ZEIT-Bildungskanon Das urbane Jahrhundert

Erstmals in der Geschichte leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Gewinner und Verlierer der Globalisierung wohnen hier dicht an dicht – ein Besuch in Kairo, der größten Metropole Afrikas

Der Tag hat eben erst begonnen, doch draußen tost die Stadt schon wieder wie ein aufgewühltes Meer, als sich Mohamed Ibrahim hinter verdunkelten Fenstern auf seinen Flug begibt. Im siebten Stock des Annex Building in der Salah Salem Street rückt er seinen Stuhl zurecht und fährt den Computer hoch. Ibrahim ist ein Büromensch, schmal und still und glatt rasiert, kein dröhnender Eroberer – und doch versucht er gerade wieder, die Welt da draußen zu erkunden, Planquadrat für Planquadrat. Denn Google Earth hat neue Satellitenbilder.

Im Sturzflug fällt sein Blick auf Afrika hinab. Dorthin, wo die Natur eines ihrer prägnantesten Landschaftsbilder hinterlassen hat, wo sich das Niltal zum Delta öffnet wie ein Blütenkelch – und wo ein steingrauer Klumpen dieses Tal verstopft, verkrustete Landschaft, kantiger Siedlungsschorf im Grün der Flussoase, von Mal zu Mal dicker, dichter, alles andere bedeckend: Kairo. Die größte Stadt Afrikas. Die größte Stadt der arabischen Welt.

Ibrahim fliegt an diesem Morgen also auf sich selber zu. Auf seine Heimat, auf sein Leben, in das er vor 32 Jahren als Stadtrandkind geboren wurde, »in Gizeh«, sagt er – und zeigt auf die Dreimillionenstadt, die heute kaum mehr ist als ein Vorort von Kairo, verwachsen zu einem wild wuchernden Stadtwesen, an dessen Rand die Pyramiden wie verloren wirken, nebensächlich. Ägyptens Regierung behauptet, im Großraum Kairo lebten zwischen zehn und fünfzehn Millionen Menschen. Kann man das nicht genauer sagen? Wie viele sind es wirklich? Ibrahim lächelt müde über diese naiven, diese europäischen Fragen. »Niemand weiß das, ich schätze, 17 Millionen. Nein, eher 18.«

So zwangsläufig sich der Nil ins Mittelmeer ergießt, so zwangsläufig spült er Jahr für Jahr Tausende Menschen und deren Hoffnungen ins Delta. Arbeiter, Bauern, Hirten aus Oberägypten und dem Sudan. Weil 96 Prozent des ägyptischen Staatsgebiets Wüste sind, konzentrierte sich das Leben schon immer am Fluss, doch mittlerweile ist die Region Kairo, neben Tokyo, das am dichtesten besiedelte Gebiet der Erde. Wo vor einhundert Jahren 600000 Menschen lebten, werden bald zwanzig Millionen sein. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich die bebaute Fläche verdoppelt.

Ibrahim schaut auf seinen Monitor und macht schmale Augen. »Da…«, sagt er, »und da…und da.« Er zeigt auf graue Flecken im verbliebenen Grün, neue Siedlungen im Delta, die auf den letzten Bildern noch fehlten. Ibrahim weiß, dass hier neue Städte wachsen, Orte ohne Namen, sehr reale und doch fremde Welten, denen er sich auf eine Weise nähert, wie sich die Menschen früher dem Mond genähert haben. Aus dem All und voller Ehrfurcht. Wie einem Phänomen, das aus normaler menschlicher Perspektive nicht mehr zu überblicken ist, auch nicht zu verstehen. »Wir Ägypter sagen: Man kann Kairo nicht begreifen, man kann es nur lieben oder hassen«, sagt er.

Doch Ibrahim, der Afrikaner, soll Antworten auf europäische Fragen finden. Auf seiner blendend weißen Visitenkarte steht »Senior Technical Officer«, er arbeitet für die deutschen Entwicklungshelfer der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Wann immer es neue Satellitenbilder gibt, macht Ibrahim daraus Stadtpläne und Landkarten – Standbilder einer rasenden Entwicklung: der Verstädterung der Welt.

