Schleswig-Holstein Wo ist denn da der Haken?

Heringssaison an der Schlei in Schleswig-Holstein: Die Hobbyangler kommen in Scharen, und die Profis wundern sich

Vor einer halben Stunde war es noch stockdunkel, doch um sechs zieht allmählich Licht auf über der Schlei. Durch die Nebelschwaden auf dem Wasser schimmert rötlich die Sonne. Als triebe sie Frühsport, stemmt die alte Hebebrücke bei Lindaunis schläfrig ihr gewaltiges Gegengewicht in die Höhe. Stimmungsvoller kann ein Tag nicht beginnen. Nils Ross aber spricht von seinen Hämorriden.

Das sind die Berufsleiden des jungen Fischers, weil er wochenlang im Gummizeug auf dem eisüberzogenen Dollbord seines Bootes gesessen hat. Auch heute Morgen nistet eine kneifende Kälte in dem Kahn. Aber es hilft nichts, die Netze wollen geleert werden.

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Ein Knochenjob ist das. Ross hat das dreißig Meter lange Netz an einem Ende aus dem Wasser geholt und über den Bug gelegt. Meter um Meter zieht er es über das Boot und rupft jeden einzelnen Hering mit seinen dicken Gummihandschuhen aus den Maschen. »Es sind zu viele«, sagt Ross, »so viel nimmt der Markt nicht auf.« Nach einer halben Stunde liegt der erste Zentner in den Fischkisten. Wenn er das alles nachher auf dem Kai an Laufkundschaft verkauft, kann er 150 Euro einnehmen. Ross muss aber erst noch ein zweites Netz leeren, und darum sagt er: »Man fährt nach der Uhr. Um zwanzig vor neun muss ich in Schleswig sein, die Kunden warten nicht.« Je besser der Fang, desto härter und stressiger die Arbeit.

Mit Fischerromantik hat das alles überhaupt nichts zu tun, dennoch will der zwanzig Jahre alte Ross bei der Fischerei bleiben und sich irgendwann selbstständig machen. Momentan arbeitet er im Betrieb des Vaters, zu dem ein zweites Boot auf der Schlei und ein Kutter auf der Ostsee gehören. Gerade zwölf Fischer gebe es noch in Schleswig, sagt Ross: »Aktive Rentner und Auszubildende mitgerechnet.« Die Konkurrenz sei hart, weil etliche Nebenerwerbsfischer mit Dumpingpreisen den Markt kaputt machten.

Auch sonst hat er Grund zu fluchen. Über die Kormorane zum Beispiel, deren Bissspuren viele Filets unverkäuflich machen. Oder auf die Angler, deren Haken sich in seine Netze verirren und dort stecken bleiben. Beim Ausnehmen dringen die Widerhaken dem Fischer in die Finger, und es ist kein Spaß, sich die Dinger herauszuoperieren. Aber Nils Ross flucht nicht, und für einen hart arbeitenden Mann morgens um sechs ist er guter Dinge. Nur eines kann er nicht verstehen. Er blickt zu den ersten beiden Anglern hinüber, die sich im Morgengrauen auf der Brücke des Sportboothafens zeigen, und sagt: »Die machen extra Urlaub, zwei, drei Wochen, bloß um Heringe zu angeln. Bekloppt.«

Was für Ross harte Arbeit ist, ist für andere reines Vergnügen. Es ist Heringszeit an der Schlei. In Schwärmen ziehen die Fische im März von der Ostsee den 42 Kilometer langen Meeresarm hinauf, um an seinem Ende im relativ warmen Wasser vor Schleswig abzulaichen. Dreißig Kilometer schleiabwärts, im küstennahen Hafenort Kappeln, lauern ihnen deshalb in diesen Wochen die Angler auf, die aus ganz Deutschland angereist kommen. An die fünfzig stehen abends auf der Kaimauer und schleudern mit langen Ruten immer wieder ihre Köder hinaus. Viel ist heute den Tag über nicht gelaufen. Ein Mann aus Münster hat seinen Eimer dennoch gut gefüllt. »Drei Stunden war nix«, sagt er, »aber jetzt, seit fünf Uhr, geht es plötzlich los.«

Die gute Nachricht schickt Fritz Skoczylas gleich hinaus ins Land. Er ist der Verkäufer im »Wassersportzentrum Kappeln. Angelgeräte und Zubehör. Maritimes aus aller Welt«. Er hat die Angler auf dem Kai den ganzen Tag im Auge, und permanent muss er Anrufer von außerhalb bedienen, die alle nur das eine wissen wollen: »Ist der Hering da?«

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    • Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
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    • Schlagworte Schleswig-Holstein | Rhein | Aldi | Tourismus | Fisch
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