Studiengebühren Der Gegenbeweis
Studentenfreundlichere Hochschulen ganz ohne Gebühren? Die Befürworter der Campus-Maut widersprechen, doch die Uni Mainz zeigt, dass das möglich ist.
Die Unipräsidenten frohlockten von Hamburg bis München. Mit dem Geld der Studenten werde es ihnen endlich möglich sein, längere Öffnungszeiten für ihre Bibliotheken anzubieten, verkündeten sie nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vor drei Jahren, das Studiengebühren für rechtens erklärt hatte, und wiederholen es seitdem in regelmäßigen Abständen.
Bei der Gelegenheit bedauern die Hochschulfürsten dann auch gerne ihre armen Kollegen in den neun gebührenfreien Bundesländern, denen mangels Campus-Maut diese großartigen Gestaltungsmöglichkeiten nicht vergönnt seien.
Kurzum: Längere geöffnete Bibliotheken sind zu einem Standardargument für den Sinn von Studiengebühren geworden, genau wie zusätzliche Tutoren oder die fast schon sprichwörtlichen Beamer in allen Hörsälen.
Da verblüfft eine Nachricht aus Rheinland-Pfalz, einem Stammland der Gebührengegner: Die Mainzer Universität will von Mai an die Zentralbibliothek sieben Tage und Nächte die Woche offen halten, jeweils von acht Uhr morgens bis sechs Uhr morgens, vier Bereichsbibliotheken stehen bis 22 Uhr zur Verfügung.
Eine Regelung, die deutschlandweit fast einmalig ist. Man reagiere damit auf die Ergebnisse einer Umfrage unter Studenten, heißt es.
Das Beispiel Mainz beweist: Oft reicht eine ordentliche Portion Mut und Tatkraft der Verantwortlichen, um der Unterfinanzierung der Hochschulen ein Mehr an Studentenfreundlichkeit abzuringen.
Mainz zeigt auch: Studiengebühren oder ihr Fehlen dürfen nie zur Ausrede werden, das Mögliche nicht zu tun.
- Datum 29.04.2008 - 10:26 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 24.04.2008 Nr. 18
- Kommentare 8
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Da ist jetzt aber jemand den angekündigten "Gegenbeweis" schuldig geblieben. Nach fünf mageren Absätzen zu schlussfolgern, man brauche doch gar keine Studiengebühren, eine "ordentliche Portion Mut und Tatkraft der Verantwortlichen" reiche doch auch aus - ist das vielleicht etwas voreilig, womöglich gar simplizistisch? Mit derselben Logik würde man folgendes beschließen: Da ja zwei Nobelpreisträger letztes Jahr aus Deutschland kamen, ungeachtet der langen Unterfinanzierung der Unis, braucht man gar nicht mehr in die Unis investieren. Da ja der Berliner Senat das dritte Kita-Jahr gebührenfrei anbieten kann, braucht Berlin gar keine höheren Steuereinnahmen, wo es doch so eine reiche Stadt ist. Da ja das Wetter gestern wieder kälter geworden ist, brauchen wir uns um Klimaerwärmung keine Sorgen mehr zu machen. Also, hat sich was mit Gegenbeweis.Friedrich Poeschel,
University of Oxford,
www.friedrich.poeschel.info
In der Tat, der Gegenbeweis fehlt. Allerdings ist über Sinn und Unsinn von Studiengebühren auch niemals mit dem Argument der längeren Öffnungszeiten von Bibliotheken zu entscheiden, sondern einzig und allein damit, dass Bildung ein GUt ist, das allen Schichten zugänglich sein muss. Mit Studiengebühren ist sie das nicht. Eine Verzinsung des Studiengebührenkredits von ab Mai über 8% ist keine Chancengleichheit.Mein eigentlicher Kommentar bezieht sich allerdings auf die neuen Öffnungszeiten der Mainzer Unibibliothek. 22/7 klingt schonmal gut; wenn ich aber lese, dass die Mainzer hier nahezu alleine stünden, dies als Geniestreich sondersgleichen dargestellt wird und die anderen Hochschulen solche Öffnungszeiten aus Studiengebühren finanzieren wollen, muss ich widersprechen.An der Uni Karlsruhe hat die neue Unibibliothek seit dem 24. April 2006 für den Publikumsverkehr geöffnet und ist an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr zugänglich. Wer sich daran erinnert: Studiengebühren in BaWü gibt es erst seit April 2007.
