Kunst Die Angst der Händler vor der Wahrheit
Wie geht man mit NS-Raubkunst um? Im Auktionshaus Grisebach wurde 2005 ein Gemälde von Max Liebermann versteigert, das einst einer jüdischen Familie gehörte.
Den sachdienlichen Hinweis lieferte das Internet, über sechzig Jahre nach dem Verbrechen. Eine Enkelin des Dresdner Bankiers Victor von Klemperer sah im Netz ein Gemälde Max Liebermanns, das ihr seltsam bekannt vorkam. Das Gemälde zeigt ein Kohlfeld vor einer Villa am Wannsee, es stammt aus dem Jahr 1917, als man im Krieg Blumenwiesen in Gemüsegärten umwandelte. Klemperers Enkelin kannte das Kohlfeld am Wannsee von einem Foto. Auf diesem sieht man das Gemälde in einem noblen Esszimmer hängen, auf dem Tisch steht ein Strauß Blumen, darüber ein Kronleuchter. Victor von Klemperer und seine Frau Sophie hatten ihren Haushalt abfotografieren lassen, bevor sie 1938 vor den Nazis nach Rhodesien flohen. Die Klemperers waren Juden.
Ihre umfangreiche Kunstsammlung wurde am 24. November 1938 von der Staatspolizeileitstelle Dresden beschlagnahmt, die Bilder wurden in die Gemäldegalerie der Staatlichen Kunstsammlungen gebracht. Deren Direktor Hans Posse behielt manche Werke für sich, etwa ein Bild von Tischbein. Die modernen Werke aber – darunter auch Liebermanns Kohlfeld – gingen zurück an den Generalbevollmächtigten der Klemperers und wurden bei einer Dresdner Spedition eingelagert. Das Umzugsgut sollte an Dorothea Gysin verschickt werden, eine in der Schweiz verheiratete Tochter der Klemperers. Töpfe und anderer Hausrat kamen auch wirklich bei ihr an, die Gemälde aber fehlten. Nach dem Krieg, im Juni 1946, meldete die Familie der amerikanischen Militärverwaltung den Verlust. Doch der Liebermann blieb verschwunden.
Wie gelangte der verschollene Liebermann in den Kunsthandel?
Bis die Enkelin letztes Jahr eher zufällig auf eine Internetseite für Auktionsergebnisse stieß. Am 25. November 2005 war das Kohlfeld im Wannseegarten nach Westen für 323500 Euro (inklusive Aufschlag) versteigert worden, in Deutschland, im Auktionshaus Villa Grisebach in Berlin. Die Dresdner Anwältin der Erben, die Restitutionsexpertin Sabine Rudolph, bat Ende Februar dieses Jahres das Auktionshaus Grisebach, eine Rückgabeforderung an den Einlieferer und den Käufer des Gemäldes weiterzuleiten (beide sind nur dem Auktionshaus bekannt). Das Auktionshaus aber zeigt sich störrisch. Bis heute wissen die Erben nicht, wer das Bild ver- und wer es gekauft hat.
So wie Grisebach tun sich viele deutsche Kunsthändler im Umgang mit NS-Raubkunst noch immer ausgesprochen schwer. Die weltweit größten Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s haben sich inzwischen auf gewisse Standards im Umgang mit Raubkunst festgelegt. Manches deutsche Auktionshaus hingegen verweigere den Angehörigen der Beraubten, so klagen deren Anwälte, den Einblick in die Archive und gebe Kunstwerke, auf die ein Raubkunstverdacht fällt, an die Einlieferer zurück, anstatt sie einzubehalten, bis der Fall geklärt ist.
Das Auktionshaus Grisebach habe es, sagen manche Restitutionsexperten, mit seiner Sorgfaltspflicht nicht so genau genommen und fahrlässig mit Raubkunst gehandelt. Bernd Schultz, der geschäftsführende Gesellschafter des Auktionshauses, verweist allerdings darauf, dass der Liebermann in den beiden einschlägigen Datenbanken für Raubkunst nicht verzeichnet ist. Es gab keine Suchmeldung der Klemperer-Erben. Das Bild war 1988 schon einmal von Sotheby’s in München versteigert worden, auch war es etwa in der Hamburger Kunsthalle ausgestellt worden, ohne dass sich die – im Ausland lebenden – Erben gemeldet hätten.
Andererseits hätte das Haus Grisebach bei der Provenienzrecherche, also der Suche nach den Vorbesitzern des Kunstwerks, durchaus stutzig werden können. Grisebach hatte 2005 in seinem Auktionskatalog weitgehend die Angaben des Liebermann-Werkverzeichnisses von Matthias Eberle übernommen, in denen Klemperer als Besitzer nicht vorkommt. Eberle zufolge verkaufte Liebermann das Bild 1917 an den Berliner Kunsthändler Paul Cassirer, dieser vermittelte es im selben Jahr an den Dresdner Sammler Oscar Schmitz. In der Provenienzangabe taucht ein nächster Besitzer erst im Jahr 1954 auf: »Daberkow, Bad Homburg«. Allerdings starb Schmitz bereits 1933, Teile seiner Sammlung wurden in den folgenden Jahren aufgelöst. Eberle hat die zeitliche Lücke nicht aufgeklärt. Spätestens aber, als sie auf den Namen Daberkow stießen, hätten bei den Mitarbeitern des Auktionshauses alle Alarmglocken schrillen müssen.
