Stadt Rasante Urbanisierung
Die Zukunft der menschlichen Entwicklung liegt in den Städten, sagt Peter Herrle, Professor für internationale Stadtentwicklung an der TU Berlin. Ein Interview
DIE ZEIT: Herr Herrle, was ist eine Stadt?
PETER HERRLE: Mehrheitlich nicht mehr das, was wir Europäer uns unter dem Begriff vorstellen – ein kompaktes Gebilde mit einem Zentrum und einer klaren Grenze zum Land. Eine überschaubare Lebenswelt gibt es in den neuen Megastädten nicht mehr. Sie sind diffuse, großräumige Gebilde mit mehreren Zentren, urbanisierten Zwischenräumen, Brachflächen und einem Nebeneinander von Extremen.
ZEIT: Was zeichnet diese Megastädte aus?
HERRLE: Sie sind Motoren des Wachstums und der Veränderung. Gleichzeitig manifestiert sich hier aber auch die Polarisierung in Gewinner und Verlierer besonders krass und in einer Größenordnung, die unsere Vorstellungskraft übersteigt. Wir haben dort innerhalb einer Stadt Einkommensunterschiede, die extremer sind als jene zwischen Ländern in Nord und Süd.
ZEIT: In den Städten manifestiert sich also alles Unrecht der Welt?
HERRLE: Bislang waren Städte immer, quer durch die Geschichte, Problem und Lösung zugleich. Sie haben seit je Integration geleistet. Erst wenn diese Integrationsleistung nicht mehr funktioniert, zerfällt eine Stadt physisch, sozial und ökonomisch. Für diesen Trend gibt es eindeutige Hinweise.
ZEIT: Beleg dafür ist das Wachstum der Slums?
HERRLE: Unter anderem. Für die allermeisten Slumbewohner hat sich ihr Leben im Vergleich zu ihrer Situation auf dem Land real verbessert. Wir Europäer sehen Elend, Abwasserprobleme, Gesundheitsprobleme. Und wir Europäer haben einen konsumorientierten Blick auf das Wohnen. Wir fragen uns: Was kann ich mir leisten zum Wohlfühlen, zur Selbstrepräsentation? Die Argumentation der Armen in den Megastädten ist umgekehrt. Sie fragen sich: Welcher Wohnort verhilft mir am ehesten zu einem Einkommen? Das ist zunächst ein zentral gelegener Wohnort in der Nähe von Einkommensmöglichkeiten.
ZEIT: Aber führt das ins Glück?
HERRLE: Die Städte garantieren den Menschen jedenfalls ein minimales Einkommen, sonst würden sie nicht kommen. Slumbewohner nennen klare Gründe für die Stadt. Es wäre naiv, anzunehmen, ein Bauer könne seine Familie noch mit Subsistenzlandwirtschaft ernähren. Die Zukunft der menschlichen Entwicklung liegt in Städten. Das zeigen alle demografischen Trends und alle Untersuchungen einschlägiger Institutionen. Deshalb geht es um Integration oder »Inklusion« – wie wir das nennen – in lokale Versorgungsnetze und Wirtschaftskreisläufe.
ZEIT: Ist das die wichtigste Entdeckung Ihrer Disziplin?
HERRLE: Die wichtigste Entdeckung ist die unumkehrbare Tendenz zur rasanten Urbanisierung des Lebens, die zu neuen, durch globale Prozesse geprägten Siedlungsformen führt, die wir bisher nicht kannten. Slums sind ein Teil davon.
ZEIT: Und der größte Irrtum Ihrer Disziplin?
HERRLE:
Die Annahme, dass Megastädte etwas Ähnliches sind wie eine nochmals aufgeblasene Großstadt – und damit der Glaube, deren Probleme mit den Mitteln einer konventionellen Stadtplanung, Flächennutzungsplanung oder Wohnungsversorgung lösen zu können. Das funktioniert erwiesenermaßen nicht.
Peter Herrle ist Professor für Architektur und internationale Stadtentwicklung an der Technischen Universität Berlin und leitet die Habitat Unit, die sich mit Urbanisierung im globalen Kontext befasst. Herrle berät entwicklungspolitische Organisationen in Projekten vor allem in Asien und in Afrika
- Datum 23.04.2008 - 18:30 Uhr
- Serie Bildungskanon
- Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
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