber weiß nicht, warum. 100000 Euro Belohnung sind ausgeschrieben, und keiner bricht das Schweigen. Die Frau beschäftigt seit 1993 europaweit über 100 Polizisten, Ermittler und Kriminaltechniker. Mit ihrer Spur sind sechs Sonderkommissionen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Österreich, vier Bundesländer, vier Staatsanwaltschaften und mindestens vier Polizeidirektionen in vorderster Dringlichkeit befasst. Bunte Medien bezeichnen sie als »Phantom«.

Huber sagt, sie sei kein Phantom. Die Frau existiere. Das wisse man.

Huber nennt sie kurz »UWP«, unbekannte weibliche Person. All das, sagt Huber, sei mysteriös. Mysteriös heißt nicht frustrierend, kommt aber nahe an frustrierend heran. Stärkere Emotionen lässt Huber nicht zu.

Man müsse diesen Frank Huber zum Urlaub zwingen, sagt Peter Lechner, Sprecher der Kripo Heilbronn. Dieser Fall, hat Lechner gerade einem US-Magazin und dem französischen Frühstücksfernsehen gesagt, sprenge alles je Dagewesene: Huber und seine Leute hätten 3000 Spuren erfasst und 2400 bearbeitet. Es habe darunter nicht einen einzigen konkreten Hinweis auf die Frau gegeben. Tausende von lauwarmen, kühlen und kalten Spuren.

Waren es zwei Schüsse? Vielleicht. Vielleicht mehr. Aber mindestens zwei

Jede neue Spur führe von alten Hypothesen fort, eröffne letztendlich aber auch neue Chancen. Letztendlich. Das sagt Huber in jedem dritten Satz. Optimismus ist anstrengend. Irgendwie ist das mittlerweile eine Art Duell: Apparat gegen Code, Mensch gegen Zahl, Staat gegen Zelle, Huber gegen die Frau. Es ist ein Fahnden im Konjunktiv, ein Ermitteln im Diffusen. Wer sich im Einzugsbereich von Logik und Effizienz bewegt, tut sich schwer mit dem sporadischen Aufblitzen des Bösen in Form eines unbeseelten Gencodes. Eindeutig klar ist bis zum heutigen Tag nur eines: UWP läuft frei herum. Irgendwann könnte sie zum siebten Mal morden oder an einem Mord beteiligt sein. Huber hat Hoffnung. Er muss Hoffnung haben, letztendlich, weil er die Hoffnung von Staatsanwaltschaft, Präsidium und Politik ist. Man setzt auf ihn. Seit dem 25. April 2007, sagt Huber, lebten er und seine Familie mit dieser Frau, Tag und Nacht. Über Heilbronn fällt kalter Regen. Im Süden ist das selten, Ende April.

Ein Jahr zuvor steht um diese Zeit nicht eine Wolke am Himmel über Heilbronn, 30 Grad werden gemessen. Der 25. April ist ein Mittwoch.

Auf der Theresienwiese zwischen Neckarkanal und General-Wever-Turm bauen Schausteller Zelte und Fahrgeräte für das Frühlingsfest auf. Die Stellwerker der Bundesbahn sehen von ihrem Turm in 20 Metern Höhe, dass um die Mittagszeit ein Polizeiwagen in der Mitte der rechten Hälfte des geschotterten Platzes parkt, im Schatten des Umspannwerks aus rotem Backstein. Huber sagt nicht, dass die Fenster des BMW heruntergelassen gewesen seien. Das sagen die Stellwerker. Die Polizei vespere wieder, hätten sie gewitzelt. Jeden Tag habe ein Polizeiwagen vorm Umspannwerk gestanden, Mittagszeit, Mahlzeit.

Was an jenem Mittwoch um 13.58 Uhr im Schatten des Umspannwerks genau geschah, muss spekulativ rekonstruiert werden. Huber gibt nichts preis. » Täterwissen«, sagt er, das Wissen um den exakten Tathergang, das nur die tatbeteiligte Person haben kann und er, Huber, die Polizei. Täterwissen verrate die tatbeteiligte Person, wenn sie Details ausplaudere. Auf diese Weise löste Huber seinen letzten Mordfall, nach nur vier Wochen.

Eine tatbeteiligte Person ist nicht unbedingt auch der Täter. So genau muss man es schon nehmen. Alles andere ist spekulativ. » Spekulativ« sagt Huber so oft wie »letztendlich«. Letztendlich ist alles spekulativ. Mit Logik braucht man Huber nicht mehr zu kommen. In diesem Fall passt nichts zusammen. Huber sagt, mit dem gesunden Menschenverstand eines Ermittlers allein könne man hier nicht mehr vorgehen.

Um kurz vor 14 Uhr hören an jenem heißen Mittwoch mehrere Ohrenzeugen auf der Theresienwiese die Schüsse. Waren es zwei Schüsse? Vielleicht.

Vielleicht mehr. Aber mindestens zwei. Ein gezielter Schuss in den Kopf tötet die 22-jährige Bereitschaftspolizistin Michèle Kiesewetter, ein zweiter Schuss in den Kopf des Bereitschaftspolizisten Martin A., 24, zerstört nur dessen Erinnerungsvermögen. Organisch bedingte Amnesie, sagen die Ärzte, es komme wohl keine Erinnerung an jenen Mittwoch mehr zurück. A. lag im Koma. Jetzt ist er wieder im Dienst, ein fröhlicher Mensch, sagen die Kollegen.

In dieser Woche, am 25. April, jähren sich Mord und Mordversuch in Heilbronn zum ersten Mal. Der Name Michèle Kiesewetters wird als »im Dienst getötet« auf der Marmorplatte im Foyer der Polizeidirektion verewigt. Der Letzte, der im Heilbronner Dienst gefallen war, starb 1956. Sie sei eine gute Polizistin und ein lebensfroher Mensch gewesen, sagen die Kollegen. Eine Mahnminute an der Theresienwiese ist vorgesehen, an der Gedenktafel für Michèle Kiesewetter, vor der vier Osterglocken im Einwegglas ihre Köpfe beugen im Regen dieser Tage.

