Soziologie
Unis mit Provinzblick
Wie gut ist die deutsche Soziologie? Das neue Rating gibt keine Antwort
Die deutsche Wissenschaft interessiert sich kaum für sich selbst. Hierzulande gibt es weit mehr Professuren für Japanologie als für Hochschulforschung. Was an universitärer Expertise fehlt, müssen private Institutionen wie das Hochschul-Informations-System (HIS) und das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) ausgleichen – oder der Wissenschaftsrat. Gerade hat dieses renommierte Gremium, das die Politik in Sachen Forschung und Lehre berät, wieder seine Unentbehrlichkeit bewiesen.
Vergangene Woche veröffentlichte der Rat ein Forschungsrating für die Soziologie (to rate, englisch: bewerten). Nie zuvor wurde der Zustand einer Gesellschaftswissenschaft umfassender und fairer beurteilt als in dieser Studie. Die Gutachter beschränkten ihr Urteil nicht auf die Forschung, sondern bewerteten auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie die Weitergabe des Wissens an die Öffentlichkeit. Sie addierten nicht nur die Zahl der Publikationen und Drittmittel, sondern lasen auch die zwei besten Publikationen, die jede Forschungseinheit selbst einreichen durfte.
Nun wissen unsere Wissenschaftspolitiker und Hochschulmanager genau, wo unsere besten Soziologen sitzen. Was sie nicht wissen: Sind unsere Besten gut? Denn das Forschungsrating scheut den internationalen Vergleich. Insofern ist die Durchschnittsnote »gut«, mit der die deutsche Soziologie bewertet wird, nur bedingt aussagekräftig. Gewiss, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sind aufgrund ihrer Forschungsgegenstände stärker national verankert als die universalen Naturwissenschaften. Sie veröffentlichen häufiger auf Deutsch und werden daher im Ausland weniger wahrgenommen.
Unmöglich dürfte es jedoch nicht sein, die deutsche Soziologie mit der Forschung in anderen Ländern zu vergleichen. Gerade das vom Wissenschaftsrat gewählte Instrument des Kollegenurteils (Peer-Review) müsste es doch erlauben, die internationale Bedeutung der deutschen Soziologie einzuschätzen. Oder war der Wissenschaftsrat deshalb so zurückhaltend, weil die Gutachter selbst fast alle aus Deutschland stammen?
Allein der Umstand, dass nur knapp neun Prozent der Veröffentlichungen deutscher Soziologen in international relevanten Journalen abgedruckt werden, ist kein Ruhmesblatt. Die Studie erwähnt diese geringe Weltläufigkeit zwar. Ebenso mahnt sie, die Kräfte im Fach stärker zu konzentrieren. Schließlich bestehen drei Viertel aller Forschungseinheiten nur aus einem (sic!) Professor. Angesichts dieser Zahlen hätte die Kritik aber deutlicher ausfallen dürfen.
Vollends überrascht das Urteil des Rats, dass auch die Nachwuchsförderung der Soziologie in relativ guter Ordnung sei. Da fragt man sich, warum gerade die Promotionsphase generalüberholt wird und man seit Jahren Klagen darüber hört, dass vielversprechende Jungwissenschaftler ins Ausland abwandern.
Auch die deutschen Schulen galten einmal als sehr gut und ziemlich gerecht. Bis die internationale Vergleichsstudie Pisa kam. Martin Spiewak
- Datum 28.4.2008 - 10:42 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
- Kommentare 3
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und man seit Jahren Klagen darüber hört, dass vielversprechende Jungwissenschaftler ins Ausland abwandern.Diese Aussage lässt sich wohl kaum nachvollziehen, wo der Autor doch vorher schon beschrieb, wie sehr die deutsche Soziologie an den deutschen Sprachraum gebunden ist. Die ominösen Jungwissenschaftler, dessen Verlust permanent beklagt wird, kommen daher nicht aus den Sozial- und Geisteswissenschaften, sondern vor allem aus den Naturwissenschaften.Was außerdem stört: die Schleichwerbung für das CHE (klar, die ZEIT ist ein guter Kunde, und man will deren Daten ja auch gewinnbringend weiterverkaufen). Dieses keinesfalls unabhängige, weil von Bertelsmann nachhaltig beeinflusste, Institut versucht permanent den Eindruck zu vermitteln, man könne die Güte der Universitäten komplett quantitativ vermessen. Die resultierenden Ratings lassen sich natürlich gut in marktgerechte Häppchen unterteilt verkaufen (s.o.), aber mit der Wirklichkeit haben sie doch relativ wenig zu tun. Ich habe