Der gelernte Werbemaler Albert Daberkow geriet nach 1945 in Rostock an große Mengen von Kunstwerken aus dem Nachlass des Kunsthändlers Bernhard A. Boehmer. Der hatte im Zweiten Weltkrieg im großen Stil auch mit der von den Nazis beschlagnahmten »entarteten Kunst« gehandelt und dann beim Einmarsch der Roten Armee Selbstmord begangen. Daberkow schmuggelte die verbliebenen Kunstwerke 1947 von Rostock nach Bad Homburg und gründete dort eine Kunsthandlung. War auch Liebermanns Kohlfeld aus Boehmers Nachlass in die Hände Daberkows gelangt?
Es gebe eine »verdunkelnde Macht der Zeit«, sagte Bernd Schultz zu dem Fall in einer Kontraste- Sendung im rbb, weswegen die Tatsachen nicht mehr genau zu rekonstruieren seien. Allerdings hätte es durchaus Anlass für skeptische Nachforschungen gegeben, und zwar nicht nur wegen des Namens Daberkow, sondern schon allein deshalb, weil per Internet noch nach vier weiteren Liebermann-Bildern gefahndet wird. Sie alle stammen wie das Kohlfeld aus der Sammlung von Oscar Schmitz.
Der Auktionator Schultz aber, und das macht die Sache besonders pikant, ist zusammen mit anderen führenden deutschen Kunsthändlern ein scharfer Kritiker der Rückgabepolitik, die 1998 durch die Washingtoner Erklärung zum Umgang mit NS-Raubkunst in Gang gesetzt wurde. In der öffentlichen Debatte um die Restitution von Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszene (1913) an die Erbin des jüdischen Sammlers Alfred Hess hatte sich Schultz gegen eine Rückgabe ausgesprochen und die Anwälte der jüdischen Erben attackiert.
Im Ausland scheint man hingegen sensibler zu sein. So beschäftigen Sotheby’s und Christie’s sogar eigene Restitutionsabteilungen, die auf Provenienzen zwischen 1933 und 1945 spezialisiert sind. Und die Geschäftsleitung des Wiener Auktionshauses Dorotheum erklärt, dass es neben den rechtlichen Bestimmungen auch eine moralische Dimension in der Raubkunstfrage gebe. Deshalb hat das Dorotheum seine Geschichte im »Dritten Reich« von einer Historikerkommission aufarbeiten lassen und eine Restitutionsexpertin eingestellt. Felicitas Thurn erforscht mit weiteren Mitarbeitern die Herkunft der Werke und hat in den vergangenen Jahren zudem eine eigene Datenbank mit einem Personenverzeichnis von Opfern wie Tätern im NS-Kunstraub zusammengestellt. In etlichen Fällen konnte das Dorotheum im Stillen eine Einigung zwischen Kunstraubopfern oder deren Erben und den heutigen Besitzern der Kunstwerke vermitteln. Die ausführliche Restitutionsrecherche ist ein aufwendiger Extraservice. Doch dafür können die Kunden einigermaßen sicher sein, dass sie kein ungesühntes Verbrechen ersteigern.
Rechtlich haben die Opfer der Nazis bisher keine Chance
Nicht jedes Auktionshaus kann sich eine eigene Restitutionsabteilung leisten. Es muss eine staatlich geförderte Grundlagenforschung geben, die auch kleinere Kunsthändler darin unterstützt, ihrer Sorgfaltspflicht bei der Herkunftsrecherche nachzukommen. Reichlich spät wird jetzt auf Initiative des Kulturstaatsministers Bernd Neumann eine zentrale Forschungsstelle zur Provenienzforschung aufgebaut.
Rechtlich haben die Opfer der NS-Kunsträuber und ihre Erben derzeit in Deutschland keine Chance, ihr Eigentum zurückzuerlangen. Selbst wenn es sich bei Verkäufen in den letzten Jahrzehnten nicht um gutgläubigen Erwerb gehandelt hat, so gibt es doch eine Verjährungsfrist von dreißig Jahren. Erst wenn der Bund diese Verjährungsfrist für Fälle von NS-Raubkunst abschafft, werden sich wohl auch jene deutschen Kunsthändler für die genaue Recherche von Provenienzen und der Rückgabe von Raubkunst engagieren, die bislang von Moral und Selbstverpflichtung nichts wissen wollen. Denn dann geht es um ihre wirtschaftliche Existenz. Die Enkel des Dresdner Bankiers Klemperer wollen das Gemälde von Liebermann übrigens gar nicht unbedingt zu Geld machen. Sie wollen es unter Umständen sogar verschenken.
- Datum 27.04.2008 - 09:39 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
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was soll ich dazu gross sagen?-bei den nazis war gewisse kunst entartet.-heute kommt es mir so vor, als wären u.a. 'händler dieser art', wie sie im obigen artikel geschildert werden, entartet.-und zwar nicht nur im moralischen sinne.-sobald es um grössere beträge geht, werden eben nicht nur moralische bedenken 'voller götter freudenfunken' unter den teppich gekehrt.-und genau dies ist für mich die wahre deutsche leidkultur.-oh pardon. es heisst nicht leid- sondern leitkultur.-
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