Nur einige knospende Kirschbäume im Innenhof hellen die grauen Fassaden auf. Die Flure in dem Zweckbau der Ludwig-Maximilians-Universität sind menschenleer, die Labors verschlossen und gesichert. Denn hinter dicken Türen lagert entflammbares und explosives Material. Kleinstmengen, aber immerhin.

Zimmer D3-080. Hinter einem gewaltigen Holzschreibtisch verschwindet ein schmächtiger Mann. Stoppelhaarschnitt, auf der Nase eine dicke Brille, der schwarze Anzug sitzt locker am Leib, am Hosenbund ein Mobiltelefon. Einen Entwickler von tödlichen Explosivstoffen stellt man sich eher verwegener vor. Aber er wirkt nicht wie Dr. Seltsam oder einer, dem Gewissenskonflikte ins Gesicht geschrieben stehen, weil er fürs Militär forscht. Das einzig Gewagte an Thomas Klapötke ist das grelle Blumenmeer auf seiner Krawatte.

Nur wer sich genau umsieht, findet Indizien für das brisante Engagement des Chemikers: Der Schutzhelm mit Plexiglasscheibe auf dem Regal, daneben leuchtend gelbe Ohrenschützer. Und hier – Klapötke schwenkt die Rückseite der Tür ins Sichtfeld – eine schwarze, splittersichere Kevlar-Weste für die Versuche, die im Keller hinter dickem Beton stattfinden. Bis zu fünfzig Gramm Sprengstoff werden dort in einen Zylinder gestopft, umrahmt von vier fauchenden Bunsenbrennerflammen und dann: WUMM! Im Sommer schrecken selbst die Studenten auf dem Rasen vor den Kirschbäumen hoch.

»Die Welt ist nun mal nicht gut«, sagt der Sprengstoff-Chemiker

Thomas Klapötke leitet das einzige Hochschulchemielabor in Deutschland, das sich mit Wehrtechnik beschäftigt. »So etwas stößt bei anderen immer noch auf größte Skepsis«, sagt er. »Das hat wohl mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun.« Klapötke findet seine militärische Verbindung nicht verwerflich. Im schottischen Glasgow habe er geforscht, und da sei es für Chemiker selbstverständlich gewesen, für die Army zu arbeiten. Auf der Suche nach einem Forschungsgebiet war er auf eine Nische gestoßen: Halogen-Azide. Die Verbindungen waren schwierig zu analysieren, weil sie gern explodieren. Als er nach Deutschland zurückkehrte, setzte Klapötke einen Brief an das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung auf. Weil er militärische Selbstverteidigung für legitim, ja unbedingt notwendig hält – »die Welt ist nun mal nicht gut« –, bot er an, bei der Forschung zu kooperieren. Unverbindlich. »Sie können den Brief zerreißen, wenn sie kein Interesse haben.« Aber die Bundeswehr war begeistert, und nun forscht Klapötke auf die wohl deutscheste Art an Explosivstoffen: mit dem Ziel, sie umweltverträglicher zu machen und quasi einen »grünen« Sprengstoff zu entwickeln. Tödlich für Gegner, schonend für die Umwelt und eigene Truppen. »Wir statten die Soldaten mit dem besten Material aus, das wir haben«, sagt er.

Das Umweltproblem sieht dabei folgendermaßen aus: Sprengstoffe lösen sich mit der Explosion nicht vollständig auf. »Wenn von einer 500 Kilogramm schweren Bombe nur ein Prozent übrig bleibt, sind das immerhin 5 Kilogramm, und die sind toxisch.« Nitroaromatische Verbindungen entstehen, »schlecht für alles aquatische Leben«. Übungsplätze sind nach einer gewissen Zeit erheblich belastet. Auch der Umgang mit Sprengstoffen bei Herstellung und Lagerung birgt auf Dauer Risiken. TNT schädigt die Leber, das noch kräftigere RDX greift die Nieren an. Bleiazid, in Sprengkapseln und Patronen, gibt auf Schießständen Bleiwolken frei. »In amerikanischen Studien hatten die Arbeiter, die sich um die Reinigung von Schießständen kümmern, erhöhte Bleikonzentrationen im Blut«, sagt der Forscher.

Also testen seine Mitarbeiter saubere Alternativen. Hunderte von Stoffen untersuchen sie jährlich, und fast immer geht es zunächst darum, den Stickstoffanteil darin zu erhöhen. Denn wenn sich Stickstoffatome fest miteinander verbinden, wird viel Energie frei. Mehr Stickstoff im Sprengstoff bedeutet mehr Energie. Also: mehr Wumm und weniger Abfall bei gleicher Menge. Im weitverbreiteten RDX etwa stecken 38 Prozent Stickstoff, »in unseren Stoffen sind es bis zu 80 Prozent«, sagt Klapötke.