Als Gerd Schulte-Hillen 1981 sein Amt als Vorstandvorsitzender von Gruner + Jahr antrat, machte er sich in der Redaktion nicht beliebt: Aus Kostengründen gab es auf Redaktionskonferenzen nur noch Wasser statt Saft. Die Kantine hatte ihr Thema. Sie hätte ein besseres verdient, denn während der Saft-Sparaktion steuerte der Verlag den stern in die größte Glaubwürdigkeitskatastrophe – Kostenpunkt 9,3 Millionen Mark in bar. Im Einverständnis mit Schulte-Hillen und initiiert von seinem Vorgänger Manfred Fischer, erwarben der stern- Reporter Gerd Heidemann und sein Ressortchef Thomas Walde insgesamt 60 Bände gefälschter Hitler-Tagebücher. Weder die Zeitgeschichtsexperten des Blattes noch die Chefredaktion waren eingeweiht, und auf valide Historikergutachten wurde verzichtet. Als der Verlag der Weltöffentlichkeit im April 1983 seinen Scoop präsentieren wollte, wurde das linksliberale Aufklärungsblatt auf einen Schlag zur Peinlichkeitsillustrierten, denn es war dem Holocaust-Leugner David Irving gelungen, sich unter den Journalistentross zu mischen und die Tagebücher aufmerksamkeitsheischend als Fälschung zu entlarven. Da kippten auch die in letzter Minute als Glaubwürdigkeitszeugen eingeflogenen Wissenschaftler der Reihe nach eindrucksvoll um.

In seinem Buch Der Skandal um die Hitler-Tagebücher beschreibt der ehemalige stern- Redakteur Michael Seufert detail- und facettenreich die Geschichte dieses Medienskandals und belegt lehrbuchmäßig, welch desaströse Folgen das Versagen klassischer journalistischer Kontrollmechanismen haben kann. Der stern mag nach diesen Erfahrungen gegen Wiederholungen gefeit gewesen sein. Andere waren es nicht, wie der »Fall Sebnitz« beweist. Als im September 2000 übereifrige Staatsanwälte und 90 Prozent des deutschen Pressecorps drei unbescholtene Jugendliche des Mordes an einem ausländischen Kind und eine ganze Stadt der Mitwisserschaft verdächtigten, war offensichtlich, dass im Kampf um den knalligsten Aufmacher und die höchste Auflage der Mangel an Recherche und das Abblocken von Gegenargumenten ein dem System innewohnendes, immer wieder ausbrechendes Virus sind.

Mit der Beschränkung auf die verlags- und redaktionsinternen Abläufe und die Personifizierung des Unheils auf Heidemann, Walde, den Tagebuch-Lieferanten Kujau und die Verlagsspitze beantwortet Seufert zwar die wichtige Verschuldensfrage, aber ungeklärt bleibt, warum in den frühen achtziger Jahren die Figur Hitlers noch eine solche Faszination ausüben konnte, dass ein im bürgerlichen Mainstream beheimateter, der kühlen Rechnungsart verpflichteter Verlagschef wie Manfred Fischer erschaudernd ein »geradezu sinnliches Erlebnis« verspürt, als er eine der Tagebuch-Kladden in Händen hält und dieses Erlebnis noch steigert, indem er den vermeintlich historischen Fund an dem aus kaukasischem Nussbaum gefertigten Ess- und Besprechungstisch der ehemaligen Göring-Yacht Carin II im Kreise der Beteiligten gebührend feiert. Die Yacht gehörte Heidemann, dem Mann mit dem Nazitick.

Es war nicht lange her, da hatte die 68er-Generation ihre Eltern wegen des Verschweigens der Naziverbrechen öffentlich angeklagt. Die Hitler-Erfahrung war für die Hälfte der Deutschen noch erlebte Geschichte, und die Frage: Was hat »der Führer« gewusst und gewollt?, hätten Dokumente aus seiner Hand endlich beantworten können. Deshalb waren auch renommierte Zeitgeschichtler auf der Suche nach Hitler-Zeugnissen jeder Art. Um diese Dimension erweitert, wäre Seuferts Buch ein Beitrag zur nachkriegsdeutschen Mentalitätsgeschichte geworden, so ist es eine in jeder Hinsicht aufschlussreiche Lektüre über einen exemplarischen Medienunfall. Der Nazidevotionalien sammelnde Heidemann stößt auf den von der gleichen Obsession befallenen Stuttgarter Militariahändler Konrad Kujau, der ihm und anderen aus der Szene zuweilen echte, vornehmlich aber gefälschte Schriftstücke andient. Den Hunger Heidemanns nach aufsehenerregenden Funden befriedigt er, indem er im Akkord, Hitlers Schrift nachahmend, insgesamt 60 Bände an Führer-Tagebüchern produziert. Deren Inhalt ist banal und aus gängigen Handbüchern abgekupfert. Als Fundort der Dokumente wird die Absturzstelle einer aus dem umkämpften Berlin gestarteten Ju 352 im sächsischen Börnersdorf angegeben. Zur Tagebuch-Legende gehörte auch, dass hohe DDR-Generäle am Schmuggel der Bände in den Westen beteiligt wären. Dieser Plot diente Helmut Dietl später als Grundlage für seine erfolgreiche Filmgroteske Schtonk!.

Im stern konnte dieses Stück aus Absurdistan Wirklichkeit werden, weil Verlag und Redaktion nicht mit-, sondern gegeneinander arbeiteten, weil der Verlag seinen Chefredakteuren misstraute und sie über den Deal nicht rechtzeitig informierte und weil die Chefredaktion, als sie endlich einbezogen wurde, autoritätsgläubig und im blinden Vertrauen auf den Durchblick des Managements das Blatt vollends um seine Glaubwürdigkeit brachte. Selbst als der Fälschungsvorwurf kaum noch von der Hand zu weisen war, verkündete Chefredakteur Peter Koch, aufgrund der Tagebücher müsse die Geschichte des »Dritten Reiches« teilweise umgeschrieben werden. Um dieser Verknüpfungen willen ist das Buch nicht nur Journalistenschülern, sondern auch angehenden und praktizierenden Verlagsmanagern zu empfehlen.

Ein Aspekt, den Seufert quasi en passant behandelt, verweist auf die enge Zusammenarbeit von stern- Mitarbeitern mit der Staatssicherheit und anderen DDR-Behörden. So hatte Heidemanns Ressortchef Walde nicht nur zum BND, sondern auch zu Offizieren des DDR-Geheimdienstes Kontakt. Wenn Heidemann und Walde sich in Ost-Berlin mit Stasi-Mitarbeitern trafen, berichteten sie anschließend dem Hamburger Verfassungsschutz. Vorbei an den für sonstige westliche Journalisten geltenden Einreise- und Genehmigungsverfahren durften beide in der DDR am Absturzort der Ju 352 recherchieren – inklusive Übernachtung in einem Stasi-Gästehaus. Auf der Suche nach Görings Goldschatz lässt Heidemann von Pionieren der NVA sogar einen märkischen See umbaggern, und Walde erzielt durch die Veröffentlichung von Stasi-Informationen über den BND in der Bundesrepublik höchste Aufmerksamkeit. Vor wem diese Stasi-Kontakte geheim gehalten wurden, wer eingeweiht war und, vor allem, wo die Grenzen der journalistischen Verantwortung im Umgang mit interessengeleiteten Geheimdienstinformationen liegen, ruft wie die Tagebücher-Märchenstunde nach einem Sachbuch-Thriller über die Zusammenarbeit von Diensten und Journalisten beim stern und anderswo – mit vielen Beispielen aus dem praktischen Leben.