berliner Grundschulstudie
Verwirrende Befunde
Aufregung um die Untersuchung zur sechsjährigen Grundschule in Berlin: Hat der Autor der Studie seine eigenen Daten falsch interpretiert?
Klingt eigentlich harmlos: Am Montag dieser Woche wurde eine Studie über die Berliner Grundschulen veröffentlicht. Doch man wird sich diesen Tag merken müssen; denn die sogenannte Element-Studie brachte keine Klarheit über die Leistungsfähigkeit der Schulen, sondern stiftete größtmögliche Verwirrung. »Das war kein guter Tag für die empirische Bildungsforschung«, sagt der Bielefelder Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann. Er ist Mitautor der ersten Pisa-Untersuchung.
Die Verwirrung rührt daher, dass innerhalb weniger Tage zwei diametral entgegengesetzte Wertungen der Studie in Umlauf kamen. Nach Wertung Nummer eins schneiden die Berliner Grundschulen enttäuschend ab, nach Wertung Nummer zwei sind sie erfolgreich. Wertung Nummer eins stammt vom Autor der Studie, dem Pädagogikprofessor Rainer Lehmann von der Berliner Humboldt-Universität. Er hat sie vor der Veröffentlichung der Untersuchung in mehreren Interviews, auch in dieser Zeitung, verbreitet (ZEIT Nr. 17/08).
Laut Lehmann ist die sechsjährige Grundschule, wie sie in Berlin im Unterschied zu den meisten anderen Bundesländern praktiziert wird, gemessen an ihren Ansprüchen, gescheitert. Gute Schüler würden dort im Vergleich zu den Gymnasien nicht ausreichend gefördert. Zudem schaffe sie nicht mehr, sondern weniger Gerechtigkeit.
Der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) – seine Behörde hat den Leistungsvergleich in Auftrag gegeben – hingegen verkündet, dass die Studie die erfolgreiche Förderung der Schüler in Grundschulen belege. Bei den Leistungsschwächeren scheine die Grundschule im großen Umfang Bildungsnachteile zu kompensieren. »Die Untersuchung zeigt aber«, sagt Zöllner, »dass auch die Leistungsstärkeren adäquat gefördert werden.«
Schaut man sich die Studie genauer an, so drängt sich ein eher positives Bild der Berliner Grundschulen auf. Knapp gesagt: Die Grundschule fördert die Schüler nicht besser, aber auch nicht schlechter als das Gymnasium.
Die Studie misst die Leistungszuwächse der Schüler vom Ende der vierten Klasse bis zum Ende der sechsten Klasse im Lesen und in der Mathematik. Dabei werden die Leistungen der Kinder an den sechsjährigen Grundschulen mit denen jener Kinder verglichen, welche in der fünften und sechsten Klasse schon eines der wenigen »grundständigen« Gymnasien besuchen.
Natürlich sind die Leistungen der Gymnasiasten besser. Ein aussagekräftiges Kriterium für den Erfolg einer Schule ist aber der Leistungszuwachs – und der ist in Mathematik und Lesen in den zwei Jahren an beiden Schularten nahezu identisch. Auch spricht nichts für ein »Aufgehen der sozialen Schere« im Laufe der fünften und sechsten Klassen an den Grundschulen, von der Rainer Lehmann im ZEIT- Interview sprach. Bei den Mathematikleistungen nehmen die sozialen Unterschiede zwar leicht zu, in den Leseleistungen hingegen nehmen sie eher ab.
Beim für die weitere Schul- und Berufslaufbahn wichtigen Übergang aufs Gymnasium zeigt sich ein erfreulicher Befund: Sozial benachteiligte Kinder haben – bei gleicher Leistung und gleicher Intelligenz – fast die gleichen Chancen, das Gymnasium zu besuchen, wie Kinder aus privilegierten Familien.
