Liedermacher Gesang mit Gesinnung
Reinhard Mey und Hannes Wader schrieben die Lieder der 68er. Inzwischen ist der eine radikal geworden und der andere weise. Ein Porträt
Denn was neu ist, wird alt
Und was gestern noch galt
Stimmt schon heut oder morgen nicht mehr
Sie sind einander um den Hals gefallen und haben sich gegenseitig auf den Rücken geklopft, wie man es erwartet, wenn sich alte Freunde wiedertreffen. Jetzt sitzen sie im hintersten Winkel der Paris Bar, jenem westlichsten aller Westberliner Lokale, und zeigen einander feixend ihre Seniorenausweise: Die Liedermacher Reinhard Mey und Hannes Wader, beide 65 Jahre alt, sind seit Kurzem berechtigt, zu verbilligten Preisen den Zoo zu besuchen oder sich vom öffentlichen Personennahverkehr transportieren zu lassen. Kann ein Mensch noch tiefer sinken, als Achtundsechziger?
Sie sind unterschiedlich gealtert, diese beiden: Mey, der schon als ganz junger Mann vom Tod und vom Sterben sang, als wolle er sich von niemandem überholen lassen, ist äußerlich der große Junge geblieben, als der er oft beschrieben wurde. Rasche Gesten, lauftrainierter Körper, schwarzes T-Shirt und Lederjacke – all dies sagt so deutlich »nicht alt«, dass ein paar Lachfältchen und graue Haarsträhnen kaum dagegen ankommen.
»Ich glaube, dass unserer Generation ein unglaubliches Geschenk gemacht wurde«, sagt Mey. »Aus irgendeinem Grunde gesteht man uns zu, ganz anders alt zu werden als unsere Eltern. Ich kann zum Beispiel gemeinsam mit meiner Tochter viele Dinge unternehmen, ohne dass es irgendwo heißt: Was will der Opa denn hier?«
Vielleicht ist solche innere und äußere Straffheit die Folge eines recht gradlinig verlaufenen Lebens. Reinhard Mey gehörte nie zu den Wildesten seiner Generation. Mit sanfter Ironie besang er in den sechziger Jahren den Zimmernachbarn, der sich (besonders nach dem Genuss von Alkohol) durchs Zertrümmern von Einrichtungsgegenständen auf die Weltrevolution vorbereitet; oder die Spiegel- Redakteure, die auf dem Schuttabladeplatz der Zeit weinend neben Kisten mit ihren eigenen vergilbten Manuskripten niederknien.
Meys berufliche Kümmernisse hielten sich im Rahmen des Erträglichen, wozu auch fünf Millionen verkaufte Tonträger beigetragen haben dürften; in Familiendingen fand er und hatte er Glück. Und wenn erst linke Kumpane und später Feuilletonisten seine Arbeit leichtgewichtig fanden, unpolitisch, idyllevernarrt – dann traf ihn das zwar, weil er ja sicher war, ganz andere Lieder geschrieben zu haben, aber letzthin konnte ihn derartige Kritik nicht wirklich anfechten. »Wenn man 1971 eine goldene Schallplatte bekam, war eben klar, dass man nur ein kommerzielles Schwein sein konnte«, sagt Mey grinsend.
Hannes Wader wurde vom Schicksal heftiger gebeutelt. Er hat kaum eine politische Fehleinschätzung oder ein privates Desaster ausgelassen. Das gräbt Furchen – und doch sieht Wader heute um einiges besser aus als in den siebziger Jahren, in denen er sich fast zu Tode soff, aus Verzweiflung über die Verwüstung, die er in seinem Leben angerichtet hatte.
Mey und Wader sind in stärkerem Maße Stimmen ihrer Generation geworden, als es Rudi Dutschke oder auch Joschka Fischer je hätten sein können: Im Gegensatz zu jenen sind die Liedermacher – fast – nie verstummt. Keine Institution hat sie verschlungen. Ihr Kernpublikum ist mit ihnen in die Jahre gekommen, bringt allerdings immer wieder Kinder und Enkel mit in die Konzerte und ruft dann entweder nach
Über den Wolken
oder
Cocaine
. Im Rundfunk, darüber klagen beide, werden sie wenig gespielt. Aber Mey erreicht mit seinen Tourneen alle zwei bis drei Jahre jedes Mal 150.000 Zuhörer. Bei Wader sind es weniger, doch auch sein Live-Publikum geht in die Zehntausende; mehr als zwei Millionen Platten und CDs hat auch er verkauft.