Zwei Schüsse also. Huber sagt, es müssen mindestens zwei Täter gewesen sein. Vielleicht auch mehr, aber nicht weniger als zwei. Keine weiteren Einschüsse. Keine Projektile aus Polizeiwaffen. Keine Gegenwehr also. Das legt genau einen Schluss nahe: zweifache Hinrichtung. Dazu sagt Huber nichts. Täterwissen.

Die Kriminaltechniker nehmen mehr als 150 DNA-Proben im und am 5er-BMW mit dem Kennzeichen GP 3464 der Bereitschaftspolizei Baden-Württemberg. Die Dienstwaffen der beiden Beamten und die Handschellen fehlen. Die Polizei wird mit Hunderten von Hinweisen aus der Bevölkerung überschwemmt. Es habe, sagt Huber, nicht einen einzigen Augenzeugen gegeben. Das erstaunt ihn bis heute. Wie kann das sein? Zwei stark frequentierte Radwege verlaufen direkt am Umspannwerk, viele Menschen bauten das Frühlingsfest auf, es war helllichter Tag, Fahrer parkten ihre Autos, auf dem Neckarkanal fuhren Schiffe, am Kanal angelten Angler, im Stellwerk saßen Stellwerker.

Nichts.

Sind die Täter durch den Neckarkanal geschwommen? Haben sie die Bahngleise überquert? Gab es einen Hinterhalt? Niemand hat jemanden gesehen. Keine Frau, keinen Mann. Bis heute lässt die Heilbronner Polizei fast wöchentlich in Zeitungen und TV-Programmen wissen, dass sie Augenzeugen Vertraulichkeit zusichert. Nichts.

Die Stadt Heilbronn liegt als ideales Drehkreuz zwischen dem Neckar-Odenwald-, dem Hohenlohe- und dem Main-Tauber-Kreis.

Heilbronner sagen, wöchentlich kämen viele Busse aus Rumänien oder der Ukraine. Der Busbahnhof ist wenige Hundert Meter vom Tatort entfernt.

Noch näher, hinter den Bahngleisen, liegt das Bordell H7. An der Hafenstraße zwischen Theresienwiese und dem H7 mit aufgemalten Mündern, hört man aus der Bevölkerung, stünden seit Jahren slawisch sprechende Drogenprostituierte. Könnte die Tat die Warnung einer osteuropäischen Drogenbande gewesen sein? Huber geht der Möglichkeit nach, aber er findet keinerlei Anhaltspunkte. Er lässt das private Umfeld von Michèle Kiesewetter ausleuchten. Nichts.

Im Rahmen der Aktion »Sichere City« hatte die Bereitschaftspolizistin Kiesewetter einige Wochen vor dem Mord verdeckt bei Kleindealern Heilbronns ermittelt. Es habe 22 Haftbefehle gegeben, sagt Huber. 150 Personen aus dem Milieu seien sofort überprüft worden. Nichts.

Anfang Juni 2007, sechs Wochen nach dem Mord an Michèle Kiesewetter und dem Mordversuch an Martin A., erlebt die Soko »Parkplatz« unter Leitung von Kriminalrat Frank Huber endlich ihr erstes Hoch. Aus der zentralen Gendatei des BKA aus Wiesbaden kommt die Nachricht, unter den am Tatort gefundenen Spuren sei die einer weiblichen Person enthalten, deren DNA in den vergangenen 15 Jahren an 26 Tatorten in Tirol, Linz, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg und nach einem Autodiebstahl im Oktober 2003 auch auf dem Tankdeckel eines Wagens in Heilbronn festgestellt worden sei.

Der Zahlencode eines uncodierten Stücks Desoxyribonukleinsäure aus einem XX-Chromosom, das Identifizierungsmuster einer Frau ohne Identität das ist die einzige sichere Erkenntnis der Soko »Parkplatz« nach zwölf Monaten Ermittlung und 12000 Überstunden. Bis heute ist dieser Zahlencode in einem Radius von 400 Kilometern an 30 Tatorten in der Bundesrepublik, in Österreich und Frankreich aufgetaucht. Huber sagt, der Code sei sein Faustpfand. Der »Treffer« habe das gesamte Team elektrisiert.

Brauer in Bad Kreuznach vernimmt den Jubel aus Heilbronn und weiß sofort, dass es um die Ruhe in der pfälzischen Provinz geschehen ist.

Alles wird von vorne losgehen, und so kommt es. Die verstaubte Akte »Schlenger« wird aus der Registratur auf Brauers Schreibtisch gehievt.

Brauer sagt, der Fall werde immer verrückter. Neue Spuren widersprächen alten - mal habe man es mit hochprofessionell organisierten Einbrechern zu tun, dann mit ungeschickten Dieben. Mal mit Morden, deren Ausführung auf Profikiller hinweise, dann mit Opfern, die durch pure Gewalt zu Tode gebracht worden seien. Statt sich scharf zu stellen, zerfällt das Bild in tausend Pixel. Das Bild der Frau ist das Bildnis einer monströsen Leere.

Jürgen Brauer sagt, er glaube manchmal, dass irgendwo ein Fehler passiert sein müsse. Die Frau verfolgt ihn, seit er Leitender Oberstaatsanwalt von Bad Kreuznach ist. Brauer ist Herr des Verfahrens in einem bis heute ungeklärten Mordfall.

Die Rentnerin liegt erdrosselt auf der Schwelle zum Wohnzimmer

Die Nachbarin von Lieselotte Schlenger erinnert sich noch heute genau, dass der 25. Mai 1993 ein sehr heißer Tag gewesen sei. Die Anwohner des Sechsparteienhauses Saarring 4 in Idar-Oberstein, oberhalb der Deutschen Edelsteinstraße, hätten im Garten oder am geöffneten Fenster gesessen. Das Wohnviertel ist ruhig und liegt am Hang, Typus Ruhestandssiedlung verdienter Arbeiter. Nebenan breitet sich eine große Kaserne aus. Vergnügte Singvögel sind zu hören, so ruhig ist es sogar werktags.