Ein Scheitern der sechsjährigen Grundschule, wie auch die ZEIT schrieb, lässt sich aus der Studie also schwerlich ableiten. Deshalb rätselt die Gilde der empirischen Bildungsforscher über die Beweggründe ihres Kollegen, der zwar als Eigenbrötler gilt, sich aber einen Ruf als solider Empiriker erarbeitet hat. Besonders geschätzt wird seine sogenannte Lau-Studie, mit der er die Lernzuwächse an den Hamburger Schulen im Zweijahresrhythmus von der fünften bis zur dreizehnten Klasse untersucht hat. »Ich weiß nicht, was den geritten hat«, sagt ein Kollege Lehmanns, der nicht genannt werden will. Viele denken so.
Lehmann wird vorgeworfen, die Studie falsch interpretiert zu haben, und das auch noch vor ihrer Veröffentlichung – und damit den Auftraggeber unter Druck gesetzt zu haben. Ein Tabubruch. Auch dass seine Interviews in die Zeit der Koalitionsverhandlungen in Hamburg fielen, nehmen ihm viele übel; war doch die Einführung der sechsjährigen Grundschule ein entscheidender Kompromiss zwischen der CDU und den Grünen. »Ich hätte das zu einem anderen Zeitpunkt gemacht«, sagt Manfred Prenzel, der Leiter der deutschen Pisa-Studie.
Vor allem fürchten viele Vertreter der empirischen Bildungsforschung, dass der Ruf der Zunft darunter leidet. Mit spektakulären Untersuchungen zur Schulleistung, wie der Pisa-Studie, haben sie den eher geisteswissenschaftlich geprägten Erziehungswissenschaftlern den Rang abgelaufen. Forschungsgelder fließen heute nicht mehr für das Rätseln um die Frage, was Bildung sei, sondern für die Beantwortung der Frage, was die Schüler tatsächlich in der Schule lernen.
Doch das Verhältnis zwischen den oftmals staatlichen Auftraggebern der Studien, zum Beispiel den Kultusministern, und den Bildungsforschern, ist nicht spannungsfrei.
»Wir Bildungsforscher geraten leicht zwischen die Fronten«, sagt Manfred Prenzel. »Wir wägen ab und sagen mitunter etwas, was die Politik nicht hören will.« Die Politik wiederum sehe sich unter Rechtfertigungsdruck, wenn sie mit überraschenden Befunden konfrontiert werde.
Der erfahrene Bildungspolitiker Jürgen Zöllner warnt vor der Illusion, dass immer bessere Wissenschaft die Politik ersetzen könne. In der Realität verkauften Politiker aber gern ein Ergebnis, das ihnen ins Konzept passe, als absolut. »Auch Wissenschaftler«, sagt Zöllner, dem sein Unmut anzumerken ist, »vergessen manchmal ihre Rolle und machen denselben Fehler.«
Rainer Lehmann sagt, ihn fechte das nicht an. Er bleibe bei seiner Deutung, dass die sehr guten Schüler an Berliner Grundschulen zu wenig gefördert würden. Dazu reiche eine Betrachtung der durchschnittlichen Leistungssteigerungen nicht. Dass die Grundschule den leistungsschwächeren Schülern helfe, den Anschluss zu schaffen, sei eine Leistung, die er gern öffentlich unterstreiche. Beim »Aufgehen der sozialen Schere«, das gebe er zu, habe er sich nur auf die Mathematikleistungen bezogen. Zudem habe er keine Geheimnisse verraten, sondern sich in den Interviews auf längst veröffentlichte Daten bezogen. Was den Zeitpunkt der Interviews angehe, »bin ich wohl etwas naiv gewesen«, sagt er. Und nun freue er sich auf den wissenschaftlichen Diskurs über die Ergebnisse der Studie.
- Datum 24.4.2008 - 03:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
- Kommentare 1
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Einen wunderschönen Tag,
aufgrund dieser verwirrenden Befunde habe ich die Studie selbst gelesen und dazu einen kleinen Artikel namens "Parellele Welten" verfaßt. Dort sind die wichtigsten Daten der Studie auch graphisch dargestellt, beispielsweise das Leseverständnis:
Man sieht wohl bereits, wie der Artikel zu seinem Titel kommt?!
Falls Sie meine Interpretation der Element-Studie interessiert, hier der Link zu "Parallele Bildungswelten".
Herzlichst,
RudraChakrin
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren