Fußball ist Welttheater
Selbst die Pfarrer kicken jetzt schon in bodenlangen rabenschwarzen Soutanen rund um den Wiener Stephansdom herum und trainieren für die Fußballeuropameisterschaft. Sie werben für ihre Aktion »Christen am Ball«. Die Himmelsstürmer wollen Anstoß zum Glauben geben und mit dem Mittelstürmer Christus den »größten Sieg der Welt« feiern. Wenn es dann so weit ist, haben sie nahe der Fan- eine »Friedensmeile« in Wien eingerichtet, die zur Einkehr bevölkert werden soll. Bis dahin wird Tischfußball trainiert und gastfreundliche Unterkunft für fußballverrückte Fremde angeboten, die dann am frommen public viewing und den zahlreichen night prayers teilnehmen. Am Vorabend des Spiels Österreich Deutschland wird es einen »meditativen Gottesdienst« unter dem Motto »30 Jahre nach Cordoba« geben. Bis dahin hat der runde Ball ganz Österreich eine Wertschöpfung von mindestens 600000000 Euro beschert und die Tourismuswirtschaft sieben Prozent mehr Umsatz gemacht. Schon jetzt boomt die EM-Job-Börse mit 5000 freien Stellen für Kellner, Köche und Putzer, die die kaufkräftigen Westeuropäer um täglich 250 Euro erleichtern sollen. Ossis aller Ostländer geben nur 150 aus.
Eigenartig und irritierend ist die Stimmung in der Kulturnation Österreich vor den Spielen. Man ist sich nicht sicher, ob man organisatorisch und logistisch die Leistung des verfreundeten Deutschland der WM 2006 erreichen kann. Sind Stadt und Land dem »Event« gewachsen, den man hier nicht »EM«, sondern gleich profitlich »die Euro« nennt? Kaum eine kulturelle Institution, die nicht dem rollenden Leder hinterherhechelt. » Kunst-Zonen« allüberall, um das Image »Kulturnation« zu implementieren, »Kunst-Meilen« in Konkurrenz dazu, beispielsweise an Wiens Donau-Kanal, wo sich ästhetische »Events« zuhauf mit Ruhe- und Reflexionszonen paaren sollen: Jazz, Wienerlied, Film, Kunst im Baum und Stadtparkteich, schrill begleitet vom »Trillerpfeifenkonzert« des Blut-& --Boden-Aktionisten Hermann Nitsch.
Die Wiener Festwochen sind natürlich auch auffem Platz: Im Stadion wird »Fußballtheater« gegeben - der Performer Massimo Furlan gibt als Solist Das Wunder von Cordoba und soll mit diesem austriakischen Uraltsieg über den großen Ballbruder Teutonia das miese Soccer-Image der Ösis aufpolieren. Die gigantomane Mitmachaktion des Nacktemenschenperformers Spencer Tunick macht aus dem EM-Stadion ein FKK-Gelände und das Ganze endet »Auf der Couch« im Schauspielhaus beim Freud-Stück Berggasse 19.
Man kokettiert mit Kultur was aber ist sie wert im Wertschöpfungsdiskurs? Der österreichischen Regierung ist die Staatsausstellung Herz:Rasen doch nur 1,5 Millionen Euro wert.
Ausgerechnet eine deutsche Kuratorin hat man eingekauft, Susanne Wernsing. Mit kalter Intelligenz rückt sie der Hitze des Fußballgefühls auf den Leib. Am Rande der Fanmeile, auf den 2000 Quadratmetern des Wiener Künstlerhauses, rollt sie den Herzrasen aus und stellt 500 Objekte aus ganz Europa darauf. Der Zugriff ist entschieden und kraftvoll, die Didaktik nimmt den Besucher nicht gerade zimperlich bei der Hand. Der darf interaktiv einen Spieler mimen, an Trainingsapparaten Reaktionsschnelle, Schusskraft, Kondition ausprobieren. Auf Matten kann er nach Videoanweisung Schwalben üben und nicht geschossene Tore nachschießen. Fan-Gesänge grölt er ins Mikro, vor dem er in die Rolle des Radioreporters schlüpft. Die Animationen und Aktionen bringen selbst das Laienherz zum Rasen.
