Kunst Das Wunder von Rio
In einer Favela der brasilianischen Metropole steht ein erstaunliches Kunstwerk: »Morrinho«, eine von Kindern erbaute Miniaturstadt. Nun entsteht sie neu – in Wien
Eine alte Regel sagt: Wenn du in Rio bist, gehe nicht in die Hügel. Bleib auf Meeresniveau. Steigt man in die Höhe, wird es gefährlich. Unten, an den Stränden, wohnen die Wohlhabenden. In den schlammigen, von Sturzbächen gefurchten, vom Dschungel überwucherten Hängen wohnen die Armen, Süchtigen, Kriminellen.
Wenn man aber eine Weile in diesem speziellen Hang herumklettert, der Favela Vila Pereia da Silva oberhalb des Stadtteils Botafogo, dann kehrt sich die Perspektive um: Man beginnt sich hier oben sicherer zu fühlen als unten in der Stadt. Es ist etwas geschehen an diesem Hang; er hat sich in ein Kunstwerk verwandelt.
Vor elf, zwölf Jahren war dies eine Favela wie viele, beherrscht von Sucht und Gewalt. Cirlan, der Mann, der das alles bewirkt hat, war damals 14 Jahre alt und wandte dem Wahnsinn, um nicht angesteckt zu werden, den Rücken zu. Er schlug sich ins Gebüsch, rodete das steile Gelände und begann im Schlamm, sein Viertel nachzubauen. Aus Lochziegeln machte er Häuser und Hütten, aus Legosteinen formte er Figuren, mit Zement rührte er den Belag für Straßen und Terrassen an. Cirlan baute seine Welt im Kleinen nach, am Rand seiner Siedlung, inmitten des Dschungels. »Die Drogenhändler hatten im Wald ihre Verstecke«, sagt er, »es gab immerzu Kämpfe, und wenn ich nicht angefangen hätte zu bauen, wäre ich heute nicht mehr hier. Ich wäre ein Krimineller, oder ich wäre tot.«
Sein Bruder half ihm, immer mehr Jungs aus der Favela sahen, was da wuchs, und bauten mit: Es entstand Morrinho, der kleine Hügel, eine labyrinthische, den Hang hinaufwuchernde Modellfavela. Jeder Ziegel ist ein Container, ein Nest, worin Legofiguren hausen, Abbilder realer Favelabewohner, aber auch Fantasiegestalten. Es gibt in den Gehäusen winzige Betten, Tische, Kühlschränke, Flaschenbatterien, und auf manchen Dächern stehen Satellitenschüsseln. Morrinho hat Bars, Hotels, ein Hospital, eine Polizeistation (die Polizisten sind die Bösen). Es gibt Autos in den terrassierten Straßen, Motorräder, akkurat in den Beton geschabte Stäffelchen und Treppenstufen, Brücken und immer wieder: Drogenlager (Kreide in Plastiktütchen).
Allmählich wurden auch die Erwachsenen aufmerksam, sie begriffen, was die Jungs da machten: Sie hielten der Favela den Spiegel vor. Sie spielten mit dem Schrecken und nahmen ihm die Macht. Die Menschen begriffen das Gleichnis und waren fasziniert, die Hunde aber hielten sich abseits; misstrauisch, mit eingekniffenen Schwänzen umschlichen sie die winzige Metropole.
Im Lauf der Jahre hat Morrinho (und auch die umliegende Favela) sich immer mehr belebt und zivilisiert: Die Legobewohner wurden getauft, man gab ihnen Biografien und spielte mit ihnen Szenen des Alltags nach – die Jagd nach Liebe, den Terror des Drogenhandels. Manche Figuren tragen Plastikzöpfe zwischen den Lego-Gliedern, das sind die Girls der Favela, die begehrt, bedroht und misshandelt werden. Andere tragen Gewehre, das sind die Herren der Favela.
Dann begann etwas Neues: Mit einer Videokamera nahmen die Jungs nun die kleinen Dramen, Soap-Opera-Szenen auf, und diese Filme erinnern ein wenig an das Playmobiltheater des Harald Schmidt. Nun wurde die Kunstwelt aufmerksam auf Morrinho, das kleine, an den Berg geklatschte Welttheater. Die Jungs aus der Favela wurden eingeladen nach München, ins Haus der Kunst, nach Venedig, zur Biennale, wo sie ihre Stadt nachbauten.
Wenn man Morrinho heute besucht, findet man am Fuße der Favela eine kleine Videothek und ein Filmstudio, das sich der Aufgabe verschrieben hat, das Leben in der Ziegelstadt zu dokumentieren: TV Morrinho. Die Vila Pereia da Silva ist jetzt berühmt dafür, dass sie sich selbst zusieht. Und die Bürger des reichen Rio, von Cirlan und seinen Freunden knapp »Der Asphalt« genannt, erfahren, dass in den Hängen keine Wilden leben in von Beton fixierten Schlammlawinen, sondern dass da oben eine gewitzte, solidarische »Community« (so nennen sie sich) einen Weg gefunden hat, die eigene Geschichte zu erzählen, ohne an ihr zu verzweifeln.
Vom 15. bis 18. Mai (20 Uhr) sind die »Morrinho«-Künstler zu Gast bei den Wiener Festwochen. Im Theater brut im Künstlerhaus errichten sie eine Miniaturstadt und bespielen sie mit Legofiguren. Anschließend zu sehen ist ein Stück aus der brasilianischen Mittelklasse: »A falta que nos move« von Christiane Jatahy
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
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