Demografie Generation 65plus

Uwe-Karsten Heye ruft zu einer neuen Betrachtung der alternden Gesellschaft auf.

Es war ja klar, dass die 68er sich nicht sanft und still in den Ruhestand zurückziehen und sagen würden: Nun macht ihr mal, ihr 40-Jährigen. Das könnte diese Deutungshoheitsgeneration einfach gar nicht aushalten. Und warum sollte sie auch? Die Menschen werden älter, sie sind länger bei Sinnen – da können sie auch länger Bücher schreiben.

Gewonnene Jahre, heißt das neue Buch von Uwe-Karsten Heye, oder Die revolutionäre Kraft der alternden Gesellschaft . Heye arbeitete als Pressesprecher und Redenschreiber für Willy Brandt, von 1998 bis 2002 als Sprecher der rot-grünen Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder, danach ging er als deutscher Generalkonsul nach New York. Heute ist der 67-Jährige Chefredakteur der SPD-Parteizeitung vorwärts. Er hat also viel Politik gemacht, erlebt, konzipiert, formuliert, erklärt – und die erste Frage, die der Leser sich stellt, lautet: Warum will einer wie er jetzt die eigene Hinterlassenschaft revolutionieren?

Heye hat auch einen persönlichen Grund für einen neuen politischen Aufschlag: seinen Sohn Tom, fünf Jahre alt. In einem Alter, in dem andere Großvater sind, muss Heye sich noch einmal Gedanken darüber machen, wie es diesem Kind in Zukunft gehen wird, falls alle gesellschaftlichen Großtrends ungehindert weiterlaufen wie bisher. Die Antwort lautet: Schlecht, wenn Egoismus, Entfremdung der Generationen, Apathie der Alten, Ressentiment der Jungen, Fremdenfeindlichkeit und Turbokapitalismus zusammenkommen.

Man wird den Verdacht nicht los, dass der Turbokapitalismus noch einmal eine gesonderte Betrachtung verträgt, aber womit Heye zweifelsohne recht hat, ist sein Appell zu einer Neubewertung des Alters: Die Zeiten, in denen man Frührentner mit einem sanften Schubs aus der Gesellschaft hinausbefördern und hinfort ignorieren konnte, sind vorbei. Und zwar deshalb, weil die neuen Alten sich das nicht mehr gefallen lassen – und weil die wenigen Jüngeren sie brauchen. In der Arbeitswelt, wo wir erst anfangen, den demografisch absehbaren Fachkräfte-, überhaupt Kräftemangel zu ahnen; und in den zwischenmenschlichen Verhältnissen, wo gerade junge Familien jeder Entlastung bedürfen, deren sie habhaft werden können.

Etwas unklar bleibt – aber Bücher, die zu Gesprächen anregen sollen, dürfen solche Unschärfen haben –, wie das alles zusammengeht, wie die nicht mehr apathischen, nicht mehr ausgegrenzten Alten an die Berufstätigen- und Kindergesellschaft andocken sollen. Ehrenamtlich, ja, aber wie genau?

Manche Kindertagesstätten klagen heute schon darüber, durch Horden freiwilliger Vorleser praktisch überrannt zu werden, und auch wenn das anekdotische Überspitzung sein mag, so muss doch gewiss der Grundsatz gelten: Zur Altenbespaßung sind die Institutionen des Bildungswesens jedenfalls nicht in erster Linie da.

So oder so scheint aber vor dem Anrollen der nächsten revolutionären Kraftwelle ein Klärungsprozess innerhalb der Generation 65plus angezeigt, zu dem dieses Buch den Anstoß geben könnte: Denn ebenso wenig, wie 1968 alle demonstrieren gingen, ist es ja ausgemachte Sache, dass sich jetzt alle intergenerationell engagieren wollen. Im Straßenbild, in den Universitäten, bei Parteiveranstaltungen, auf Flughäfen und in Konzertsälen lassen sich jede Menge ältere Personen beobachten, die offenkundig keine Zeit haben, sich um die eigenen Enkel zu kümmern. Warum dann um die anderer Leute?

 
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