Das Stadion muss als mediales Gefängnis verstanden werden
Schon diese hinreißenden Schwarz-Weiß-Fotos aus den Fünfzigern es könnten einem beim erinnerungsseligen Gedenken ans Bolzen auf dem Schulhof die Tränen kommen! Wenn da nicht die intellektuelle Bremse der Show-Trainerin reinführe! Die mutet dem Fan enorme Hirnleistung zu. Und scheut sich im publikumsfreundlichen Katalog nicht, mit hohem soziologischem Anspruch die Theorien der Philosophen Foucault, Deleuze, Baudrillard zur Anwendung zu bringen: Die Analyse des Stadions als mediales Gefängnis ist atemberaubend.
Diese Ausstellung muss gesehen haben, wer verstehen will, was er erlebt beim Kicken. Vor dem Erwerb der Eintrittskarte sollte der Besucher allerdings die Hochschulreife erworben haben. Und mindestens zwei Halbzeiten mitbringen. Herz:Rasen ist die ideale Ausstellung für den fußballnahen und bildungsfreudigen Mann. Und die Frau am Ball? Sie kommt hier entschieden zu kurz, wird nur einmal gewürdigt mit dem Exponat »Porzellan-Service für die Damen« der EM 1989.
Dafür viel Leder, Leder, Leder, in Ballform aus allen Zeiten, in Schuhform in allen Farben, die Treter von Beckenbauer aus dem Jahre 1974 sind mittlerweile archivtauglich. Und Maradona wird mit einem echten Reliquien-Haar im eigenen Altar verherrlicht. Überhaupt, das Geistliche bei dieser geistigen Trainingseinheit: Schon der Weg zum Stadion ist als Wallfahrt beschrieben, Großfotos bilden religiöse Verzückung der Fan-Gesichter ab. Die Mode-Geschäftigkeit ums Spielfeld herum, die Geldströme über und unter dem Rasen werden transparent, die politischen Implikationen sind anschaulich gemacht. Nur die Literatur, der poetische Fußball, Schrittmacher bei der Ästhetisierung dieser Sportart, ist sträflich vernachlässigt, als gäbe es nicht Gedicht und Roman, seit der Ball rollt!
Die künstlerischen Arbeiten überhaupt scheinen nur Dreingabe und Hommage ans gastgebende Künstler-Haus: elf Videos, acht Fotoarbeiten, nur zwei Tafelbilder die Kulturwissenschaft misstraut offensichtlich der Erkenntniskraft von Kunst. Dafür überdeutlich der Eifer, die Bedeutung Österreichs für die Weltfußballhistorie ins Mythosmäßige hochzustemmen die gelbe Karte für dieses Foul, das sich nicht wettmachen lässt mit einem Begleitprogramm vom »doppelpass«, der Vereinigung Dichtender Kicker. Vom 6. zum 21. Mai sollen sie, Poeten und Literatinnen, lesen und laufen und natürlich reden, reden, reden, was das Grün des Rasens hält.
Für nur 10000 Euro hat der Kurator Marcus Patka im Jüdischen Museum Wien eine Kabinettausstellung über den jüdischen Sportverein Hakoah eingerichtet. 100 Jahre Hoppauf Hakoah! ist eine solide Schau der Archivalien dieses Clubs, der einst 5000 Mitglieder zählte. Die historiografische Dokumentation präsentiert 250 Fotografien und 50 Objekte, die die Nazizeit überstanden haben, ins Exil gerettet und jetzt erstmals ausgewertet wurden. Dokumentiert wird die Geschichte einer Sportvereinigung, die 1909 gegründet wurde. Fußball, Schwimmen, Tennis, Skifahren alle Sportarten wurden trainiert. Im Fußball war man so erfolgreich, dass die Hakoah-Fußballer 1923 in London West Ham United mit 5:0 besiegten, 1924 österreichischer Fußballmeister wurden, 1926 und 1927 in den USA kickten. 1928 platzierte sich die Schwimmerin Hedy Bienenfeld bei den Europameisterschaften, und 1932 errang der Hakoah-Ringer Micki Hirschl bei der Olympiade zweimal Bronze.