Ein anderer Gegenbeweis wäre: 3 Semester schon Studiengebühren und keine spürbare Veränderung ;-)Genauso volle Hörsäle wie vorher, und ehrlich gesagt ist ein Beamer nicht gerade das wichtigste Ausstattungsmerkmal einer Universität. Je nach Studiengang braucht man nicht einmal eine besonders tolle Bibliothek mit 24h geöffneter Tür. Internet ist die effektivere Informationsquelle, gute Lehrbücher kann man gebraucht teils recht preiswert kaufen. Vielleicht wäre hier eine Investition in Räumlichkeiten, Betreuung und Lehrkräfte das bessere Merkmal für einen Gegenbeweis als Beamer, verstaubte Bücherlager, zerfressen durch Bücherwürmer, und Hilfskräfte (Tutoren). Also: Gegenbeweis engagiert, aber nicht stichhaltig, sogar unnötig, wenn man die Situation einiger Unis betrachtet. In Bonn werden die Gebühren zum Beispiel teils nur zum Stopfen von Etatlöchern genutzt, womit weder etwas zum Positiven verändert noch Status-quo wirklich erhalten wird.Leider muss die Gesellschaft für die Ausbildung ihrer Jugend aufkommen, so verwegene Stimmen, und keine finanzstarken Männer vom Mars. Da sind Studiengebühren ein rein ideologisch aufgeladener Minitopf zur Finanzierung, denn eine bequeme Lösung wären eben diese Männer vom Mars mit einer Geldgießkanne.(Ein Student)
Der Artikel ist nun wirklich keine Offenbarung - aber er kritisiert zurecht das eigentliche Hauptproblem der Universitäten:Mangelndes Interesse an den Studenten und an guten Studienbedingungen.Wieso? Studenten sind nur eine kleine Interessensgruppe an den Universitäten neben: Doktoranten, Mittelbau, Professoren, Wirtschaft, Forschung und ettlichen anderen Interessensgruppen wie Fakultäten usw.Eine Geldgießkanne hilft sicherlich - mehr Geld ist immer besser. Meistens könnte man aber auch vieles mit gutem Willen und der Bereitschaft zu Fortschritt und Veränderung erreichen.Beispiel: Es gibt die Möglichkeit überlastete Vorlesungen (oder genrell) aufzuzeichnen und auf Datenträger zu speichern - jederzeit könnte der Stoff in Ruhe nachbereitet werden. Foren bieten die Möglichkeit Fragen zu Stellen zu zu beantworten. In wie vielen Fächern sind noch nicht einmal Diktiergeräte erlaubt? (z.B. auch für ausländische Studenten.)Die Vorlesung stammt aus einer Zeit in der aus einem Buch / Skript vorgelesen wurde - wieso nutzen wir hier keine modernen Medien?Das Internet, Foren, Videovorlesungen uvm. bieten Millionen Möglichkeiten zu einem neuen Studium - Vorlesungen aus Amerika, Indien, Japan oder China live in Deutschen Hörsälen - gar kein Problem. Nicht jedes Studienfach braucht in allen bereichen Laborabeitsplätze für 1 Mio € - mit einer konesquenten Verwaltungsreform und einer Umgestaltung der Studienänge könnte die deutsche Bildungslandschaft revolutioniert werden - es traut sich nur keiner. Wieso? Angst vor Veränderungen, Verlustängste des Status Quo und das Interesse an einer teueren Studienindustrie wie in den angelsächsischen Ländern mit ihren gekauften Abschlüssen (Wer 5000 € im Semester bezahlt erwartet auch einen guten Abschluss - welche Uni will dann seine Geldesel schon durch schlechte Noten vergraulen?)Studiengebühren sind Dumm, ungerecht und volkswirtschaftlich schädlich - Akademiker sind seltener arbeitslos, verdienen mehr, wovon überproportional viel Geld als Steuern bezahlt werden (Progression) und an Ihnen hängen andere, geringer qualifizierte Arbeitsplätze. Hat schon jemand etwas von einem Überqualifizierungsproblem gehört oder von einer Ingeniersschwemme? Aber gerade hier errichten wir pschologische Hemmschwellen und belasten vor allem die Aufsteiger und sozial unterpriveligierten zusätzlich. Viele Studenten leben von weniger Geld als von Hartz IV im Monat und (erarbeiten sich davon noch einiges im Job.) Das dann 1000 € nur für diese Gruppe hart ist und nicht für die Einzelkinder von 2 Lehrern - sollte eigentlich jedem einleuchten der bis 3 zählen kann.Jeder der ökonomisch für Studiengebühren argumentiert, wie Sie momentan eingeführt sind, ist für mich jemand der sich nicht mit dem Thema auseinandergesetzt hat oder nur an seinem Eigennutzen interessiert ist - für unsere Gesellschaft ist Sie ein Rückschritt und eine Dummheit zugleich.