Die Nachbarin sieht Frau Schlenger eine, wie sie sagt, liebe, zurückgezogene Frau von 62, die seit Jahren allein in der Wohnung im ersten Stock gelebt habe ganz sicher am Mittag des 25. Mai. Man habe sich gegrüßt. Das nächste Mal sieht die Nachbarin Frau Schlenger am Mittag des 26. Mai. Die Rentnerin liegt erdrosselt auf der Schwelle zum Wohnzimmer, Rückenlage, in Kittelschürze und Hausschuhen.

Vermögend sei sie nicht gewesen. Schränke und Schubläden seien durchwühlt worden. Die Kriminaltechniker nehmen Tassen, Kleidungsstücke und einen Blumendraht mit ins Labor. Der Täter muss diesen Draht als Schlinge um den Hals von Frau Schlenger gelegt und mit großer Kraft zugezogen haben. Die Polizei ermittelt wochenlang.

Ein Ergebnis gibt es nicht. Der Fall wird ad acta gelegt. Aber Mord verjährt nicht.

Als die DNA-Analyse-Technik um 2001 eine neue Qualitätsstufe erreicht, lässt die Oberstaatsanwaltschaft Bad Kreuznach alle ungeklärten Kapitalverbrechen nochmals überprüfen und führt alle gelagerten Asservate systematisch der molekularbiologischen Analyse zu. Auf der Drahtschlinge aus dem Fall Schlenger wird eine männliche DNA gefunden, die weder vor dem Mord noch seither wieder aufgetaucht ist. Auf einer Tasse aus der Wohnung von Frau Schlenger wird eine bisher unbekannte weibliche DNA entdeckt.

Die Staatsanwaltschaft lässt auch im Milieu der Drückerkolonnen ermitteln. Brauer sagt, um 1993 herum hätten in Rheinland-Pfalz häufig Zeitungswerber an den Türen geklingelt, um Zeitschriftenabonnements zu verkaufen. Speichelproben im höheren dreistelligen Bereich werden genommen, für wenige bedarf es richterlicher Beschlüsse. Wochen später liegen die Ergebnisse vor. Nichts.

Der Elan lässt nach, die Akten wandern in die Registratur. Fünf Jahre vergehen. Vergangenen Juni dann kommt die Nachricht aus Heilbronn: Der Zahlencode einer Spur aus dem 5er-BMW sei identisch mit jenem der DNA von der Tasse aus Lieselotte Schlengers Wohnung. Zwischen den Morden in Idar-Oberstein 1993 und Heilbronn 2007 besteht auf einmal ein Zusammenhang.

Der Leitende Oberstaatsanwalt Brauer sagt, man könne nicht nachweisen, dass der Mörder von Frau Schlenger und die unbekannte Frau zur selben Zeit in der Wohnung am Saarring 4 gewesen seien. Es sei sehr wahrscheinlich, aber nicht nachweisbar. Brauer sagt weiter, es sei nicht nachzuweisen, dass die Frau, die im Saarring 4 gewesen sei, auch den Mord an Michèle Kiesewetter begangen habe. Es könnte sein, dass sie zur jeweiligen Tatzeit an beiden Tatorten war. Genauso könnte sein, dass sie an beiden Tatorten viel früher war, einen Tag, eine Woche oder ein Jahr zuvor. Wann genau, ist Täterwissen. Nur dass sie da war, das ist sicher.

Die Krux der DNA-Analyse sei, sagt Brauer, dass man das Alter einer Spur nicht bestimmen könne. Wenn UWP irgendwann einmal gefasst sei, werde sie sich in jedem Fall wegen gemeinschaftlichen Mordes verantworten müssen. Wenn.

Idar-Oberstein ist, kriminalistisch betrachtet, der Anfang einer unfassbaren Serie, die nicht den geringsten Sinn ergibt: Gartenhauseinbrüche, Airbagraub, Motorraddiebstähle, Büroeinbrüche, Kfz-Aufbrüche, Mord.

Kurz nachdem die DNA-Spur auf der Tasse aus dem Saarring 4 identifiziert ist, wird in der Nacht vom 24. auf den 25. Oktober 2001 in der Schrebergartenkolonie von Mainz-Budenheim ein Wohnwagen gewaltsam geöffnet. Niemand kommt zu Schaden, nichts fehlt. Kein Bewohner des Campingplatzes von nebenan hat etwas bemerkt. Brauer sagt, es sei einem geistesgegenwärtigen Kriminaltechniker zu verdanken, dass ein angebissener Keks auf einem Tisch im Wohnwagen auf DNA-Spuren untersucht worden sei. Die Probe geht ins Labor, von dort in die Verbunddatei des BKA. Dann meldet der zentrale Rechner in Wiesbaden einen mehrstelligen Zahlencode, der die Ermittler euphorisch stimmt. Warum hat die Frau den Keks zurückgelassen? Warum hat sie die Spur nicht beseitigt? In wie vielen Gartenhäusern hat sie noch genächtigt, ohne dass man weiß, dass sie es war?

In jenen Tagen, Oktober 2001, tritt in einem Waldstück im rheinland-pfälzischen Gerolstein ein Junge auf eine Spritze. Die Eltern rufen die Polizei, die Spritze kommt ins Labor. Darin enthalten gewesen sei, wie es heißt, ein dreckiges Heroingemisch, schlechter Stoff. HIV-Gefahr ausgeschlossen. Im Zuge der Untersuchung wird an der Spritze zufällig eine DNA gefunden. Es ist der Zahlencode der Frau.