Beide sagen von sich, dass sie ihr Erwachsenenleben unpolitisch begannen. Mey, Sohn eines Juristen und einer Lehrerin, fing erst an, die Welt mit kritischen Augen zu sehen, als er nach dem Abitur eine Lehre zum Industriekaufmann absolvierte, die ihm viel Spaß machte: »Aber ich bemerkte auch, wie hart alle arbeiteten und wie gut die einen dafür bezahlt wurden – und die anderen nicht.«
Hannes Wader, Sohn eines Landarbeiters und einer Putzfrau aus dem Westfälischen, kam 1963 nach Berlin, um an der Hochschule der Künste Grafik zu studieren. »Interesse an Politik hatte ich nicht«, sagt Wader. »Für mich als Jungen vom Land war die Großstadt mit ihrer bohemehaften Szene, mit ihren Pflastermalern und Straßenmusikanten aufregend genug. Im Zeitalter von Freddy Quinn und Vico Torriani hörte ich plötzlich Lieder wie Farewell Angelina und The times, they are a changing, ich erfuhr überhaupt erst von der Existenz solcher Sänger wie Bob Dylan oder Joan Baez.«
Beide haben sie den antiautoritären Zeitgeist der 68er aufgesogen, beide in der Schule ein bisschen aufgemuckt. »Ich war ein antizyklischer Lerner, ich interessierte mich nie für das, was ich gerade tun sollte«, sagt Mey, »ich habe mich in den letzten Schuljahren nur noch gesträubt.« Von manchen Lehrern fühlte er sich unverstanden und gedemütigt. Auch seine Kinder bemitleidete er für die Härten des Schulbesuchs. War es wirklich nur schlimm? Nicht nur. »In meiner Schule wurden wir durchaus zur Kritik erzogen, viele Lehrer haben uns zum Widerspruch aufgefordert.«
Hannes Wader ging es ähnlich: »Mir fiel es wahnsinnig schwer, Autoritäten zu akzeptieren oder Anweisungen zu befolgen. Das war vielleicht einfach nur mein ganz persönlicher Charakter, vielleicht einfach Unreife.« Jedenfalls war Protesthaltung angesagt – »irrsinnigerweise in einer Zeit«, sagt Wader, »die wie keine zuvor und auch keine hinterher von Wohlstand, einem wachsenden Sozialstaat, von Frieden, von Chancen und Möglichkeiten geprägt war.«
Fast habe man in dieser Zeit nichts falsch machen können – »und ich selbst habe beinahe alles falsch gemacht, und sogar das hat sich noch zum Guten gewendet«. Inzwischen sei das auch ein Teil seiner Erklärung für die sinnlosen Gewalttaten der RAF geworden, sagt Wader: »Da saß eine Frau wie Ulrike Meinhof und konnte auch nichts falsch machen, sie war eine erfolgreiche Journalistin, sie konnte alle angiften, alle wichtigen Menschen in dieser Gesellschaft – und es wurde doch keine Party gefeiert, zu der sie nicht eingeladen worden wäre. Vielleicht denkt man da eines Tages: Was kann ich denn noch tun, damit die etwas merken? Ich kann sie nur noch umbringen.«
Mey bezieht Stellung gegen den Afghanistan-Einsatz
Der Bürgersohn Mey hatte sich das Gitarrespielen selbst beigebracht, der Arbeitersohn Wader lernte es im sozialdemokratischen Mandolinorchester seines Vaters. Beide Väter waren SPD-Mitglieder, ohne dass es ihnen gelungen wäre, auch ihre Söhne für ihre Partei zu gewinnen. »Links zu sein war damals natürlich«, sagt Mey. »Aber ich wäre nie in eine Partei eingetreten. Ich könnte diese Disziplin, diesen Zwang zur Geschlossenheit nicht ertragen. Im Laufe meines Lebens habe ich festgestellt, dass ich sehr oft die Opposition wähle, einfach aus Widerspruchsgeist.«
Spott über Politiker findet sich bei Mey früh, zum Beispiel in dem launigen Titel
Was kann schöner sein auf Erden, als Politiker zu werden?
