Zwölftöner Das neurotische Duo

Der Briefwechsel der Komponisten Arnold Schönberg und Alban Berg ist die Chronik einer genialen Beziehung

In der Post ist mal wieder ein Brief von Berg. Schönberg öffnet, blättert, ächzt. Zwölf Seiten, viel Tinte. Schönberg antwortet sofort. Berg möge sich kürzer fassen. »Ihre Formalitäten nehmen Ihnen zuviel Zeit weg. Abgewöhnen!!« Er schreibt noch mehr an diesem 28. November 1913, schließlich geht es um das Programmheft zu seinen Gurreliedern, um das der Schüler sich kümmert. Der kümmert sich überhaupt um alles. Er hat des Meisters Umzug von Wien nach Berlin organisiert und die Kisten gepackt. Er korrigiert Notenmaterial, schreibt Klavierauszüge und betreut eine Geldsammlung zugunsten des Lehrers, dem eine Professur beharrlich verweigert wird. Alles tut er für ihn in Wien, über alles schreibt er so ausführlich, dass er einmal davon »ein Hühneraug« bekommt.

1302 Seiten hat die Gesamtausgabe der Korrespondenz zwischen dem Erfinder der Zwölftonmusik und seinem genialsten Schüler. Damit taucht jetzt ein Kontinent auf, von dem man zuvor nur Inseln sah. Wer das liest, fragt sich anfangs, wann Alban Berg eigentlich zum Komponieren kam. Ob er wusste, was in ihm steckte. Nach Schönberg kam für ihn unter den Lebenden lange keiner. »Wir Sterblichen«, bekannte etwa der 26-Jährige dem Älteren, »können uns nur vor Ihrem Schicksal beugen.« Da erschrak selbst Schönberg: »Ich fürchte überschätzt zu sein! Tun Sie das nicht.« Es ihm recht zu machen, das war eine Sisyphosarbeit. Einmal fand er sogar die Adresse zu lang, unter der man Berg im Sommer erreichte, und mahnte per Postkarte: »Herzl. Gruß! Können Sie Ihre Adresse wirklich nicht kürzen? Schönberg«.

Umso witziger, dass diese austriakisch umständliche Ferienadresse Karte für Karte in den Fußnoten vermerkt wird. Die verschaffen der Briefausgabe einen Horizont, der sich sonst kaum erschlösse. Etwa beim »Watschenkonzert« 1913, einem Uraufführungsabend mit Prügeleien, von dem Berg zunächst nur »das Glück über Ihre Aufführung meiner Lieder« erwähnenswert findet. Über Musik wird entweder punktgenau handwerklich gesprochen oder polemisch. Man lobt einander und spottet über fast alle anderen: Schreker (größenwahnsinnig), Krenek (nicht ernst zu nehmen), Honnegger (langweilig), Prokofjew (Salonmusik), Szymanowsky (überladen).

Manche Sätze aus diesen Briefen könnte man sich auch in einem Dialogstück zwischen Thomas Bernhard und Ernst Jandl denken. »Ich hab Ihnen, mein lieber Herr Schönberg eigentlich nichts neues zu schreiben, aber mein Bedürfnis nach Mitteilung…« Da entspricht Berg genau der Rolle, die er in diesem neurotischen Paar spielt. Seine luxuriöse Umständlichkeit spiegelt seine Herkunft – Sohn eines wohlhabenden Exportkaufmanns – ebenso, wie aus Schönbergs grimmiger Knappheit der Sohn eines kleinen jüdischen Schusters spricht. Zugleich ist es, als wolle Berg in seiner Demut Abbitte leisten dafür, dass er gesellschaftlich von oben kommt, während Schönbergs Kampf um Anerkennung sich mit einer Selbstbezogenheit verbindet, die oft verletzend wirkt.

Zwar hat er Berg das Handwerk beigebracht, aber für die eigene Kreativität muss der sich mitunter schier entschuldigen. »Es nicht als eine Eigenmächtigkeit betrachten!«, fleht der 28-Jährige, nachdem er bekannt hat, an einer Sinfonie zu schreiben statt an der von Schönberg empfohlenen Suite. Ein Jahr später widmet er dem Lehrer die »Orchesterstücke« op. 6 als etwas »Selbstständigeres« nach den Studienwerken und bekommt zur Antwort: »Ich hab zwar schon öfters hineingesehen, aber Sie werden ja selbst wissen, wie schwer es ist, sich aus so komplicierten Noten ein Bild zu machen…« Zudem fehle ihm in dieser Zeit die Ruhe. Die fehlt nun allerdings allen. Der Erste Weltkrieg hat begonnen. Patriot und Wahlberliner Schönberg verschickt Kaiser-Wilhelm-Postkarten, er empfiehlt Berg, Artillerist zu werden und Kriegsanleihen zu zeichnen.