Kann man allein aufgrund dieses Codes unzweifelhaft von einer Frau sprechen? Die Fehlerquote bei der genetischen Bestimmung des Geschlechts, sagen Sachverständige, liege bei 1 zu 5000. Sehr gering.

Genauer als die DNA-Analyse, heißt das, geht es nicht. Wissenschaftler bezeichnen sie als Wundermittel, Biologen als Revolution. Ermittler wissen, dass die Analyse nur Sinn ergibt, wenn die Tat vorher rekonstruiert worden ist. Wer nicht weiß, wo er zu suchen hat, findet auch keine DNA (siehe Kasten S. 17).

Huber kennt die Fälle in Idar-Oberstein, in Worms, Gerolstein, Mainz.

Er sagt, er schließe aus, dass es sich bei der DNA-Spur um einen Irrtum handele. Seine Soko »Parkplatz« in Heilbronn habe von Anfang an auf »kreative Ermittlung« gesetzt. Eine erste Hypothese führt ins Schaustellergewerbe. Nichts. Eine zweite Hypothese zielt ins Drogenmilieu. Nichts. Einer dritten Hypothese zufolge könnte die Frau einer Sippe des sogenannten »fahrenden Volkes« entstammen, Roma oder Sinti, im Volksmund auch abfällig Zigeuner genannt. Beweise gibt es keine, nur die vage Möglichkeit eines Musters. Man kennt es seit März 2001 aus Freiburg.

Der Walzenbach sei »aus dem Knascht kommen«, sagt der Nachbar. Der Walzenbach sei homosexuell gewesen und pädophil. Er sei ein Einzelgänger gewesen, nein, ein Sonderling. Er habe Glücksspielautomaten aufgesucht. Der Walzenbach habe stets eine Schildkappe getragen und dicke Stumpen geraucht. Er soll mit Trödel gehandelt haben, Tassen, Möbel, alter Krempel eben, sagt der Nachbar.

Vermögend sei er nicht gewesen, nicht mal ein Auto habe er besessen.

Josef Walzenbach wohnte im Erdgeschoss eines Hauses aus dem 17.

Jahrhundert in Freiburg, Stadtteil St. Georgen, Andreas-Hofer-Straße 38. Noch heute rätseln die Anwohner über seinen Fall. Die schlafgestörte Mutter des Nachbarn habe immer am Fenster gesessen, und nie habe sie jemanden zum Walzenbach reingehen oder vom Walzenbach rauskommen sehen. Als er einzog, sagt der Nachbar aus Nummer 40, habe der Walzenbach ja einen Bewährungshelfer gehabt.

Alles Spekulation, sagt Bernd Werneth, Kriminalhauptkommissar der Polizei Freiburg und seit 2001 Ermittlungsgruppenleiter der Soko »St.

Georgen«. Die habe sofort in allen einschlägigen Milieus ermittelt, alle Hinweise verfolgt, habe geprüft, überprüft, wieder geprüft. 14 Umzugskartons mit Leitz-Ordnern. Nichts.

An den Küchenschubladen finden die Ermittler Schweißspuren

Was war geschehen? Am 24. März 2001, einem heiteren Samstag, später Nachmittag, früher Abend, wird Josef Walzenbach, 61, untersetzt, stämmig, kastanienrotbraune Haare, mit drei seiner eigenen Gürtel in der Küche erwürgt. Die Frau aus dem ersten Stock habe Walzenbach am Montagmorgen auf dem Bauch in der Küche liegen sehen, mit dem Kopf vor der Waschmaschine. Die Küche ist so schmal, dass gerade ein Mann zum Liegen kommen kann. Die Wohnung misst 40 Quadratmeter und hat ausschließlich niedrige Decken. Nicht einmal Walzenbachs Videokamera sei gestohlen worden.

Kurioserweise werden auf den Gürteln nur Walzenbachs, nicht aber fremde DNA-Spuren gefunden. Der Täter oder die Täterin muss Handschuhe getragen haben. Als die Techniker die Küchenschubladen untersuchen, stellen sie Schweißspuren fest. Wenig später zeigt der Computer den Zahlencode einer Fremd-DNA an. Es ist der Code der Frau.

Die erste Arbeitshypothese der Freiburger Soko »St. Georgen« befasst sich wie die in Idar-Oberstein intensiv mit der Szene der Zeitschriftenwerber. Man habe das Personal von Werberfirmen aus den Jahren 1993 bis 2001 überprüft, die Frauen »gespeichelt«, allein in Freiburg 500. Speicheln nennen die Ermittler die Speichelprobe mit dem Wattestäbchen an der Mundschleimhaut. Monatelang seien seine Ermittler durch ganz Deutschland gefahren, sagt Werneth. Ohne Ergebnis.

Eine zweite Hypothese führt ins Milieu des »fahrenden Volks«.

Fehlanzeige. Nichts.

Weder in Idar-Oberstein noch in Freiburg habe es Hinweise auf eine gewaltsame Öffnung der Tür gegeben. Lieselotte Schlenger und Joseph Walzenbach müssen ihre Mörder hereingelassen haben. Beide werden als misstrauisch und zurückgezogen geschildert.

Werneth sagt, all das sei höchst sonderbar, so etwas habe er bei der Polizei noch nie erlebt, dass man nach jedem Treffer dachte: Jetzt haben wir sie! Und dann hatte man: nichts. » Ä Tötungsdelikt«, sagt Werneth in alemannischem Dialekt, »des willsch unbedingt!« Diese Frau, sagt Werneth, habe sich zu keiner Zeit Mühe gegeben, Spuren zu beseitigen. Entweder sei ihr das egal, oder sie sei weltfremd, abgeschnitten von Zeitung und Rundfunk, lebe in den Tag hinein, ohne sich bewusst zu sein, dass eigens eingerichtete Sonderkommissionen und ganze Abteilungen in Landeskriminalämtern in halb Deutschland nach ihr suchen.

