Martenstein Navi wird nervös

Unser Kolumnist reizt sein neues Navigationssystem bis aufs Blut und denkt dabei über Charles und Camilla nach

Der Rotwein steht im Kühlschrank – okay, das kann vorkommen. In einer Kolumne wollte ich mich bei den Bewohnern des Ortes Lengede dafür entschuldigen, für was eigentlich, na, jedenfalls entschuldigen, statt "Lengede" aber habe ich in der Entschuldigung das Wort "Legende" geschrieben. Gimme shelter. Ich habe den Arzt angerufen, damit er mich checkt, und habe einen Termin im Juni bekommen. Im Juni . This world today is a mess.

Wenigstens hat das neue Auto ein Navigationssystem. Im letzten Heft war die Rede davon, dass Männer sich vorstellen, wie die Frau aussieht, die zu der Stimme ihres Navigationssystems gehört . Auch ich tue dies. Bei mir hat die Stimme einen leichten Ruhrpottakzent, sie klingt jung. Für mich ist das eine hübsche, lebensbejahende Frau mit einem Schalke-04-Trikot, mit künstlichen Wimpern und einem sexy Tattoo, die irgendwo da oben sitzt, über mir, und die nicht Gaby heißt, Charlie oder Biene, sondern Navi. Man tippt das Ziel ein, welches man erreichen möchte, und Navi sagt, wo man abbiegen muss. Sie sagt: "An der nächsten Kreuzung links abbiegen." Wenn ich mich der betreffenden Kreuzung nähere, sagt sie: "In 50 Metern links abbiegen", und dann, wenn man auf der Kreuzung in der Abbiegespur steht, sagt sie noch einmal, diesmal leicht forciert: "Jetzt links abbiegen."

Warum sind es eigentlich immer weibliche Stimmen, die so etwas tun?

Ich bin trotzdem geradeaus gefahren. Einfach so, um herauszufinden, was sie macht. Eine ganze Weile blieb es still. Dann sagte Navi: "Demnächst wenden. In hundert Metern wenden. Jetzt wenden." Nö. Mach ich nicht. Navi schwieg volle fünfhundert Meter lang. Dann: "An der nächsten Kreuzung rechts abbiegen." Sie klang leicht verärgert. Das kann ich nachvollziehen. Sie will doch nur, dass es mir gut geht, ich aber gebe einen Scheiß drauf. Sie hat sich trotzdem konstruktiv und flexibel verhalten und ihren Ärger heruntergeschluckt. Jede andere Frau hätte zumindest eine spitze Bemerkung gemacht.

Im Auto höre ich Radio-Hits und denke dabei nach. Die Freiheit ist der größte Mythos der letzten Jahrhunderte. Niemand hat etwas gegen Freiheit, außer den Islamisten vielleicht. Wenn aber Freiheit der über allen Diskussionen stehende höchste Wert ist, kann es zum Beispiel keine Bindungen geben. Der Mensch will doch aber beides! Zu viel Freiheit macht depressiv. Zu viel Bindung bedeutet, dauernd links abzubiegen. Ist es nicht schrecklich, dass jetzt auch Charles und Camilla in einer Krise stecken? Charles geht Camilla auf die Nerven, heißt es. Da möchte man weinen.

Dann bin ich Richtung Berlin-Mitte gecruist. Dort werden die Straßenverläufe regelmäßig geändert, da sind dauernd Baustellen. Navi ist seit 2003 nicht mehr aktualisiert worden, sie kennt die neuen Straßen nicht, ich habe sie in eine No-win-Situation hineingeführt. Navi wirkte nervös. Sie sagte links, links, rechts, links, und ich habe gemerkt, dass sie mit ihrem Gehirn in fieberhafter Eile in dem für sie unbekannten Gelände einen Rundkurs konstruiert hat, immer im Kreis, von der Leipziger Straße zum Gendarmenmarkt und wieder zurück. Ich bin eine halbe Stunde lang nach Navis Anweisungen im Kreis gefahren, alles lief endlich mal wie von alleine, easy like Sunday morning, und ich dachte, ja, genau, das ist es. Wenn ich keine Lust mehr habe, fahre ich eben geradeaus, Richtung Tiergarten, und Navi nimmt mich lächelnd bei der Hand. Ich frage mich, wann der erste Mann versucht, sein Navigationssystem zu heiraten.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. Das war keine Kritik, sondern eine Liebeserklärung! Wenn Sie Witze lesen wollen, dafür gibt es andere Heftchen...
    Außerdem glaube ich das nicht mit Charles und Camilla. Krach gibt es nun mal in jeder guten Beziehung. Nur Mut. Bald kommt der Frühling.
    Ganz viele Grüße aus Schleswig-Holstein

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  • Quelle ZEITmagazin LEBEN, 24.04.2008 Nr. 18
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  • Schlagworte FC Schalke 04 | Navigationssystem | Biene
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