Die Lederhose ist ein erstaunliches Kleidungsstück. Einerseits steht sie für bayerisches Brauchtum, andererseits hat die Schwulenkultur sie längst zum Fetisch erhoben. Die Lederhose ist, versöhnt mit dem Laptop, selbstbewusster Ausdruck des wirtschaftlichen Erfolgs im Freistaat Bayern, Symbol für den Einklang von Vergangenheit und Moderne; sie erinnert aber auch an Neuschwanstein und einen größenwahnsinnigen König mit Hang zum Dramatischen, an barocke Lebensfreude und extrovertierte Oberflächlichkeit.

Dass der Fußballstar am Tag seines Abschieds Lederhose trug, ist nichts Außergewöhnliches. Münchner Fußballstars pflegen das zu tun, wenn ihre Gage vom Konto des FC Bayern überwiesen wird. Eher schon außergewöhnlich war, dass der Musiker neben ihm sich ebenfalls in eine Buxn gezwängt hatte. Joel Gibb und seine Band The Hidden Cameras waren von Mehmet Scholl zu seinem Abschiedsspiel in die neue Münchner Arena geladen worden – als Hauptattraktion neben dem FC Barcelona. So standen sie also da in trauter Tracht, zwei Welten, die sonst selten aufeinandertreffen, der verdiente Fußballprofi und der homosexuelle Musiker. Es war ein seltsamer Anblick. So seltsam, dass Sportpresse und Musikmagazine gleichermaßen berichteten.

Schon wegen der Kosten wird die Tour nicht wiederholt werden

Nicht nur im Stadion verstehen es die Hidden Cameras, das scheinbar Unversöhnliche symbolisch zusammenzubringen. Die Band selbst ist ein organisierter Widerspruch. Einerseits unterliegt sie komplett der Kontrolle des aus Toronto stammenden Egomanen Gibb: Er schreibt alle Songs, singt und ist das alleinige Sprachrohr nach außen. Andererseits sind die Hidden Cameras als offenes Projekt angelegt, das an den jeweiligen Auftrittsorten gern mal alte Freunde und neue Bekannte auf die Bühne bittet. Mit dem Ergebnis, dass sich, wenn die Situation es so will, bis zu zwei Dutzend Musikanten und Go-go-Tänzer vor dem staunenden Publikum tummeln. Manche von ihnen sind Schauspieler oder Schriftsteller, manche schwule Aktivisten, die nicht einmal ein Instrument spielen. Anderen hat Gibb das Nötigste beigebracht.

Bei den bevorstehenden Auftritten in Deutschland nun soll dieses offene Organisationsprinzip zu neuen Höhen geführt werden. Mehmet Scholls Lieblingsband erinnert sich an ihren bayerischen Triumph und geht als »The Hidden Cameras und der Münchner Fußballchor« auf Tournee. Angekündigt sind bis zu 30 Menschen auf der Bühne, ein leidlich reglementiertes Tohuwabohu aus Mitgliedern verschiedenster Bands aus dem Independent-Sektor, darunter die Moulinettes oder das Münchner Trio Big Jim. Es sollen sich aber auch Dragkings und -queens der Berliner Performance-Truppe Spicy Tigers On Speed ins Geschehen mischen. Der Aufwand ist so beträchtlich, dass die Tour wohl schon aufgrund der Kosten nicht wiederholt werden wird.