Wie fahrlässig UWP vorgeht, zeigt sich spätestens Anfang April 2004, drei Jahre nach dem Mord an Josef Walzenbach. Im Büro des städtischen Asyl- und Obdachlosenheims in der Hermann-Mitsch-Straße, Freiburg-Nord, zwischen Messe, Industriepark und Flugplatz, wird nachts der Tresor aufgeschweißt. Wieder ist das Gelände zwielichtig.

Kinderfahrräder liegen herum, Rollläden sind verschlossen, hinter den Gardinen der containerartigen Unterkünfte kauern Frauen. Werneth sagt, einen Tresor aufschweißen könne nicht jeder, dazu müsse man Fertigkeiten besitzen. Das Risiko, bei der Tat beobachtet zu werden, sei im Obdachlosenheim überaus hoch.

Einige Tausend Euro und Wertmarken fehlen. Die Kriminaltechniker finden eine angefangene Flasche Wasser und nehmen Speichelspuren. Die Probe geht ans LKA, wird dort isoliert, ausgewertet und elektronisch in die Verbunddatei gesendet. Die DNA-Analyse-Datei beim BKA in Wiesbaden zeigt einen Treffer.

Dass die Frau am Einbruch beteiligt war, ist damit nicht gesagt.

Vielleicht war sie früher einmal in diesem Büro, vielleicht aber auch in jener Nacht. Vielleicht als Schweißerin, vielleicht nur als Begleitung. Vielleicht hat sie die Flasche irgendwann außerhalb des Büros in der Hand gehabt. Die Frau selbst könnte süchtig oder obdachlos sein. Sie könnte Dealerin sein, Begleitung eines Rauschgiftsüchtigen oder einer Obdachlosen. Alles ist möglich. Alles ist letztendlich spekulativ. Die Ermittler suchen im Milieu der Betäubungsmittelabhängigen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen nach einer Schnittmenge. Nichts.

Wochen später werden bei einer türkischen Familie in Freiburg-West zufällig Wertmarken aus dem Büro der Hermann-Mitsch-Straße gefunden.

Die Familie hat zur Tatzeit am Tatort gelebt. Werneth sagt, die Ermittler hätten frohlockt. Man wähnte sich nah an einer Art Ziel.

Akribische Überprüfungen führen zu einem Endergebnis. Nichts.

Im Oktober 2004 erhalten Werneths Leute die Nachricht einer Serie von Gartenhauseinbrüchen in Tirol, sechs Monate später von Einbrüchen in Linz. In drei Jahren wird an insgesamt sechzehn oberösterreichischen Tatorten die DNA der Frau gefunden, in Steinach, Ansfelden, zweimal Gallneukirchen, Loibichl, Schlierbach, Ried, Linz, Bad Ischl, Garsten, Mauthausen, Gampern, Telfs, Dietach und Imst. Niemand hat die Frau je gesehen.

Die österreichischen Behörden hätten vorbildlich und aufwendig ermittelt, loben die deutschen Kollegen. Unzählige Handyverbindungen und Funkzellen zwischen Linz und Wien seien überprüft worden.

Schließlich konnten einige männliche Täter überführt werden. Sie gestanden, wurden rechtskräftig verurteilt. Es seien darunter, wie Werneth sagt, hartgesottene Ganoven gewesen, Exjugoslawen und Slowaken. Nach Lage der Dinge müssen sie die Frau kennen, zumindest gesehen haben. Warum schweigen selbst hartgesottene Ganoven?

Es gibt keine Verbindung weder zwischen den Tätern noch zwischen den Opfern oder zwischen Tätern und Opfern. Von Organisierter Kriminalität könne keine Rede sein, sagt Werneth, zu schlecht seien Einbrüche und Diebstähle durchgeführt, zu viele Spuren hinterlassen worden, zu unwahrscheinlich sei, dass sich Profis mit derartigen Dilettanten einließen.

In Deutschland werden alle Dienststellen der Republik gebeten, künftig schon bei kleinsten Gartenhauseinbrüchen Speichelproben zu sammeln.

Die Sokos lassen bundesweit in Fachzeitschriften von Gartenhausbesitzern Mordwarnungen publizieren, Kriminalpsychologen der »Operativen Fallanalyse« in den Landeskriminalämtern erstellen Profile. Gemeinsam erarbeiten die Kommissare Hypothesen, kontrollieren sich gegenseitig, tauschen Informationen aus.

Alles sei tausendfach durchgekaut worden, sagen Huber und Werneth. Es gebe nichts, was nicht angedacht worden sei. Seit Mitte Januar dieses Jahres seien 800 Frauen, deren krimineller Hintergrund in das erstellte Raster passe, gespeichelt worden - manche hätten keinen festen Wohnsitz und hätten aufwendig gesucht werden müssen. Manche lebten mittlerweile im Ausland - Rechtshilfeersuchen seien beantragt und die Polizei im Ausland sei gebeten worden, im Auftrag der Soko »Parkplatz« Speichelproben zu nehmen. Drei Viertel der 800 Proben sind bislang ausgewertet. Nichts.

Liegt das perfekte Verbrechen vor? Legt ein Täter gezielt falsche Spuren?

Werneth ist jetzt 50. Seit sieben Jahren treibt ihn die Spur der Spurlosen um. Vor der Rente will er sie haben. Spürt er Wut? Hass?

Bewunderung? Nein. Neugier, das ja. Werneth sagt, wenn diese Frau eines Tages vor ihm sitze, wenn er im Verhörraum mit ihr einen Kaffee trinke, dann werde er sie ruhig und beherrscht einfach nur fragen, wie sie es geschafft habe, ihn und all die anderen Profis und Profiler jahrelang an der Nase rumzuführen. Seine Theorie ist die schlichteste von allen: Glück. Die Frau ist eine Katze mit bislang 30 Leben. Eines davon rettet sie 2005.