– geschrieben 1973 in der Zeit der großen Willy-Brandt-Euphorie. In Kombination mit einem immer prononcierteren Pazifismus –
Nein, meine Söhne geb’ ich nicht
(1985) – wird aus der kritischen Distanz fast so etwas wie Verachtung. In einem seiner neuesten Lieder –
Kai
(2007) – bezieht Mey Stellung gegen den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Da ist »Politiker« schon fast zum Synonym für »Kriegstreiber« geworden:
Und lebendige Menschen in einem sich’ren Parlament
Entsenden ein weiteres Truppenkontingent
Mit Worten wie »Beistand«, die edel scheinen
Wie »Friedensmission« und die doch nichts anderes meinen
Als: Wir schicken junge Menschen hinaus in ein Land,
In dem sie nicht willkommen sind, ihr Dienst nicht anerkannt
Ihr Opfer nicht geachtet, ihre Uniform verhasst –
Ihr armen Kinder, wisst ihr, wofür ihr euch verheizen lasst?
Ist denn wirklich jeder Krieg ungerecht, jeder Hilfs- einsatz sinnlos? »Wir werden manche Völker nicht daran hindern können, sich gegenseitig abzuschlachten«, sagt Mey. Und dass die Alliierten die Schreckensherrschaft der Nazis mit militärischer Gewalt niederwarfen, war das falsch? »Nein.« Trotzdem halte er es mit Eugen Drewermanns Reden gegen den Krieg: Gewalt könne nur Gewalt erzeugen.
Auch Hannes Wader erhält auf Tournee für seine pazifistischen Lieder viel Beifall. Auch bei ihm gibt es zahlreiche feindselige Seitenhiebe auf Politiker. Aber im Gegensatz zu Reinhard Mey war er durchaus Mitglied einer Partei: 1977 trat er der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) bei. »Denn wenn es schon eine Partei sein sollte«, sagt er, »dann musste es für mich eine ganz kleine, feine Partei sein, eine, die kein Mensch leiden konnte und die es ganz, ganz schwer hatte.« Bis heute behält man den Eindruck, Waders Entscheidung für die extreme Linke sei mehr ein Ausdruck von politischem Machismo gewesen als ein wirklich bis zuletzt durchdachter Schritt. Passend zum Parteieintritt nahm er die Platte
Hannes Wader singt Arbeiterlieder
auf, noch heute eine Art Urmeter des sozialistischen Liedguts.
Zunächst, in den sechziger Jahren, ging es beiden vor allem um Musik und Lebensgefühl. Hannes Wader sang Lieder aus der Welt des Untermieters, der seine Freundin – Nach 12 – nachts die Treppen hinaufschmuggeln muss, in sein Loch unterm Dach. Reinhard Mey besang die multikulturelle Kollegenschaft bei seinem Aushilfsjob auf dem Hauptbahnhof Hamm – und den Rittersporn in seinem Garten. Auch er setzte sich mit den Herausforderungen des möblierten Wohnens auseinander und schuf mit Frau Emma Pohl die Gestalt der ultraspießigen Zimmerwirtin.
Kennengelernt haben die beiden Liedermacher sich 1966 beim internationalen Chanson- und Folklore-Festival auf der Burg Waldeck im Hunsrück. »Ich war ein Verehrer der französischen Chansonniers Brassens, Ferré und Brel«, sagt Reinhard Mey, »und als Hannes auf die Bühne kam, dieser lange Kerl mit der Baskenmütze, und als er dann sang, da wusste ich sofort: Das ist ein ganz Richtiger, Guter, Großer.«
Die Sympathie beruhte auf Gegenseitigkeit, und schon 1967, dem Todesjahr von Benno Ohnesorg, unternahmen sie eine gemeinsame Tournee, mit Meys VW-Käfer und jeweils einem halben Repertoire. Jeder hatte zehn, fünfzehn fertige Lieder im Gepäck, das reichte nicht für einen ganzen Auftritt, aber gemeinsam kam es hin. Sie tourten durch Kellertheater und Jazzkneipen, »es war wie ein Spaziergang durch die Bundesrepublik«, sagt Wader. Und in dieser Bundesrepublik gab es damals eine seltsame Gleichzeitigkeit politische aufgeladener Stimmung und biederer Normalität.