Ihr Beitrag ist eine Offenbarung!Im Übrigen habe ich in die Vorlesungen öfters MiniKameras eingeschmuggelt und konnte so den Stoff über Wochen hinweg genau verfolgen.Ich weiss garnicht ob ich da etwas verbotenes getan habe aber geholfen hat es wirklich.
Vielleicht liegt meine "undergraduate"-Zeit schon zu lange zurueck, aber wessen Idee war es eigentlich, die Qualitaeten einer Universitaet an den Oeffnungszeiten der UB zu messen? MUSS die nachts an sieben Tagen der Woche auf haben?
Internetvorlesungen sind so unproblematisch nicht. Sobald Sie in einer deutschen VL einen Filmclip zeigen, bewegen Sie sich bereits am Rande der Legalitaet, was passiert, wenn das international on air geht? Im uebrigen sind VL (im Idealfall, gebe ich zu) auf ein bestimmtes Publikum zugeschnitten, und stehen in einem bestimmten Kontext (Vorbereitung auf das Hauptstudium, Begleitung durch Tutorate) -- das geht Ihnen im Web natuerlich verloren. In Tuebingen wurden VL in meinen Faechern aufgenommen und aufbewahrt: und ich muss Ihnen sagen, diese Aufnahmen sind weit weniger hilfreich, als man denken mag. Es fehlen die visuellen Unterstuetzungen (die sie bei Videoaufnahmen natuerlich haetten), aber auch die Interaktion zwischen Dozent und Studierenden -- es ist eben doch etwas anderes, selbst mit anderen in einer VL zu sitzen, dannach noch kurz darueber zu reden, als sich diese Veranstaltung auf dem Bildschirm "abzurufen".
Mainz ist toll. Ganz ohne Studiengebühren wird dem Bedürfnis der Studenten Rechnung getragen und die UB verlängert ihre Öffnungszeiten.Doch auch im armen Osten, besser Nordosten ermöglicht die Greifswalder Uni lange Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 8 bis 24 Uhr und am Wochenende ab 9 Uhr bis Mitternacht. Zwar ist nicht in der Nacht geöffnet, doch wer verirrt sich in diesen Zeiten eigentlich wirklich zum Lernen und Arbeiten in eine Bibliothek.Zum Schluss: In Greifswald müssen keine Studienbeiträge gezahlt werden. Auch wenn Rektor Westermann dies als "Wettbewerbsnachteil" für seine Alma Mater sieht. Trotzdem ist der UB-Service sehr gut.Deshalb sollten sich Gebührenbefürworter mit anderen, hoffentlich besseren Argumenten zu Wort melden.
Dass eine Uni - nämlich meine Uni! - ihre zentrale Bib nun länger öffnet, ist eine gute Sache. Dass das ein Beweis für die Nutzlosigkeit von Studiengebühren sein soll, ist eine voreilige Schlussfolgerung, die mit Nachsitzen in der Bib ausgebügelt werden muss. Denn von den chronisch überfüllten Hörsälen oder den Arbeitsgemeinschaften für mehr als 70 Studenten (!), die ich an eben jener gepriesenen Bastion gegen die Studiengebühren erlebt habe, schweigt der Artikel.Wenn es bei der Einführung von Studiengebühren nur darum ginge, eine Bib zwei Stunden länger zu öffnen, müsste man sich über die Heftigkeit der Debatte doch sehr wundern. Tatsächlich geht es darum, das Niveau des Studiums insgesamt zu verbessern. Und dies verlangt neben vielen Maßnahmen wie zum Beispiel Autonomie der Hochschulen in finanziellen Fragen und der Personalpolitik auch Studiengebühren, die besser als Studienbeiträge bezeichnet werden müssen. Nur so kann die Qualität der Lehre - und damit die individuelle Ausbildung - entscheidend verbessert werden. Dazu zählen vor allem kleine Lehrgruppen, optimale Ausstattungen der Universität und weiterführende Angebote zur Vorbereitung auf die Berufswelt. Der Kreativität bei der Verbesserung der Lehre dürfen in Zukunft keine, schon gar nicht finanzielle Grenzen gesetzt sein! Wer hier immer schnell das rhetorische Fallbeil der Sozialen Ungerechtigkeit bedient, verkennt die Realität, nämlich dass Studienbeiträge auch zurückgezahlt werden können, wenn der Absolvent im Berufsleben Tritt gefasst hat und ein gewisses Einkommen erzielt. Sie belasten also keineswegs den Geldbeutel der Studenten sofort. Und ein jeder Student sollte sich auch fragen, wie viel er selbst für sein eigenes, persönliches Fortkommen bereit ist aufzuwenden - statt immer nur nach der Gesellschaft zu rufen.
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