Unternehmen Spannungen im Kaffeehaus

Tchibos größter Feind sind die Selbstzufriedenheit und eine Eignerfamilie im Dauerstreit. Jetzt soll das Unternehmen umgekrempelt werden.

Wer bei Tchibo einen Raumspar-Hosenbügel kauft, wird höflich gefragt, ob er auch noch Kaffee brauche. Fast mutet es tapfer an, wie die Damen an der Ladentheke die braunen Bohnen offerieren. Sie wissen, dass die Geschäfte schrumpfen, Filialen verkauft oder geschlossen werden. Der Traditionskonzern Tchibo war so erfolgreich, dass Selbstzufriedenheit auf der Führungsetage zum größten Gegner wurde. Hinzu kommt ein Streit zwischen Brüdern. Um zu alten Stärken zurückzufinden, braucht das Unternehmen neue Ideen.

Mindestens einmal hat das schon geklappt. Längst war Tchibo mit der Marke Gold Mocca zur Nummer eins auf dem deutschen Kaffeemarkt aufgestiegen, da kam Günter Herz, dem ältesten Sohn des Firmengründers Max, der Gedanke, seine Kunden »jede Woche mit einer neuen Welt« zu überraschen. Das war vor gut 30 Jahren. Seitdem werden die Filialen bundesweit jede Woche mit neuen Waren bestückt; immer orientiert an einem speziellen Thema. Eine logistische Meisterleistung, wie Konkurrenten neidvoll registrierten. Rund zwei Drittel des Umsatzes stammen heute aus dem Verkauf von Produkten, die zum spontanen Einkauf reizen: T-Shirts, Socken, Gartenscheren, Spargeltöpfe oder Teelichthalter.

Der Erfolg rief Nachahmer auf den Plan: Gnadenlos kopierten Discounter wie Aldi und Lidl das Konzept. Es verlor mit der Zeit das Besondere. Irgendwann erschlug die Menge die Qualität der Angebote. Tchibos unverkäufliche Restposten wuchsen, die Umsätze fielen; 2006 dann der Schock: Umsatz und Gewinn blieben erstmals unter Vorjahresniveau. Auch 2007 lief es nicht rund. Im ersten Halbjahr sank der Betriebsgewinn um fast 60 Prozent auf 45 Millionen Euro. Die zweite Hälfte des Jahres brachte keine Erholung. »Es ist noch viel zu tun«, sagt Reinhard Pöllath, der Chef des Aufsichtsrats.

Zum Glück hat das Unternehmen ein schützendes Dach über dem Kopf. Das ist die maxingvest ag. Sie schreibt rund 10 Milliarden Euro Umsatz und gehört den drei Herz-Brüdern Michael, Wolfgang und Joachim sowie deren Mutter Ingeburg. Unternehmensgründer Max ist 1965 verstorben. Die Holding beherbergt neben Tchibo noch den Nivea-Produzenten Beiersdorf. Nur dessen gute Zahlen glätten die Bilanz des Gesamtkonzerns. »Tchibo befindet sich in der Restrukturierung«, sagt Konzernsprecher Klaus-Peter Nebel. Bis 2010 sei die Tchibo-Welt wieder in Ordnung, versichert er zugleich.

Zurzeit wird den Filialen ein modernes Outfit verpasst. Fast 100 Millionen soll das kosten. Insgesamt gibt es 1.000 Tchibo-Läden. Nicht alle werden runderneuert. Jeder zehnte soll geschlossen oder abgegeben werden. Darunter die 60 Filialen, die der Mobilfunker E-Plus übernimmt. Von den 13.000 Mitarbeitern bedient rund die Hälfte in den Shops. Möglichst alle sollen ihre Arbeit behalten. Für Härtefälle wurde vorsorglich ein Sozialplan vereinbart. »Es gehört zur Tchibo-Kultur, sich bei diesen Veränderungsprozessen rechtzeitig um die Mitarbeiter zu kümmern«, sagt Tchibo-Chef Markus Conrad.

Auch die Warenwelt wird aufgepeppt. Mode- und Möbeldesigner sind engagiert, um das Billigimage zu verdrängen. Der ehemalige Chefdesigner von adidas, Michael Michalsky, soll Tchibo mit frischer Mode und einem neuen Label (Mitch & Co.) zu mehr Glamour verhelfen. Und der Brite Sir Terence Conran, der hierzulande den Lifestyle-Shop habitat ins Leben rief, kreiert für Tchibo neue Angebote für Küche und Bad.

