Kuba Die letzte Perestrojka

Ist Raúl Castro der kubanische Gorbatschow? Auf der Suche nach einem Computer in Havanna – und nach der Wahrheit über die Reformpolitik

Jeden Morgen erwachen in Havanna die Erinnerungen an die vielleicht stolzesten Jahre der Vereinigten Staaten: Sie kommen in so leuchtenden Farben daher, wie sie die US-Bürger längst aus den Augen verloren haben. Weil Washingtons jahrzehntelanges Embargo aus Kubas Mechanikern die besten Restauratoren in der Geschichte des Automobils gemacht hat, schleichen sich die Oldsmobiles, Chevrolets, Pontiacs alltäglich vor die Kameras der Touristen. Wer will, kann mit ihnen durch die Weltmetropole der Morbidität kutschieren. Oder zu Fuß Hemingways Spuren folgen. Oder die Skelette der alten Prachtbauten filmend konservieren.

Aber halt! Zum ersten Mal bietet Havanna in diesen Tagen die Chance, auch andere Wege zu gehen. Sich von der verlorenen Zeit zu lösen und nach der Zukunft umzuschauen. Man kann sich die Stadttour selbst zusammenstellen. Eine Art Schnitzeljagd. Die Aufgabe lautet: Finde den Computer! Oder zumindest Teile von ihm.

Ausgangspunkt des Rundgangs ist die Welle der Offerten, die Raúl Castro der Bevölkerung unterbreitet hat, seit er vor genau zwei Monaten die Macht von seinem Bruder übernahm. Besonders den vergangenen Monat hat Castro II. zum Vormärz der Perestrojka des letzten noch verbliebenen realsozialistischen Staates gemacht (sieht man vom Sonderfall Nordkorea ab). Was der charismatische Fidel Castro stets strikt verbot, um die Abkehr der Bürger vom Kommunismus und ihre Verführung durch Konsum und Konterrevolution zu verhindern, gesteht ihnen sein unscheinbarer Bruder jetzt in einer Art politischem Winterschlussverkauf zu.

Die Bürger dürfen jetzt in Luxushotels nächtigen

Mit einem Mal findet man eine nachfrageorientierte Politik, wie es sie nie zuvor auf Fidels Eiland gegeben hat: Computer, Handys, DVD, ein TV-Kanal mit westlichen Filmen werden den Bürger zugestanden. Die Bauern sollen künftig Land pachten und ihre Geräte frei kaufen können. Alle Kubaner dürfen in den bisher Ausländern vorbehaltenen Luxushotels nächtigen, Autos mieten oder sich an jenen Stränden bräunen, die früher für Touristen reserviert waren. Sofern sie dafür das Geld haben. Was wiederum bedeutet, dass die meisten noch draußen bleiben müssen.

Wie ernst ist der neue Kurs auf Kuba zu nehmen? Sind Glasnost und Perestrojka Ziele oder nur Zugeständnisse? Wie vollzieht sich der offizielle Aufbruch der altkommunistischen Insel in die Moderne?

Die ersten Verkäuferinnen auf meiner Stadtwanderung schütteln den Kopf und verdrehen leicht die Augen. Computer? Teile für einen PC? Was für eine vermessene Frage, wo doch in diesem Laden gerade die neuesten, nun auch offiziell erlaubten Handys blinken. Tagelang haben hier vor dem Geschäft der Telefonía Móvil Cubacell auf Havannas Flanierzone Obispo kaufkräftige Kubaner jeden Alters und aller Hautfarben Schlange gestanden. Wie ein Mannequin dreht sich in der Glasvitrine noch immer das Handy mit Kamera für 260 konvertible Pesos. Ein konvertibler Peso, CUC genannt, ist im Verhältnis von ungefähr eins zu eins an den Dollar gekoppelt und 28 »nationale Pesos« wert. Der Durchschnittslohn beträgt umgerechnet 18 Dollar. Allein der Kauf dieses Handys verschlingt mehr als den Jahresverdienst eines Lehrers. Kein Wunder, dass den Laden inzwischen schon weniger Käufer als Schaulustige durchstöbern.