Am 6. Mai kommt es im pfälzischen Worms zum Streit zwischen den Brüdern Winterstein. Die Wintersteins entstammen einer Sippe des »fahrenden Volkes«. Randolf Winterstein feuert in der Wohnung auf seinen Bruder und verletzt ihn lebensgefährlich. Die Techniker finden ein Projektil. Auf dem Projektil wird eine genetische Spur entdeckt.

Es dauert die übliche Weile, dann ist die Gewissheit da: Es ist die DNA der Frau. Man sucht nach weiteren Verbindungen der Frau zu Personen aus der Sippe. Es gibt keine.

Die Waffe habe dem verstorbenen Vater der Brüder gehört. Ein Zusammenhang zwischen Vater Winterstein und der Frau wird nicht gefunden. Werneth sagt, sie müsse das Projektil von Worms berührt haben. Es müsse, da dies nachher unwahrscheinlich sei, im Vorfeld geschehen sein. Wie das? Sie könne jemandem die Patrone gegeben oder sie selbst in die Pistole gesteckt haben. Wie kann es aber sein, dass ihre DNA kurz zuvor auch in Arbois, einer Kleinstadt südlich von Besançon in Frankreich, an einer Spielzeugpistole auftaucht?

Dort überfallen im April 2004 vier Chinesen zwei vietnamesische Edelsteinhändler. In der Wohnung der Vietnamesen findet die französische Polizei eine Spielzeugpistole, die dem Kind eines der Opfer gehört. Neben der DNA des Kindes wird auf der Spielzeugwaffe noch eine andere DNA gefunden. Das Analyseverfahren dauert einige Zeit, dann ist klar: Es ist die DNA von UWP.

Huber ist verblüfft, Werneth ist verblüfft, Brauer ist verblüfft.

Verblüfft heißt nicht ratlos, kommt aber nahe an ratlos heran. Was haben Idar-Oberstein, Freiburg, Arbois, Gerolstein, Mainz-Budenheim und Heilbronn gemein? Nichts außer der Gewissheit eines weiblichen Genotyps.

Huber sagt, man habe es mit einer extrem gefährlichen und brutalen Person zu tun. Es gebe Tatorte, bei denen eindeutig davon auszugehen sei, dass UWP dort selbst gewesen sein müsse. Dann wiederum gebe es Taten, bei denen die Spur vorher gelegt worden sein könnte. Ermitteln im Konjunktiv. Liegt hier vielleicht das perfekte Verbrechen vor? Ein Täter, der fremde DNA »versprüht« und gezielt falsche Spuren hinterlässt?

Huber sagt, dann müsste ja die spurenlegende Person an allen 30 Tatorten mit ihrem oder seinem Sprühfläschchen an Ort und Stelle gewesen sein. Zudem müsste unterschiedliches DNA-Material »versprüht« worden sein, denn die Spur von UWP habe man in je unterschiedlicher Form gefunden: Speichel, Schweiß, Blut, Hautzellen. Schließlich müsste die UWP bereits 1993 und 2001 sehr vorausschauend gehandelt haben.

Huber sagt, diese Hypothese könne er gänzlich ausschließen. Gänzlich?

»Letschtendlich ja.«

Dann kommt aus Wiesbaden eine Nachricht, die die hinreichend ernüchterte Soko »Parkplatz« ein zweites Mal elektrisiert. In Kornwestheim, 45 Kilometer südlich von Heilbronn, werden im August 2007 in einer Schrebergartenkolonie mehrere Gartenhäuser aufgebrochen.

Die Kriminaltechniker finden DNA-Spuren, darunter die Spur der Frau.

In der Nähe des Tatorts befindet sich der international bekannte Automarkt. Samstags treffen dort Autokäufer und -verkäufer aufeinander, um, völlig legal, Handel mit Gebrauchtwagen zu treiben.

Aus Österreich wissen die Ermittler, dass UWP ihre Spur bei mehreren Einbrüchen auch in Autohäusern hinterlassen hat. Vor allem Airbags seien gestohlen worden. Wer Airbags auf eBay anbiete, könne heute gut verdienen, der Airbagmarkt sei lukrativ. Eine neue Hypothese führt ins Milieu des internationalen Gebrauchtwagenhandels. Ende Januar dieses Jahres erhält diese Vermutung kostbare Nahrung.

Liebig sagt, im Sommer 2007 habe das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz einen weißen Ford Escort Kombi erworben, was öfter geschehe. Alte Autos seien unauffälliger. Halter des Wagens sei ein V-Mann des LKA Rheinland-Pfalz gewesen, ein 39-jähriger Iraker, der, was ein offiziell unbestätigtes, aber hartnäckiges Gerücht ist, im Milieu des islamistischen Terrorismus in Ludwigshafen eingesetzt gewesen sein soll. Lothar Liebig, Leitender Oberstaatsanwalt in Frankenthal, Pfalz, sagt, er ziehe vor, in diesem Punkt nebulös zu sein. Trotzdem ist Liebig freundlich und zuvorkommend. Wie sehr ihn der Fall der Unfassbaren verblüfft, lässt er sich nicht anmerken.

Am 30. Januar habe der V-Mann Kontakt zu drei männlichen georgischen Staatsangehörigen im Alter zwischen 30 und 50 aufgenommen, die zwei Tage zuvor mit dem eigenen Auto und einer fünstelligen Summe Bargeld nach Ludwigshafen gereist seien, zwei der drei zum wiederholten Mal.

Ihr erklärtes Ziel sei gewesen, auf dem Automarkt am Giulini-Parkplatz in Ludwigshafen gebrauchte Pkw zu erwerben, nach Georgien zu überführen und dort zu verkaufen. Anhaltspunkte, die Georgier hätten sich zu illegalen Zwecken in Ludwigshafen aufgehalten, sagt Liebig, gebe es nicht.