Das erste urbane Jahrhundert hat begonnen. Obwohl es nur vage Zahlen gibt, gilt als sicher, dass seit dem Jahr 2007 erstmals mehr Menschen in Städten leben als auf dem Land. Dieser Zeitenwechsel vollzieht sich abseits der westlichen Welt, obwohl er hier begann, als London, Paris, Berlin und New York durch den Sog der Industrialisierung zu Metropolen wurden. Heute findet sich unter den zehn größten Städten der Erde keine europäische mehr. Es sind Schwellen- und Entwicklungsländer, in denen die Menschen vor Hunger, vor Kriegen, auch vor manchen Folgen der Globalisierung fliehen, wie in Afrika. Und es sind Schwellen- und Entwicklungsländer, in denen sie zu neuem Wohlstand pilgern, wie in Ostasien. Seit den siebziger Jahren sind allein in China rund 200 Millionen Menschen vom Land in die Stadt gezogen, es gibt dort mittlerweile 166 Millionenstädte, nur neun in den USA. Indiens Hauptstadt Delhi wächst jährlich um 500000 Menschen. Das nigerianische Lagos hatte 1950 rund 300000 Einwohner, jetzt sollen es 13 Millionen sein.

Eine Million Menschen leben auf Kairos Friedhöfen – aus Platzmangel

Und Kairo, genannt umm al-duniya, Mutter der Welt? Wo im Jahr 988 die Koranschule der Al-Azhar-Moschee zur ersten Universität der Erde erhoben wurde, liegt die orientalische Altstadt fast verschüttet unter Wohnwürfeln, wirkt wie eingesponnen in ein Netz aus Stromkabeln und Wäscheleinen. Nur noch die Minarette ragen aus der Enge, wie trotzige Zeugen einer Epoche, in der Städte noch planbar waren. Heute leben allein um das alte Zentrum etwa eine Million Arme auf Friedhöfen, wo sie jahrhundertealte Mameluckengräber als Wohnhöhlen nutzen. In den Häusern der Stadt ist kein Platz mehr für sie.

Seit vor mehr als 5000 Jahren in Mesopotamien mit Uruk, Ur und Babylon die ersten großen Siedlungen entstanden, ist die Stadt der Sehnsuchtsort des Menschen. Schauplatz des Auf- oder Abstiegs, Ausdruck von Herrschaft der Mächtigen und Hoffnung der Machtlosen. Doch nun ziehen derart viele Menschen zu den Knotenpunkten der Globalisierung, an denen vielleicht ein wenig vom Reichtum der Welt für sie abfällt, dass es naiv wäre, sich unter dem Begriff »Stadt« noch immer ein zwar großes, aber überschaubares Ensemble aus Häusern und Straßen vorzustellen, strukturiert durch staatliche Hierarchien. Die neue Siedlungsform ist eine Stadtlandschaft ohne Mitte, ohne Ränder, ohne Halt. Und eher aus Wellblech als aus Stein, denn das Wachstum der Städte ist in erster Linie ein Wachstum der Elendsviertel. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge leben bereits jetzt eine Milliarde Menschen in Slums, fast ein Sechstel der Weltbevölkerung.

»Städte sind ihrem Wesen nach Orte, an denen sich der Einzelne mit ungeahnten Chancen und unerwarteten Risiken, mit schreiender Ungerechtigkeit und außergewöhnlichen Möglichkeiten konfrontiert sieht«, schreiben Peter Hall und Ulrich Pfeiffer in ihrem Buch Urban 21 . In den neuen Megacitys stellten sich Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, der Ökologie, der Demografie so offenkundig wie sonst nirgends. Deshalb seien Städte »die Brennpunkte der Probleme der Gegenwart. Und deshalb entscheidet sich in den Städten die künftige Lebensqualität der Menschheit.«

Wenn in der Gegenwart einer Metropole wie Kairo womöglich die Zukunft zu finden ist, wie sieht die Zukunft dann aus? Obwohl eine solche Frage in einer solchen Stadt kaum an einem einzelnen Menschen zu beantworten ist, lohnt es sich, mit Mohamed Ibrahim am Computer bis zum Fuß des schroffen Mokattam-Gebirges östlich des Nils und der Altstadt zu fliegen, hinab ins Häusergewirr, bis in die Werkstatt des Ahmed Abou-Moustafa, wo die Gegenwart Kairos sehr an Europas Vergangenheit erinnert.