Der Sportverein Hakoah und das Kräftemessen mit dem Tod
Die Nazis kappten sofort nach dem Anschluss 1938 die Erfolgssträhne, lösten den Verein auf, beschlagnahmten das Vermögen, arisierten die Immobilie - in den Sportanlagen stählte fortan die SA ihre Muskeln.
Bruchlos der Übergang in die selbst ernannte Naziopfer-Republik Österreich, die ihre Finanzbeamten bei Hakoah trainieren ließ über 50 Jahre hat der 1945 wiedergegründete Verein um die Restitution gekämpft, bis die Stadt Wien jetzt neben dem Happel-Stadion, Hauptschauplatz der EM, ein Gelände zur Verfügung stellte.
Es ist das nackte Material, das da zu uns spricht. Kein Video, kein Pappkamerad, kein Spielchen, nicht einmal ein Fußballschuh. Kein Wort über das Grauen, das noch nicht die fröhlichen, die frischen Gesichter zeichnet, und man empfindet eine irritierende Erleichterung, dass »nur« 50 der 5000 Hakoahaner von den Nationalsozialisten ermordet wurden. 200 Vereinskameraden allein konnte der Funktionär Valentin Rosenfeld retten in England gründete er den Hakoah-Swimming-Club in Emigration. Andere Athleten flüchteten sich mit ihren guten internationalen Sportverbindungen ins sichere Ausland. Da blieb kein Trikot, kein Leder übrig, das der Kurator hätte zur Schau stellen können. Es sind Alben aus Privatbesitz, die Gruppen- und Action-Aufnahmen zeigen, von glücklichem und ganz normalem Vereinsleben berichten, bei dem die schnelle, schöne Bienenfeld in Liebe fiel zu ihrem Schwimmtrainer Zsigo Wertheimer die beiden waren das Traumpaar der Hakoah. Was ist wohl aus den zweien auf der Flucht geworden? Wenigstens haben sie den Holocaust überlebt in Israel. Mehr war nicht in Erfahrung zu bringen.
Immer spürbar in dieser Ausstellung ist das Kräftemessen mit dem Tod.
Das Prunkstück, ein großer Wimpel, den Hakoah dem christlich-sozialen, für Philosemitismus nicht unbedingt bekannten Verein Wiener Sportclub 1923 geschenkt hatte, zeugt vom ganz normalen Miteinander unter Sportlern verschiedener Religionen. Marcus Patkas Beitrag zur europäischen Sportgeschichte zeigt das Spiel, den Kampf auch als konstituierendes Element jüdischer Identität, ein Element, das von den Nazis schwer beschädigt wurde. Der jüdische Sportverein ist da nur ein besonders anschauliches Exempel, weil er zionistisch, das heißt ausdrücklich sportpolitisch, ausgerichtet war. So setzte seine Schwimmerin Judith Deutsch die unmissverständliche Geste: Sie weigerte sich im Jahr 1936, als Bannerträgerin für Österreich in Berlin bei der Eröffnung der Olympischen Spiele an ihrem Landsmann Adolf Hitler vorbeizudefilieren. Für ihren Mut wurde sie zwei Jahre gesperrt.
Als ein antifaschistisches Statement ist wohl auch zu verstehen, dass ein gewisser »Mister G.« sich den Hakoah-Tenniscrack Willi Ehrenreich zum Trainer erkor hinter dem Pseudonym verbarg sich der schwedische König.
- Datum 24.04.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.18 vom 24.04.2008, S.K12
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