Auf dem Automarkt sei der gebürtige Iraker in Diensten des LKA als Gebrauchtwagenhändler aktiv gewesen und habe den Georgiern einen Mercedes angeboten. Er habe sie gebeten, für ein »Schnäppchen« mit ihm ins hessische Heppenheim an der Bergstraße zu fahren, rund 60 Kilometer von Ludwigshafen entfernt. Am 30. Januar seien die Georgier in den weißen Ford Escort gestiegen. Am 31. Januar habe ein vierter Georgier bei der Polizei Ludwigshafen seine drei Bekannten als vermisst gemeldet. Das Verfahren lief an.

Über das Autokennzeichen führte die Spur ins LKA, wo man auf den irakischen V-Mann stieß. Nach dessen Rückkehr von einem Auslandsaufenthalt sei er am 10. Februar am Frankfurter Flughafen, auf dessen Parkplatz auch der gesuchte Ford Escort gefunden worden sei, festgenommen worden. Das Geschäft mit den Georgiern, habe er bei der Vernehmung lapidar zu Protokoll gegeben, sei nicht zustande gekommen.

Er und die Georgier hätten sich getrennt.

In einem Ford werden 80 DNA-Spuren gefunden. Eine gehört der Frau

Während der Untersuchungen werden im Innenraum des weißen Ford Escort Blutspuren gefunden. Die Analyse zeigt, dass es sich um DNA der Georgier handelt. Am 14. Februar wird der V-Mann unter Mordverdacht in Haft genommen, wo er eine umfassende Aussage macht, durch die eine weitere Person ins Spiel kommt: ein 26 Jahre alter Mann, der aus Somalia stammt. Viel deutet darauf hin, dass dieser als Zielperson des V-Manns beschattet wurde. Er wird am 21. Februar in Haft genommen.

Seitdem beschuldigen sich beide Männer gegenseitig.

Liebig sagt, aufgrund des Peilsenders und der GPS-Daten am Ford Escort habe das LKA die gesamte Route rekonstruieren können. Der V-Mann und die drei Georgier seien von Ludwigshafen nach Frankenthal gefahren - dort sei der Somalier zugestiegen. Zu fünft seien sie weiter zum Jochimsee nach Heppenheim gefahren, einem kleinen Badesee, etwa einen Kilometer vom Ortseingang und wenige Kilometer von der A6 MannheimFrankfurt entfernt gelegen. 200 Meter neben dem See steht auf einer Wiese ein zusammengeschusterter Hof.

Im Inneren des umzäunten Hofs ist eine verrostete Grillstelle mit Wellblechdach zu sehen - neben einem verfallenden Wohnwagen wurde eine Scheune aus Balken, Holzlatten und gewellter Hartpappe errichtet. Der erdige Boden ist bedeckt mit Stroh. Schafe mähen, Lämmer glotzen, ein Zicklein meckert. Menschen sind nicht anzutreffen. Im Boden vor der Scheune steckt ein Schild mit der Aufschrift: »Am 1. Nov. abends od.

2. Nov. in der Früh sind die geliebten Ziegen unserer Tochter, Emma und Emmi, auf unserem Hof von Eindringlingen umgebracht und geraubt worden!!! Wir sind untröstlich!!«

Neben dieser Schafsscheune am Jochimsee wurden am 30. Januar nach Anbruch der Dunkelheit die drei Georgier getötet: Zwei durch Schüsse, dem dritten, sagt Liebig, seien »die Luftwege verlegt worden«.

Einzelheiten sind Täterwissen. Die Täter hätten die Leichen mit dem weißen Ford Escort 50 Kilometer südwärts ins baden-württembergische Mannheim verbracht und dort in einen Arm des Altrheins geworfen, ein still stehendes Gewässer mit hohem Schlickanteil, wo Polizeitaucher die toten Männer am 27. Februar bargen. Insgesamt seien im und am weißen Ford Escort 80 DNA-Spuren gefunden worden. Am 10. März kommt aus Wiesbaden das Ergebnis der Auswertung. Zwei Spuren konnten identifiziert werden. Eine Spur gehört zu einem der Georgier. Die andere gehört zu der Frau.

Im Auftrag der Oberstaatsanwaltschaften Bad Kreuznach und Frankenthal befasst sich seit 27. März die Soko »Georgien« mit den Morden an den Georgiern, eine zweite Soko namens »Zelle« am Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz in Mainz arbeitet mit dem Fahndungsauftrag »Identifizierung und Festnahme« der UWP. Deren Leiter ist nur unter Zusicherung seiner Anonymität zu sprechen. Ein verschlossener Mann Anfang 40 mit dunklem Anzug. Er sagt, er könne nichts sagen, weil seine 40-köpfige Soko sich gerade in den Datenberg einarbeite, den die Suche nach der Frau bisher aufgetürmt habe.

Kann es sein, dass es die Polizei mit einer Transsexuellen zu tun hat?

Liebig legt Wert auf die Feststellung, dass es bis heute keinerlei Anhaltspunkte für eine direkte Tatbeziehung zwischen der Frau und dem Tötungsdelikt zum Nachteil der drei Georgier gebe. UWP könnte an der Tat beteiligt gewesen sein. Sie könnte aber auch Jahre, Monate, Wochen, Tage zuvor im weißen Ford Escort gesessen haben, als der noch nicht dem LKA gehörte. Alles andere ist spekulativ.

Und wenn es ganz anders ist und das Wundermittel DNA-Analyse eine Falle? Wenn also der Zahlencode stimmt, die Frau aber als Mann erscheint? Kurzum: wenn man es mit einer transsexuellen Person zu tun hat?

Bis Oktober 2004 haben sich alle Sokos auf die Suche nach einer Frau versteift. Augenzeugen wurden nach einer weiblichen Person befragt.

Die Taten wurden als Taten einer Frau behandelt. Einhellig sagen Gerichtsmediziner und Molekularbiologen der verschiedenen beteiligten Institute, dass UWP genetisch gesehen eindeutig eine Frau sei. Dass die Frau ein Zwitter sein könnte, wurde nicht weiter verfolgt.