»Ich habe Geld jahrzehntelang für verabscheuungswürdig gehalten«
Meys Erfolg war bald nicht mehr aufzuhalten; vier Jahre nach der 67er Tournee bekam er jene erste goldene Schallplatte, die ihn zum Kommerzschwein machte. Und während er manchen Kritikern seiner Popularität schlichten Neid vorwirft, würde er auf der anderen Seite niemals mit all dem protzen, was er erreicht hat – und um keinen Preis einen etwas weniger gesegneten Kollegen und Freund kränken.
Reinhard Mey ist sensibel, er verkörpert einen Typ von Männlichkeit, der sich erst in dieser Generation als akzeptabel durchgesetzt hat: emotional; nicht weichlich, aber einfühlsam. Er ist einer, der im Kino schon mal in Tränen ausbricht und Lieder, die ihn aufwühlen, extra übt, um auf der Bühne an kritischen Stellen nicht zu weinen. Als er seine Tochter in ihr englisches College begleitete, musste seine Frau Hella Vater wie Tochter vergattern, dem anderen den Abschied nicht allzu schwer zu machen.
Hannes Wader wiederum steht eher für den anderen Pol der 68er-Männlichkeit, für das etwas ruppige »Ich spreche meine Bedürfnisse offen aus« – auch die Bedürfnisse in Bezug auf Frauen, durchaus in drastischen Worten. Die Unterschiede zwischen seiner eigenen und der Karriere Meys sieht Wader nüchtern. »Dass Reinhard früher als ich Plattenverträge und solche Dinge unter Dach und Fach hatte, hat mich nie gestört.« Wohl aber traf ihn eine Entscheidung des Freundes, auf die er nicht vorbereitet war, »weil ich mich zu der Zeit weigerte, auch nur in irgendeiner Form an die Zukunft zu denken«. Nach einem umjubelten gemeinsamen Auftritt im Audimax der Universität Hamburg wollte der Konzertveranstalter Karsten Jahnke die beiden Künstler gleich zusammen auf Tournee schicken. »Da sagte Reinhard freundlich: Nee, du, wir machen jetzt beide erst einmal unsere eigenen Sachen.« Das habe ihn bekümmert, sagt Wader: »Weil es von mir aus noch ewig mit uns beiden hätte weitergehen können.«
Wader ging allein auf Tour, überwarf sich aber alsbald mit seinem Manager, den er der kapitalistischen Künstlerausbeutung zieh. Seinem neuen Selfmade-Vermarkter zahlte er nicht die üblichen zehn oder fünfzehn, sondern sozialistische vierzig Prozent vom Gewinn. »Ich habe Geld jahrzehntelang für verabscheuungswürdig gehalten«, sagt Wader. »Heute, mit Blick auf die real existierenden Tatsachen meiner Altersversorgung, sehe ich das etwas anders.«
Während Reinhard Mey (zum zweiten Mal) heiratete, mit seiner Frau drei Kinder bekam – Frederik, Maximilian und Victoria –, die Privatpilotenlizenz erwarb und vom Zauber des Fliegens sang, verdüsterte sich Waders Leben. 1972 hatte er die Platte aufgenommen, die auch ihm den Durchbruch bringen sollte:
Sieben Lieder,
darunter die seltsame, surreale Ausflipp- und Gewaltfantasie
Tankerkönig
und das unverwüstliche
Heute hier, morgen dort
.