Es wird nie richtig hell in der kleinen, staubigen Manufaktur, in der sich Abou-Moustafa über eine selbst gebaute Bohrmaschine beugt, ein Mann von vierzig Jahren, am Kinn ein krauser Bart, wie sein Prophet ihn trug. Seine Bewegungen wirken matt und geringfügig, als sei keine Zeit zum Gestikulieren, nur zum Arbeiten, wie er das tut seit seinem achten Lebensjahr. Brrrt … brrrt … brrrt … macht die Maschine, mit der er Löcher in schwarze Kügelchen bohrt. Frauen aus der Nachbarschaft werden die Kugeln polieren und zu Gebetsketten fädeln.

Abou-Moustafas Vater kam aus Oberägypten und arbeitete mit Leder, so wie Moustafas Bruder, der Schuster nebenan, es heute tut. Abou-Moustafa hat vergessen oder nie erfahren, wann seine Eltern ihr Dorf verließen und welcher Traum sie bis nach Kairo trug – als habe es in seinem Leben nie einen Blick zurück gegeben, nur ein strebsames Vorwärts.

Ahmed Abou-Moustafas Werkstatt ist eine von 5000 Manufakturen im Stadtviertel Manshiet Nasser, einem alten Steinbruch in den Mokattam-Bergen. Hier ließen die Pharaonen einst den Kalksandstein für die Pyramiden schlagen, nun haben sich im Fels zahllose Menschen angesiedelt, ihre Häuser und Hütten im Halbrund des Steinbruchs fügen sich zu einer Szenerie, der derselbe Rhythmus innewohnt wie einem kubistischen Gemälde, voller Details, die in ihrer Gesamtheit kaum zu überschauen sind. Verschleierte Frauen ziehen zu Wasserstellen. Ziegen stöbern auf Hausdächern. Kinder spielen im Schutt. Hinter jeder Tür, jedem Fenster: Gesichter. Über allem liegt ein Dom aus Geräuschen, ein Rauschen von Menschen und Maschinen, zerrissen von Eselschreien, Autohupen, Pfiffen, die klingen wie kurze Existenznachweise einzelner Individuen in der Stadtmasse.

Orte, die es offiziell nicht gibt, benötigen weder Straßen noch Krankenhäuser

In Manshiet Nasser leben knapp eine Million Menschen, so viele wie in Köln, allerdings auf einem Sechzigstel der Fläche. So kommen 140000 Einwohner auf einen Quadratkilometer, in Köln sind es 2450. Jede zweite Familie muss mit einem einzigen Raum auskommen. Zwei Drittel der Bewohner haben keine eigene Toilette. Die Hälfte der Menschen kann weder lesen noch schreiben.

Vor rund fünfzig Jahren hatten erste Migranten den Steinbruch mit Holzhütten besiedelt. Wenn sie zu Geld kamen, ersetzten sie die Hütten durch steinerne Häuser, die mit den Jahren weiterwuchsen; die größten sind mittlerweile zwölf Etagen hoch. So ist ein Hochhausslum entstanden, ein unübersehbares Stück im Kairoer Stadtmosaik – doch auf vielen Karten ist Manshiet Nasser bis heute nicht vermerkt. Es wurde illegal auf staatlichem Land errichtet und ist deshalb leicht zu ignorieren. Städte, die es nicht gibt, benötigen keine Straßen, keine Schulen, keine Krankenhäuser, keine Zuwendung.

Die GTZ hat der Regierung das Viertel mit Karten, wie Mohamed Ibrahim sie anfertigt, gewissermaßen aufgedrängt. Es gibt inzwischen eine Polizeistation, ein Postamt und mehrere Schulen. Doch die Realität in Megastädten wie Kairo ist noch immer wendiger und schneller als die Stadtplanung. Während Manshiet Nasser von Westen her erschlossen wird, wächst es weiter nach Osten, die Felsen hinauf in die Wüste. Mehr als die Hälfte der Einwohner Kairos lebt inzwischen »informell«, in sogenannten Squatter-Siedlungen, was aus Ahmed Abou-Moustafas auf den ersten Blick randständigem Leben ein gewöhnliches macht in diesem neuen Typ Stadt, der nicht mehr von Behörden geprägt wird, sondern von globalen und lokalen Geschäftsbeziehungen. Elektrizität kauft Abou-Moustafa bei einem Stromdealer, der die öffentlichen Leitungen anzapft. Die Kugeln für seine Gebetsketten bekommt er seit einiger Zeit aus China, weil sich die Chinesen die menschlichen Ressourcen in Afrikas Slums ähnlich resolut erschließen wie die Rohstoffe des Kontinents. Abou-Moustafa hat rechnen gelernt, weil er zum Rechnen gezwungen war, mittlerweile verkauft er seine Ketten nach Saudi-Arabien und in den gesamten Maghreb. In seinem Viertel entstehen Möbel, Schuhe, Nägel, Töpfe, Hemden, Hosen und Souvenirs für die Welt, hier stehen Glasöfen, Aluminiumschmelzen, Webstühle; Schauplätze Zigtausender höchstpersönlicher Industrialisierungen.