Dass es die Ermittler mit eineiigen Zwillingen zu tun haben könnten, sei kreativ, aber spekulativ. Man habe das kurz erwogen, aber nicht weiter ausgeführt. Und wenn dem so wäre, sagt Huber, suche man statt einer äußerst brutalen Person eben zwei äußerst brutale Personen. Seit den Einbrüchen in Österreich vor dreieinhalb Jahren werden grundsätzlich auch Männer gespeichelt. Mutmaßungen über eine mögliche Zwitterhaftigkeit oder Transsexualität von UWP sind damit gegenstandslos. Alle Proben wandern jetzt zum Abgleich durch die Gendateien von 40 europäischen Ländern. Immer mehr Staaten bauen derzeit solche Dateien auf. Die Maschen des Netzes werden enger.

Seit vergangener Woche gibt es ein Phantombild. Es hängt in allen Soko-Büros und Dienststellen der Republik und wurde veröffentlicht.

Das Bild zeigt einen Mann, 20 bis 30 Jahre alt, mit kurz geschnittenem schwarzem Haar und einem schmalen Bartstreifen, der von der Unterlippe übers Kinn läuft. Der Mann wurde am Tatort von Augenzeugen gesehen, als am Tag der Deutschen Einheit 2006 in Saarbrücken, Ortsteil Burbach, nachmittags die Glasscheibe der Terrassentür eines Wohn- und Geschäftshauses mit einem großen Kieselstein eingeworfen worden war.

Der Stein wurde sichergestellt und im Labor untersucht, kürzlich erst.

Tötungsdelikte haben höhere Laborpriorität als Einbrüche. Fast eineinhalb Jahre nach der Tat teilte das LKA Saarbrücken vor zwei Wochen das Ergebnis der routinemäßigen Überprüfung mit: Am Tatwerkzeug sei eine DNA-Spur sichergestellt worden. Es ist der genetische Fingerabdruck der Frau.

UWP muss den Stein berührt haben. Irgendwann. Irgendwo. Die Wahrscheinlichkeit, dass der gesuchte Mann mit Saarbrücker Mundart sie gesehen hat, ist groß. Huber sagt, es gebe sehr viele Hinweise aus der Bevölkerung. Bahnbrechend sei keiner von ihnen.

Von UWP gibt es bis heute keine Skizze, nicht einmal einen klassischen Fingerabdruck.

Nach Lage aller Spuren scheint folgendes Psychogramm letztendlich am wenigsten spekulativ: UWP ist eine sehr flexibel agierende Person, die in Gartenhäusern nächtigt, gerne aus zurückgelassenen Flaschen trinkt und sich beizeiten anderen Ganoven anschließt. Sie hat Bezugspunkte in Rheinland Pfalz, Baden-Württemberg und Oberösterreich, ist möglicherweise drogenabhängig und zwischen 25 und 50 Jahre alt, eine Frau, die kein bestimmtes Milieu bevorzugt, ein gutes Gespür für Tatorte vor allem in Vororten, Kleinstädten oder Großstadtvierteln hat, ab und an gezielt Motorräder, Elektrowaren oder Autos stiehlt und sich unliebsamer Beobachter äußerst brutal entledigt, wenn sie bei ihren Verrichtungen überrascht wird.

Huber, Werneth, Brauer und Liebig hoffen auch auf die Gunst des Schicksals. Sie hoffen darauf, dass UWP bald einen weiteren Einbruch begeht. Erst Heppenheim, dann das Phantombild so viel Hoffnung war lange nicht in südwestdeutschen Soko-Stuben. In den Kriminalämtern und Laboren hat der Fall prinzipielle Priorität. Alle Hypothesen sind offen. Alle Möglichkeiten bleiben denkbar. Wenn aber alle durch die Taten als Täter vorstellbar gewordenen Personen in einer einzigen Person vereinigt würden, scheint es unvorstellbar, dass eine solche Person wirklich existiert. Kriminalräte und Hauptkommissare gehen davon aus, dass sich das Foto von UWP sehr wahrscheinlich bereits in ihren Dateien befindet aus einer Zeit, als noch keine DNA-Analyse zur Verfügung stand. Bild und DNA derselben Frau kann der Computer nicht in Einklang bringen. Dieser kleine Umstand könnte das unerhörte Glück der unfassbaren Frau sein.

Huber sagt, all das sei der Wahnsinn.

Beweismittel DNA

Jeder Mensch verliert, wo er geht und steht, Spuren mit seiner DNA: Haare, Schweiß, Speichel, vor allem Hautzellen, die so klein sind, dass sie mit dem Auge nicht wahrzunehmen sind. Seit 19 Jahren kann man diesen Hautabrieb mechanisch aufspüren und auswerten. Das Wattestäbchen mit der Spur gelangt, luftdicht verpackt, in die Abteilung »Molekularbiologische Untersuchungen« eines Landeskriminalamts. Dort wird ein Teil des Wattekopfs in eine wässrige Lösung gegeben und die DNA isoliert. Schließlich ist ein über fluoreszenzmarkierte Farbstoffe nachgewiesenes buntes Strichmuster zu sehen. Der Computer ordnet den farbigen Strichen bestimmte Zahlenwerte zu, die der Länge eines Stücks auf der »Strickleiter« des DNA-Moleküls entsprechen.

Wenn das Muster einer neuen Spur beim Abgleich mit dem einer bereits gespeicherten übereinstimmt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Spurenleger überführt. Seit 1993 die sogenannte Polymerase-Kettenreaktion (PCR) zur gängigen Analysemethode erhoben wurde, reichen schon wenige Zellkerne aus, um das DNA-Profil bestimmen zu können. Merkmalsbestimmungen wie Augenfarbe oder Größe der gespeichelten Person zu ermitteln ist datenschutzrechtlich verboten - bestimmbar ist ausschließlich das Geschlecht. Um den genetischen Fingerabdruck zu nehmen, setzt der Gesetzgeber eine Straftat von »erheblicher Bedeutung« voraus. schü