Bevor er mit dieser Platte auf Deutschlandtournee gehen sollte, wollte Wader noch ein paar Wochen lang durch Europa reisen, danach eine neue Wohnung in Hamburg beziehen. Kurz vor seiner Abreise zechte er mit Freunden in einer Karlsruher Kneipe – und lernte die freie Rundfunkjournalistin Hella Utesch kennen, die ihn durch freche Sprüche beeindruckte und im Übrigen darüber klagte, sie fände keine Wohnung in der Hansestadt. Dass er in der jungen Frau die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin nicht erkannte und ihr nach kurzer Zeit nur deshalb die Schlüssel zu seiner Wohnung überließ, weil das eine machohaft-nonchalante Geste war, ist vorstellbar. Die Ermittlungsbehörden, die in der Wohnung später mehrere Tausend Schuss Munition, Sprengstoff und auch Material für Rohrbomben fanden, glaubten es zunächst nicht. Nach seinem ersten Tournee-Auftritt zur Sieben-Lieder-Platte wurde Hannes Wader im Herbst 1972 auf dem Parkplatz hinter der Konzerthalle in Essen verhaftet. Zwar wurde das erste Ermittlungsverfahren gegen ihn 1976 eingestellt (ein weiteres folgte), doch dazwischen lagen irre, wirre Jahre, in denen er immer wieder als Zeuge in RAF-Prozessen aussagen musste. Parallel explodierten seine Plattenverkäufe, seine Auftritte waren gefragt wie nie, er verdiente bestens – und um diesen emotionalen Spagat auszuhalten, trank er bis zum Abwinken.
1977 trat Hannes Wader in die DKP ein – ungefähr zeitgleich sang Reinhard Mey ein rührendes Lied an seinen schlafenden Hund. »Reinhard war viel besser geerdet, durch seine Familie, seinen Freundeskreis«, sagt Wader. »Ich hatte eigentlich nur oberflächliche Beziehungen. Ich kann wohl sagen, dass die Partei mir in gewisser Weise das Leben gerettet hat.«
»Sowjetunion weg, Weltanschauung weg, Plattenfirma weg, Ehekrise«
Doch die Stabilität des eigenen Lebens vom Zustand des Kommunismus abhängig zu machen erwies sich als Risiko. Nach einer ausgedehnten Midlife-Crisis, die sich viele Männer seiner Generation gönnten, kam der totale politische Zusammenbruch für Hannes Wader mit der Wende 1989: »Sowjetunion weg, DDR weg, Partei weg, Weltanschauung weg, Plattenfirma weg – die war finanziell abhängig von der DKP –, Agent weg, zweieinhalb Millionen Mark Schulden und eine Ehekrise.«
Er fing sich; diesmal hat ihn wohl vor allem seine (zweite) Ehefrau Cordula gerettet, die die Krise nicht zum Bruch eskalieren ließ. Sie reorganisierte sein Leben: Das opulente (von den Genossen oft kritisierte) Windmühlenanwesen im nordfriesischen Struckum wurde verkauft, die Schulden bezahlt; beharrliches Tingeln durch kleinere Städte brachte das Vertrauen des Publikums zurück, das auf der Bühne allzu oft einen derangierten oder lustlosen Wader hatte erleben müssen, um noch gut gelaunt zu sein. Heute wohnt Hannes Wader mit seiner Familie in einem Reetdachhaus bei Itzehoe. Er erfreut seine Zuhörer immer noch mit Liedtexten wie:
Ein Sozialismus müsste her
mit neuem Schwung und alledem
doch wenn der wie der alte wär’
würd’s wieder nichts
trotz alledem.
Im Grunde sei er immer noch unpolitisch, sagt Wader. Heute singt er nicht mehr ganz so oft von den roten Mohnblumen, die über den Gräbern von Verdun blühen und in seinem berühmtem Lied
Es ist an der Zeit
vorkommen. Mit dem wollte er damals die Zuhörer auf pathetische Weise gegen die Nato-Nachrüstung aufwiegeln. Heute singt er, wenn er die Wahl hat, am liebsten vom blühenden Weißdornstrauch in der Nähe seines Hauses, unter dem der Zauberer Merlin schläft, bis er einst wieder aufwachen wird, um die Welt zu erlösen. Der rote Mohn ist zu Reinhard Mey hinübergeweht:
Kai war auf diesem Flug
Und mit ihm drei Kameraden
Vier Einschüsse im Bug
Hatten Hilfsgüter geladen
Am Ende der Welt
In einem Mohnfeld zerschellt
Es ist eines der Lieder, bei denen Mey leicht die Tränen kommen könnten.
