Was macht der Konzertbesucher nach dem Konzert? Springt ins Auto, steht fürs Restaurant an, hastet heim. Und selbst wenn er Zeit mitbringt – wie in Bayreuth zum Beispiel und in Salzburg –, variiert er nur die vertrauten Rituale. Nicht so auf Herrenchiemsee und auf der Fraueninsel, wo der Dirigent Enoch zu Guttenberg vor bald einem Jahrzehnt ein Musikfestival ins Leben gerufen hat, das bereits auf dem Anfahrtsweg den Lebenstakt der meisten Menschen durcheinanderbringt (und nicht zu ihrem jeweiligen Nachteil). Zum abendlichen Ereignis hin nämlich geht es von Prien aus nur mit dem Schiff. Das dauert.

Man kommt der Welt ein wenig abhanden bei den Chiemsee-Festspielen, was aber wiederum ganz im Sinne Guttenbergs ist, der nun schon zum neunten Mal im Spiegelsaal – auf Herrenchiemsee, von Ludwig II. als Imitation von Versailles gebaut – und im romanischen Münster mit dem karolingischen Torhaus (auf der Fraueninsel) buchstäblich den Ton angibt. Angekommen, ist der Kopf des Konzertgängers frei.

Wurde letztes Jahr der Gegensatz »Maskulin-Feminin« unter anderem durch Gegenüberstellungen der Musik von Hildegard von Bingen und Anton Bruckner und Aufführungen von La Traviata und Don Giovanni beleuchtet, widmet sich das Festival in diesem Sommer dem Motto »Zeitenwende« und den Brüchen in der (Musik-)Geschichte.