Man braucht als Europäer einiges an Überwindung, um in Manshiet Nasser nicht nur Elend zu sehen, sondern auch Optimismus und Effizienzdenken. Dann versteht man: Das Viertel ist nicht allein aus Not entstanden, sondern auch aufgrund einer ökonomischen Standortentscheidung. Es liegt nah der Altstadt mit ihren Souvenirshops und nicht weit von den Hotels am Nil, in denen viele Bewohner Manshiet Nassers in Küchen und Wäschereien, als Gärtner und Wächter arbeiten.

Die Nähe von Arm und Reich, die Europäer als obszön empfinden, ist – zumindest von den Armen – gewollt. Und auch ihr Viertel selbst ist bis ins letzte Detail strukturiert: Man lebt in Eigentum, zur Miete oder Untermiete. Wo der Staat nicht richtet, schlichten Familienoberhäupter. Zünfte und Gewerke sind nach Herkunft aufgeteilt: Migranten aus der Stadt Fayoum werden Bauarbeiter, junge Männer aus Sohag Anstreicher, jene aus Esna fahren Laster und Busse. Und die Zabbaleen, koptische Christen, rücken Nacht für Nacht mit ihren Eselskarren aus und sammeln den Müll, den die 18 Millionen am Tag hinterlassen haben. Was essbar ist, fressen ihre 70000 Schweine, der Rest wird sortiert, verwertet, verkauft. Ganz Manshiet Nasser wirkt wie durchzogen von Produktions- und Verwertungsketten, die Verwandtschaften einbeziehen, Nachbarschaften stabilisieren, Kriminalität vermeiden, weshalb Stadtforscher mittlerweile davon abraten, Slums durch gut gemeinte Wohnungsbauprojekte zu ersetzen, weil dieses feine Netz dann reißen würde.

Man kann tatsächlich lange fragen und findet doch niemanden, der sagt, es gehe ihm schlechter als seinen Eltern. Die Stadt, auch in ihren ärmsten Vierteln, garantiert ein karges Einkommen. Allah wird täglich beschworen, doch die Muslimbrüder sind in ihrem Werben um extremistische Jünger nur mäßig erfolgreich. Die Menschen in Manshiet Nasser fühlen sich nicht als Opfer des Kapitalismus, sondern geben sich wie dessen radikale Fangemeinde. So auch Ahmed Abou-Moustafa, stolz auf seine Werkstatt, seinen Kühlschrank, seinen Fernseher, seine Kontakte nach Fernost. Einmal in der Woche gebe es Fleisch, sagt er, seine Familie bewohnt drei Zimmer. Er verdient zwischen 100 und 200 Euro im Monat, dreimal so viel wie der Durchschnitt in seiner Gasse. Sein Sohn ist zwölf und geht noch immer zur Schule. »Er kann lesen und schreiben!«, sagt Abou-Moustafa, überzeugt davon, dass sich die Ungerechtigkeiten der Welt in der Stadt besser abfedern lassen.

Für die Zukunft des Sohnes bohrt der Vater Kugeln, Tag für Tag, bis die blaue Stunde kommt. In Manshiet Nasser ist sie golden. Auf den Straßen lodern dann Feuer, und der Tee, den die Männer zu ihren Wasserpfeifen trinken, leuchtet bernsteinfarben. Abends, wenn das Licht seine Härte verliert und Kairo sich beruhigt, und sei es nur ein wenig, erkennt man für einen Augenblick die tausend Dörflichkeiten, die sich zu diesem Stück Stadt gefügt haben. Dann ist es sogar schön.