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- Datum 27.04.2008 - 08:24 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
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Zu dem sehr guten Artikel über die beiden Liedermacheroldies sei als Pointe nur hinzugefügt ,dass Hannes seit einiger Zeit schon wieder seine Alben bei der "DKP-Nahen " Firma PLÄNE veröffnetlicht ,die er nach seinem DKP-Austritt verlassen hatte! Die alte Company Mercury-Phonogram hatte den Kontrakt beendet da die Wader-Veröffentlichungen komerziell nicht mehr zogen.So schnell ändern sich die Zeiten!
Der Pläne-Verlag als eines der wenigen komerziell erfolfreichen Relikte der DKP wäre überhaupt mal einen eigenen Artikel wert.
Beide, sowohl Mey als auch Wader, haben mit ihren Liedern und Chansons den "Aufbruch der Republik" begleitet. Beide haben dann auf besondere Weise erfahren, was es bedeutet, als Außenseiter angesehen zu werden. Mey - und auch Hüsch - waren zu bestimmten Zeiten keine gern gesehenen Gäste auf der Burg Waldeck. Ihre Lieder "seien zu unpolitisch" - so der allgemeine Tenor. Das saß! Dass traf diese Barden bis ins Mark. Ganz anders, Hannes Wader. Seine Texte und Lieder waren sehr politisch. Seine zu damaliger Zeit nicht durchschaubare - spirituelle - Nähe zur RAF machte ihn für manche Veranstalter "suspekt". Heute, 40 Jahre nach dem Beginn ihrer Karrieren, sind beide Künstler immer noch auf Tour. Die Franzosen verehren ihre Chansonniers über alles. Es täte diesem Land gut, wenn auch hier mehr Wert auf den Inhalt/Text eines Songs gelegt würde. Wir müssen unsere Liedermacher nicht bis "über die Wolken" hochleben lassen. Aber wir sollten - auch im Feuilleton - zur Kenntnis nehmen, dass wir ausgezeichnete, wenn auch älter gewordene, Interpreten haben. Hannes Wader und Reinhard Mey. Wer ist denn nun weise und wer radikal geworden? Sind nicht vielmehr beide weise geworden und, jeder auf seine Art, radikal geblieben?
...ist nur zuzustimmen. Ein Hinweis auf eine Ursache des Erfolgs beider Liedermacher. Es ist die Ehrlichkeit ihrer Texte, ihres Auftretens, ihrer Haltung, die jeden halbwegs sensiblen Hörer spüren lässt: Hier trägt jemand das vor, was er lebt. Und dafür kann man beiden danken.
Hannes Wader wird in den nur positiven Kritiken als Ikone der deutschsprachigen Liederpoeten gerecht. Einige seiner älteren Lieder sollten eingang in unsere Schulbücher finden, wie die seines Kollegen R.Mey in Frankreich. Seine kleinen Kommentare zu seinen Liedern drücken stets eine große Wärme und Intensität aus. Er ist auf dem "Poetenweg" in Bielefeld aufgewachsen. Seine Geburtsstadt sollte ihm endlich den Kulturpreis verleihen. Bei einem Konzert saß mal eine Frau neben mir, die gerade ihren Vater durch Selbstmord verloren hatte. Sie sagte mir, dass seine Lieder ihre seelischen Wunden schließen würden. Ich schenkte ihr spontan dass längst Liederbuch "Dass nichts bleibt, wie es war" nicht ganz ohne Eigenstolz, da ich darin mite. Ordensklamotte verewigt wurde.Meine Tochter Inga nahm ich schon als Kleinkind mit. Als sie das Haus verlies, nahm sie dieWaderlieder mit der sie groß wurde bewußt mit, um sie später mal ihren Kindern mal vorzuspielen. Auch darauf bin ich als langj.Waderfan stolz, Günter H. Schullenberg, Düsseldorf
Wie wär`s mal mit einem gemeinsamen Konzert ?
Hannes & Reinhard on tour.
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