selber mal einer Fachschaft angehört, die gezielt und ohne wenig Aufwand ein solches Rating zu Forschungszwecken manipulierte. Am Ende stand dieses Fach meiner Universität deutschlandweit auf dem zweiten Platz - und zwar definitiv ohne gerechfertigte Gründe. Die Kriterien haben auch wenig mit dem zu tun, was ausschlaggebend für Studierende ist - wen interessiert die Qualität der Forschung des eigenen Faches (insbesondere der Professoren), wo doch die Didaktikkenntnisse einzelner Lehrbeauftragter schon wichtiger sein kann? Der Nobelpreis eines Lehrstuhlinhabers hilft wenig, wenn man in dessen Vorlesung gemeinsam mit 300 Kommilitonen sitzt, auf der anderen Seite kann ein Doktorand ohne irgendwelche Meriten, aber einem Seminar mit nur fünf Teilnehmern womöglich sehr viel besser Wissen vermitteln. Das Betreuungsverhältnis ist auch das einzige meiner Meinung nach aussagekräftige quantitative Maß in der Hochschulforschung, aber es wird noch ungenügend erfasst.Und finally:Nie zuvor wurde der Zustand einer Gesellschaftswissenschaft umfassender und fairer beurteilt als in dieser Studie.Was soll dieser Satz bedeuten? Vollkommen inhaltsleer - es fehlt der Vergleich mit früheren Studien - es wird bloß das folgende Soziologie-Bashing eingeleitet.Der Autor schreibt dann ja auch:Unmöglich dürfte es jedoch nicht sein, die deutsche Soziologie mit der Forschung in anderen Ländern zu vergleichen.Dazu kann ich nur erwidern: Das ist vielleicht nicht unmöglich, aber auch nicht einfach, denn die Forschungsergebnisse sind a.) zu einem großen Teil nur von Relevanz für den deutschen Sprachraum, sind b.) häufig an den kulturellen Diskurs hierzulande gebunden und würden im Ausland kaum gebraucht werden, und c.) kostet das extra Publizieren im Ausland meist zusätzliches Geld.Ferner müsste man an dieser Stelle zunächst beobachten, inwiefern die Soziologie anderer Länder international (d.h. auf Englisch) publiziert. Ich glaube nicht, dass Deutschland wesentlich unterrepräsentiert ist. Die englischsprachigen Länder haben zwar einen klaren Vorteil, und in manch kleinem Land wird grundsätzlich auf Englisch herausgegeben, da schlicht kein nennenswertes heimisches Publikum vorhanden ist, aber aus größeren Ländern (Frankreich, Spanien, Italien) wird doch auch nicht mehr exportiert, und zwar aus den gleichen Gründen wie hier.Ich finde es daher sehr zweifelhaft, die angeblich mangelhafte Präsenz auf internationaler Ebene als Qualitätsmakel anzusehen. Wissenschaft ist nur schwer, und nur in Bruchteilen messbar. Der Autor aber tut so, als stelle dies kein Problem dar...
Warum veröffentlichen die deutschen (gekürzt. Bitte wählen Sie Ihre Worte mit Bedacht. Die Redaktion/jk) nicht einfach in englischer Sprache und in internationalen Journalen (z.B. so etwas wie Physical Review etc.). Das ganze Gebilde kommt wie ein autistisches, analfixiertes (und sehr deutsches) Selbstgespräch daher.
Hier schreibt eine (hoffentlich zeitweise) ins Ausland ausgewanderte Jungwissenschaftlerin. - @fetz-braun: Wir sind nicht wenige (hier in England, aber auch in den USA), allerdings gehoeren wir ueberwiegend der juengeren Generation an, d.h. das Auswandern hat bei Soziologen (noch) keine lange Tradition.
Die Kritik des Artikels ist tatsaechlich ueberzogen, auch angesichts der Tatsache, wie gerne die ach so provinziellen Soziologen im Ausland beschaeftigt werden. Schaut man sich englischsprachige (soziologische) Zeitschriften an, stehen die Deutschen nicht ueberragend, aber auch nicht schlecht da, immer verglichen mit anderen europaeischen Laendern. Skandinavier und Niederlaender sind moeglicherweise haeufiger vertreten, aber Suedeuropaeer und Franzosen eher seltener. Eine kleine Gruppe hervorragender deutscher Soziologen ist sehr praesent - im normalen "Mittelfeld" ist das Veroeffentlichen auf Englisch sicher noch keine Selbstverstaendlichkeit. Aber da hat sich in den letzten Jahren viel getan, insbesondere in der Ausbildung der Soziologen.
Es ist der Vergleich mit den Naturwissenschaften, der die Soziologie eher schlecht dastehen laesst - und die Soziologie ist nun einmal keine Naturwissenschaft, auch wenn mehr internationaler Dialog im Prinzip wuenschenswert ist..
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