Die bunte Villen-Werbung wirkt wie ein zynischer Gruß an die Armen

Das ist auch die Zeit, in der Nadia Suelam in ihrem Peugeot Platz nimmt. Nadia Suelam, 49, leitet eine Bankfiliale in der Innenstadt, auf ihren Schultern liegt ein weiter weißer Kragen wie ein Schmetterling, blauer Lidschatten lässt ihre Augen müde wirken. Vorn am Lenkrad sitzt Saber, ihr Fahrer, der sie unter eifrigem Gebrauch der Hupe nach Hause bringt, hinaus aus Kairo. Weder Hitze noch Lärm, noch Gestank dringen in ihr Auto, das auf einer Hochstraße westwärts rauscht. Draußen zerfällt die Stadt, am Horizont reisen die Pyramiden mit. Nach einer halben Stunde Fahrt stören keine Eselskarren mehr, keine Mopeds, keine klapprigen Taxen. Auf einer beleuchteten Autobahn erklimmt der Wagen das Wüstenplateau und bringt Nadia Suelam hinein in eine neue Welt, die mit viel Wasser und noch mehr Geld erschlossen wurde: Rings um Kairo sind Dutzende von gated communities entstanden, umzäunte Siedlungen mit Namen wie Dreamland, Utopia, Palm Hills, Magic Land, Belle Ville I und wegen des großen Erfolges nun auch Belle Ville II. Es geht vorbei an hohen Mauern. Wo in goldenen Buchstaben das Wort »Karma« glänzt, öffnet sich ein gusseisernes Tor, ein Wächter winkt den Wagen durch. Bougainvillea blüht, Alleen aus Palmen tun sich auf, ein Gärtner wässert die grüne Insel eines Kreisverkehrs.

»Ich wollte Stille«, sagt Nadia Suelam, »das Schlimmste an Kairo war der Stress. Der Stress, mit den Kindern rauszugehen. Der Stress, einen Parkplatz zu suchen. Der Stress, nie allein zu sein.« Jetzt führt sie durch ihr Haus, das sie freimütig »Villa« nennt, drei Etagen voller Holz und Marmor, kühl, ruhig, staubfrei, keimfrei – all das, was Kairo nicht ist.

Zunächst hatte Nadia Suelam, eine Tochter Kairos, der Entwicklung nur zugesehen – auf den Konten ihrer Kunden. Als Bankerin kann sie vom Geldfluss auf die Psyche der Wohlhabenden schließen. Fließt Geld in Aktien, sind sie optimistisch. Wird es zu Festgeld, sind sie besorgt. Wird eine große Summe abgehoben, nehmen sie Abschied. »Immer wenn ein Konto plötzlich leer war, wusste ich: Es ist wieder jemand rausgezogen.«

Vor drei Jahren dann nahm Nadia Suelam so viel Geld in die Hand, wie es Ahmed Abou-Moustafa in Manshiet Nasser in Jahrhunderten nicht verdienen wird, und kaufte diese Villa in Karma, weil aus einer Mode fast ein Zwang geworden war, denn mit dem Kapital hatten auch die besten Ärzte, die besten Schulen, die besten Kindergärten das eigentliche Kairo verlassen. Seither funktionieren die neuen Städte in der Peripherie wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung von Sicherheit und Sorglosigkeit – fast alternativlos für jeden, der Alternativen hat.

Im Prinzip ist Karma so staatenlos wie Manshiet Nasser, seine Bewohner leben allerdings am anderen Ende der Einkommensskala. Dies ist nicht Afrika, dies ist umzäunter Westen. Die Architektur der Häuser erinnert an mediterrane Ferienparks, die Weite der Wege an Los Angeles. Im Westen Kairos haben die privaten Kolonien bereits die einst abgelegene staatliche Wüstensiedlung »6. Oktober« erreicht, im Osten wächst New Cairo, eine neue Stadt für zweieinhalb Millionen Menschen. Im nächsten Jahr zieht die American University dorthin, sogar ägyptische Ministerien denken über einen Umzug nach.

Auf Mohamed Ibrahims Satellitenbildern sieht es so aus, als würden der Stadt Flügel wachsen, während ihr Körper verkümmert. Die Ausfallstraßen sind plakatiert mit Reklametafeln für die neuen Siedlungen, die wie zynische Grüße an die Armen in den Hütten am Rande der Fahrbahn wirken – gerade jetzt, da die steigenden Lebensmittelpreise und mit ihnen der Hunger auch Kairo erreicht haben. Eine der größten Baufirmen Ägyptens wirbt für ihre Städte der Sorglosigkeit mit dem Slogan Life as it should be.