Bei Harris Brothers, dem einst legendären Kaufhaus, schüttelt der Mann in der Fachabteilung mürrisch den Kopf. Nichts geliefert und auch nichts angekündigt. Wortlos zieht er die Schultern hoch. Auf der Wanderung von der Altstadt in das geschäftige Habana Centro kann man schon fündiger werden. Zwei Läden haben Tastaturen, ein dritter Bildschirme, der übernächste eine Maus und ein paar Kabel. Selbst im abgedunkelten »Palast der Konsumenten«, wo die Kunden sich drängen und in nationalen Pesos bezahlen, gibt es bei den elektronischen Geräten allerlei Zubehör. Doch was nicht zusammengehört, kann nicht zusammenwachsen, nicht einmal zu einem Computer. Und Mikrochips fehlen hier wie überall. »Ja«, lächelt die Verkäuferin mit verschwörerischem Charme, »wir warten jeden Tag…«.

Leser-Kommentare
  1. 1. Misere

    Der letzte wirklich politische Eisberg ist bald abgeschmolzen. Die langsam angefahrenen Reformen beschleunigen diesen Vorgang. Schade, daß Castro gescheitert ist, das lag aber auch daran die Oberen hatten hier viel  und die Unteren wurden wie eine Schafherde mit bissigen Wächtern zusammengehalten. Man sollte aber berücksichtigen, daß man auf Cuba nicht die Misere hat wie auf Haiti.

    • T810
    • 29.04.2008 um 8:54 Uhr

    Stell dir vor es ist Sozialismus, und keiner geht hin. So oder so ähnlich stellte es sich auch in den Augusttagen des Jahres 1989 die DDR in den letzten Atemzügen dar.
    Castros Nachfolger muss sehr genau aufpassen, dass marktorientierte Politik nicht in blanken Hass endet. Denn anders als in deutschen Vorwendezeiten verfügt Kuba über keine Materiellen Reserven eines abgetrennten Nachbarn. Das Kapital Kubas liegt nicht auf internationalen Großbanken, sondern in den Herzen aller Kubaner, es ist der Stolz einer Nation, es ist das Land mit seinen landschaftlichen Reizen. Hier liegt ein gewaltiges Potenzial an touristischen Möglichkeiten. Dumm sind die Kubaner auch nicht. Und wenn es Castro jr. geschickt anstellt, werden, anders als im Osten des deutschen Beitrittsgebietes, junge fähige Köpfe im Land bleiben und es zu einer Perle der Karibic machen können. Vorerst müssen vor allem junge Leute wieder lernen für sich selber sorgen zu können. Denn mit Bezugsscheinen für alles und jeden ist keine Wirtschaft zu halten.
    Der Dollar in den Taschen der Kubaner ist das Gleiche wie die D-Mark in einer untergehenden DDR. Aus willfährigen Genossen wurden knochentrockene Frühkapitalisten mit ungeahnter Brutalität. -Mit dem gravierenden Unterschied, dass es hier nichts gibt, was man Beitritt oder Angliederung an einen benachbarten Staatenbund nennen kann. Kuba wird nicht von einem Maastrichter Vertrag oder Warschauer Pakt gestützt, gelenkt, gebremst oder beobachtet. Es ist nicht nur eine Insel in geografischer Hinsicht. Gerade das macht Kuba so interessant für ehrliche Investoren, aber auch für ekliges Spekulantenpack. Wenn das soziale Netz genauso schnell gespannt wird, wie die Brücken zur übrigen Welt, wird dieses Land seinen Nachbarn auf dem Mittelamerikanischen Kontinent eine Nase lang voraus sein und keine unterwürfigen Marionetten verkörpern.

Service