Weniger klar ist, wie der Handelskonzern sein Geschäft mit dem Kaffee forcieren will. Hier wurden gleich mehrere Trends verschlafen. Coffeeshops wie Starbucks und Balzac machten Tchibo vor, wie man mit Latte macchiato und anderen Neuigkeiten junge Leute begeistert. Auch den Trend zu Einzelportionen in der Maschine, den sogenannten Pads, nahm Tchibo zunächst nicht ernst. Am stärksten aber rächt sich, dass der Trend zu Bio übersehen wurde. Zwar hat Tchibo Kaffee im Programm, der unter fairen Bedingungen erzeugt wird oder den Regenwald schützt. Kaffee mit dem Bio-Siegel aber gibt es noch nicht zu kaufen. Wer zu spät kommt, den bestrafen die Lieferanten: Aufgrund des allgemeinen Bio-Booms tut sich Tchibo heute schwer, die erforderlichen Mengen auf dem Weltmarkt zu ergattern.

Und dann sind da noch die Probleme im Management. Die beiden Vorstände, die für Kaffee und Gebrauchsgüter zuständig waren, verließen jüngst das Unternehmen. Um künftig die Bereiche besser zu verzahnen, wird Conrad allein für Kaffee und Co zuständig sein.

Überraschend bekommt er noch jemanden als Vertriebschef zur Seite gestellt, der bislang im Aufsichtsrat saß: Stefan Pfander. Der 64-Jährige kennt sich aus in Familienunternehmen. Er arbeitete lange Zeit für Wrigley, den Kaugummikonzern aus den USA, und er mag Unternehmen, die sich in Familienhand befinden, »weil sie nachhaltig wirtschaften können«. Pfander gilt als jemand, der sich nicht mehr beweisen muss. Ganz unprätentiös sagt er, dass er nicht in den Vorstand gehe, um »als großer weiser Mann« alle Probleme auf einen Schlag zu lösen. Dabei wird genau das von ihm erhofft. Pfander setzt auf gute Kommunikation, kann vermitteln. Diese Eigenschaft ist bei Tchibo besonders gefragt.

Seit Jahren reibt sich die Familie in grotesken Querelen auf. 2003 verließ Günter Herz, der Tchibo zu seiner Blüte verhalf, zusammen mit Schwester Daniela entnervt den Konzern. Sie nahmen vier Milliarden Euro mit. Das war der Preis für ihren Anteil. Fortan führte Michael Regie. Bruder Wolfgang hält sich eher zurück, aber Joachim fühlt sich auf dem Abstellgleis. Er soll es gewesen sein, der aus lauter Ärger vier Aktien verkaufte: an Karl-Walter Freitag. Der pflegt auch mit kleinen Anteilen großes Aufsehen zu erregen und hat den Ruf eines Vorstandsschrecks.

So geschah es, dass die jüngste Hauptversammlung der bis dahin geschlossenen Gesellschaft gehörig aufgemischt wurde. Weil Michael, Wolfgang und Ingeburg Herz zusammen 85 Prozent der Gesellschaftsanteile halten, konnte Freitag zwar nichts entscheiden. Doch ein Albtraum bleibt er für den Familienclan allemal. Vorstände einer anderen Aktionärsversammlung wurden von ihm schon mal als Lumpen, Lügner und Pöbler tituliert. Damals musste Freitag unter Polizeibegleitung den Saal verlassen. Er zog deswegen vor den Kadi. Die Richter fanden seine Äußerungen allerdings »ungehörig und in diesem Zusammenhang eines Wahrheitsbeweises nicht zugänglich«. Der Saalverweis sei geboten gewesen. Man vermag sich vorzustellen, wie Freitag im Kreis der Hamburger Milliardäre angekommen ist. »In der Form verlief alles sehr nett«, sagt zwar Aufsichtsrat Reinhard Pöllath. Allerdings hat Freitag Klage gegen sämtliche Beschlüsse der Versammlung erhoben. Er selbst will sich zu seiner Rolle als eifriger Aktionär nicht äußern.

Warum tut sich die Familie so etwas an? Peter May, Rechtsanwalt und intimer Kenner von Familienunternehmen, sagt dazu: »Wenn die Brüder Herz so weitermachen, könnte Tchibo zum negativen Aushängeschild für die Sache der Familienunternehmen werden.« Und was treibt sie? May: »Wenn die persönliche Verletzung eine gewisse Tiefe erreicht, spielt Geld keine Rolle mehr.«

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