Das Leben, wie es sein sollte? Diese Siedlungen seien »Bastionen«, in denen die Wohlhabenden Zuflucht vor »einer aufgegebenen Metropole« suchten, schreibt der französische Geograf Eric Denis im Buch Cairo Cosmopolitan. Derzeit entstehe ein weltumspannendes Archipel umzäunter Enklaven, von denen aus die Eliten die wirtschaftliche Liberalisierung weiter vorantrieben »und sich zugleich vor den damit verbundenen Folgen, Risiken, Verschmutzungen und Krankheiten fernhalten«.

Nadia Suelam draußen in Karma lebt allerdings in der Gewissheit, Gutes zu tun. »Ich gebe zwei Menschen ein Heim, Arbeit und Lohn, mit dem sie ihre Familien ernähren.« Sie sitzt tief in ihrem Sofa und sagt, dass ihr Fahrer Saber kaum noch von seiner Frau wiedererkannt werde – so rund sei er geworden! Und Hainay, ihr Dienstmädchen, verdiene hier draußen doppelt so viel wie in der Stadt!

Die Reichen brauchen die Armen – als Hausmädchen und Chauffeure

Und dann erzählt Nadia Suelam von der großen Dienstmädchendebatte in Karma und davon, dass das Leben hier teurer ist, als alle gedacht haben, weil … ja: weil es keine Armen gibt! Sie vermisst die Stadt, vor der sie geflohen ist. Nicht nur die alten Cafés, die sich in den neuen Shoppingmalls nicht nachbauen ließen. Nicht nur die Briefträger, die sich hier draußen nicht zurechtfinden, weshalb sich Nadia Suelam alle Post an die Bank schicken lässt. Sie vermisst auch die Armut, die ein Leben in Reichtum ermöglicht. Ein Ort wie Karma wird erst funktionieren, wenn ein Ort wie Manshiet Nasser in der Nähe liegt. Denn die Reichen brauchen die Armen, weil sie Hausmädchen und Chauffeure benötigen. Und die Armen brauchen die Reichen, damit sie Hausmädchen und Chauffeure sein können.

Noch einige Jahre, und Mohamed Ibrahim wird auf seinem Monitor im siebten Stock des Annex Building erste Hütten im Schatten der Mauern von Dreamland, Utopia und Karma finden. Anders als die Europäer wird Ibrahim darin nicht nur Ungerechtigkeit erkennen, sondern schon den Umgang mit der Ungerechtigkeit – die ihren Ursprung oft woanders hat, in untätigen Behörden, in fernen Kriegen, auf unsichtbaren Weltmärkten. Er wird sich also nicht über die neuen Bilder wundern, nicht in einer Stadt wie Kairo, dieser Triumphstätte des Neoliberalismus. Das Leben hier ist nicht life as it should be, erst recht kein Modell für die Zukunft. Und doch ist es – man mag es kaum schreiben –für viele in der Stadt die pragmatischste Lösung.

Literatur zum Thema:

Mike Davis: Planet der Slums

Assoziation A 2007; 247 S., 20 €

Peter Hall/Ulrich Pfeiffer: Urban 21
Der Expertenbericht zur Zukunft der Städte.; DVA 2000; 454 S., nur noch antiquarisch

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Leser-Kommentare
  1. Es sind die Gesetze der Markwirtschaft und der Raumgestaltung. Sie sind andererseits auch Ausdruck anarchistischer Dezentralisierung.
    Anders als die Entwickung etwa der "Blauen Banane" in Europa, die sich langsam entlang der alten Handelswege als Folge der Akkumulation industriellen Kapitals entwickelte, sind die Megacitys Afrikas das Ergebnis eines ungebremsten Bevoelkerungswachstums. Ob die Bevoelkerungsverdichtung in den afrikanischen Megalopolen auch zu einer entsprechenden  Zunahme des Wohlstands der Regionen fuehren wird, bleibt abzuwarten. Hier ist die Globalisierung allerdings eine nicht zu unterschaetzende Triebfeder im besten Kantschen Sinne.   

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  • Serie Bildungskanon
  • Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
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  • Schlagworte Nil | Stadt | Kairo | China | Indien | Afrika | Köln
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