Nackte Glühbirnen, tief über Marmortischen hängend, sind der letzte Schrei in den Restaurants des Hightech-Viertels Ramat Hachayal. Hier macht Chagit Rotshtein, Rechtsberaterin einer großen Holding, Mutter von zwei sechs- und neunjährigen Söhnen und einer zweijährigen Tochter, gern Mittagspause. Der Spagat zwischen Beruf und Familie sei alles andere als einfach, gibt sie zu, sie fühle sich gehetzt, an ihr nage das schlechte Gewissen, weil sie nicht mehr Zeit für ihre Kinder hat. Und dennoch denkt die fast 39-jährige Anwältin in letzter Zeit immer öfter über noch ein Kind nach. »Vielleicht nicht sofort, aber so in ein, zwei Jahren.«

Damit liegt sie im Trend. Israel verzeichnet mit 2,7 Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate in der westlichen Welt, nach den jüngsten Statistiken hat sich die Zahl der Familien mit drei oder vier Kindern gerade wieder erhöht. Nicht nur die fünf Prozent der Ultraorthodoxen, die schon aus religiösen Gründen oft mehr als zehn Kinder haben, befördern diese Entwicklung und auch nicht allein die traditionell kinderreichen israelischen Araber, sondern die säkulare jüdische Mehrheit. Zwar steigen auch in Israel Heiratsalter und Scheidungsrate, aber das führt deshalb nicht zu einem Geburtenrückgang. Nachwuchs gehört einfach dazu. In allen Milieus.

Was aber veranlasst eine ausgelastete fünfköpfige Familie, sich noch ein Kind zu leisten? Ein Motiv für das ungebrochene Streben nach Nachwuchs, sagt der Soziologe Jackie Feldman von der Ben-Gurion-Universität in Beer Schewa, liege tief im Judentum begründet. Hier spielt die Familie seit je eine zentrale Rolle. Wer allein ist, wird höchstens bemitleidet, niemals idealisiert. Es gibt weder ein Mönchs- noch ein Nonnendasein und keine ledigen Rabbiner. In der Thora fleht Rahel, die Schwester von Lea (die bereits fünf Kinder hat), ihren Mann Jakob an: »Gib mir Kinder, sonst bin ich tot.« – »Solche Muster jüdischer Tradition«, sagt Feldman, »greifen auch bei Menschen, die sich als säkular definieren. Zudem sind Familien- und Kinderorientierung Teil von Wirtschaft und Gesellschaft. Strukturen, die das Familienleben unterstützen, sind längst da; sie sorgen dafür, dass auch sorglose Tel Aviver Yuppies sich unbedingt Nachwuchs wünschen.«

Und dann ist Israel natürlich in besonderer Weise auf Kinderreichtum angewiesen, Demografie ist hier ein politischer Faktor. Chagit Rotshteins Eltern waren Berufssoldaten, sie leugnet nicht, dass ihr der unangenehme Gedanke vom notwendigen »Ersatz« schon einmal durch den Kopf gegangen sei, in diesem Land, in dem der Krieg genauso zum Leben gehört wie Kindergarten und Schulausbildung.

Auch in Israel sind Kinder teuer. Aber das ist kein Grund, sich keine zu leisten

Als Chagit zur Welt kam, verzichtete ihre Mutter auf die Karriere und widmete sich dem Haushalt. Ihrer Tochter legte sie später das Gegenteil nahe: Kinder und Beruf zu vereinen. Chagit wohnt in der Nähe ihrer Mutter, die einspringt, wenn das großflächige Betreuungsnetz aus Tagesmutter, Kindergarten, Schule und Freizeitbeschäftigungen löchrig wird. Professionelle Betreuung ist teuer, ohne die tatkräftige Unterstützung der Großeltern wäre der Spagat vieler Frauen zwischen Beruf und Familie nur schwer möglich. Bis zu einem Gerichtsurteil vor wenigen Wochen waren die Kosten nicht von der Steuer absetzbar. Aber deshalb käme niemand auf die Idee, sich keine zu leisten.

Sollte Chagit tatsächlich noch einmal schwanger werden, winkt ihr immerhin ein größerer Dienstwagen bei gleichbleibender finanzieller Selbstbeteiligung. Das ist der Bonus, den ihr Arbeitgeber seinen Angestellten ab dem vierten Kind in Aussicht stellt: einen Mazda-Minivan als Belohnung für Kinderreichtum. Die Familienpolitik der Chefetage erscheint allen so selbstverständlich, dass die zuständige Mitarbeiterin der Personalabteilung, selbst Mutter, die Frage nach den Motiven zunächst gar nicht versteht. »Die brauchen doch dann einen größeren Wagen«, sagt sie und erzählt von den zahlreichen Kollegen, die gerade erst wieder das neue Modell bestellt hätten.