Doch der, zuerst von den »ungeheuern Ereignissen« beeindruckt, findet es schon im Dezember 1914 »über alle Maßen entsetzlich«, von »Gelingen« zu sprechen, wenn es um das Töten geht. Im Ausbildungslager erleidet der 30-Jährige einen Zusammenbruch; im Innendienst ist er »abhängig von verhaßten Menschen, gebunden, kränklich, unfrei, resigniert, ja gedemütigt«. So schreibt er später an seine Frau Helene über die Parallelen zwischen sich und der Gestalt, die einer der bedeutendsten Opern des Jahrhunderts den Titel geben wird: Wozzeck. Dieses Werk ist ein Kriegskind; es macht Berg zum Erwachsenen. Der Weltkrieg beendet die neurotische Phase der Beziehung zu Schönberg.

Die beiden duzen sich jetzt, und Berg schreibt andere Briefe. Man atmet auf, dass er sich nicht als Autor eines Buchs über Schönberg rekrutieren lässt, man möchte ihn schütteln, wenn er vor Schönberg seinen Wozzeck neben dessen Monodram Erwartung kleinmacht (»einstampfen«), sich aber gegenüber Helene über Schönbergs notorisches »Miesmachen« ärgert. Freilich weiß er nicht, dass der schon nach ersten Eindrücken aus Wozzeck eine glühende Empfehlung an den Verleger Hertzka gesendet hat. Der Meister hat die Qualitäten sofort erkannt, lässt sich das aber auch nach der triumphalen Uraufführung 1925 kaum anmerken: »…kann natürlich nicht sagen, dass ich das Werk jetzt schon genau kenne.« Es gebe jedenfalls zu viele laute Stellen.

Ein bisschen lässt das an Leopold Mozart denken, dessen Stolz auf seinen Sohn und Schüler immer mit der Angst verbunden war, die Kontrolle über ihn zu verlieren. Vor dem Hintergrund spürt man subtile Distanz, wenn Berg über das opus 29 des Freundes anstelle der gewohnten Pauschaleuphorie nur schreibt: »Deiner Suite komm ich langsam schon näher.« Als er 1928 Jurymitglied der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik wird, möchte er dieses Stück zur Aufführung beim Festival vorschlagen – doch Schönberg nennt die Gesellschaft, für die Berg sich nicht zu fein ist, eine »Gaunerbande« und lehnt ab. Der Triumphzug des Wozzeck macht ihm zu schaffen: Berg hatte ihn überholt.

Zu Aufführungen seiner Oper reist der bis nach Leningrad, er kauft ein Ford-Sport-Cabriolet und schickt ein Foto davon an Schönberg, er lehnt eine Lehrstelle in Berlin ab – gegen Schönbergs dringende Empfehlung. Vielleicht hätte er ihr folgen sollen, denn für die Zeitläufte hat der Ältere ein sehr genaues Sensorium. »Ich weiss«, schreibt er im Herbst 1932, »natürlicherweise auch ohne die nationalen Winke, die man in den letzten Jahren empfangen hat, ganz genau, wohin ich gehöre… Ich nenne mich heute mit Stolz einen Juden.« Auch einen »Ortswechsel« erwägt er schon in diesem Brief, einem seiner wichtigsten, auf den Berg zwei Monate lang nicht antwortet. Die Aussicht, den »liebsten Freund« nicht mehr treffen zu können, muss ihn erschreckt haben.

Kurz vor der Machtergreifung Hitlers (der in keinem der 810 Briefe, Postkarten, Telegramme vorkommt) besucht Berg seinen Freund in Berlin und schreibt dann: »Ich muß immer wieder einmal die Luft Deines Zimmers, das mir wie ein zum Platzen volles Innere eines Riesengehirnes vorkommt, athmen dürfen … ich brauche das zum Leben!« Am 17. Mai 1933 verlässt Schönberg dieses Zimmer für immer, um mit seiner Frau Gertrud und der einjährigen Tochter Nuria über Frankreich in die USA zu emigrieren. Von dort, aus Hollywood, kommt zu Bergs 50. Geburtstag am 9. Februar 1935 die größte Anerkennung, die Schönberg ihm je zollte: »Du, der als einziger unserer Sache allgemeine Anerkennung zu gewinnen imstande warst.«

Doch Berg geht es schlecht. Seine Werke werden nicht mehr in Deutschland aufgeführt, Tantiemen bleiben aus, im August reicht das Geld noch für »2, 3 Monate«, und in dieser »Existenzfraglichkeit« nimmt er die Furunkulose nicht sonderlich ernst, an der er nach einem Insektenstich erkrankt. Den letzten Brief an den fernen Freund schreibt Helene für Alban, er liegt im Krankenhaus, am 24. Dezember 1935 stirbt er. Schönberg hat in Bergs letztem Sommer noch einen seiner tapsigen Späße gemacht und wie einst dessen Adresse kommentiert, die Wiener Wohnung seit Jahrzehnten, Trauttmannsdorffgasse 27. »Manchmal fühle ich mich versucht«, schrieb er ihm, »Ttrraauuttmmaannssddoorrffggaassee 2277 zu schreiben, weil ich nie weiss welche Buchstaben zu verdoppeln sind.« Die Bergsche Umständlichkeit, jetzt fehlte sie ihm wohl.

 
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