Ich habe einen Traum Einfach mal weg
Deutschlands berühmtester Barbesitzer Charles Schumann träumt von einer Auszeit. Und weiß doch, dass er überall auf der Welt sofort wieder einen Laden eröffnen würde
Abends, so ab zehn oder halb elf, ist endlich was los bei uns in der Bar. Vorher, mittags und am frühen Abend, da sind wir so was wie eine gehobene Kantine. Da kommen die Gäste heutzutage vor allem zum Essen. Danach aber passiert das, was eine gute Bar ausmacht: Sehen und gesehen werden, miteinander reden bei leiser Backgroundmusik, trinken. Auch wenn es die genussvollen Trinker von früher kaum noch gibt. Jene Journalisten… oder Typen, die viel übers Trinken wussten, die kaum Cocktails getrunken haben, sondern nur Pures und immer das Gleiche. Wein war für die gar kein Alkohol.
Heute passen viele besser auf sich auf. Heute wird bei uns auch viel Wein bestellt. Und die Leute sitzen im Sommer gern draußen – vorn am Odeonsplatz oder hinten im schönsten Gastgarten von München, mit Blick auf den Hofgarten. Obwohl es drinnen, in der Bar, am allerschönsten ist. So spät am Abend, da stimmt das Licht, da ist die Luft in der Bar gut.
Um zehn, halb elf – da bin ich dann schon vierzehn Stunden auf den Beinen. Und vor Mitternacht geh ich nie nach Hause. Bis ich im Bett bin, ist es jedes Mal halb zwei. Dann bin ich viel zu müde zum Träumen. Nachts träume ich nur, wenn ich einmal viel und schlecht gegessen habe.
Ich bin ein Tagträumer. Und seitdem ich eine eigene Bar habe, seit 27 Jahren, träume ich davon, dass es irgendwann weniger wird. Dass ich einmal ein paar Monate lang verschwinden kann, an den Atlantik, nach Frankreich oder sonst wohin. Am Wasser leben, aufs Meer hinausschauen, surfen gehen. Richtig surfen! Wellenreiten!
Ich mache mir nichts vor: Ich bin jetzt im letzten Drittel meines Lebens. Und ich sage mir oft: Das kanns doch nicht gewesen sein! Das kann doch nicht so weitergehen, bis ich umfalle! Ich will auch nicht im Rollstuhl ins Lokal gefahren werden auf meine alten Tage. Ich bin doch keiner, der nicht loslassen könnte.
Jetzt mache ich mal eine Woche Urlaub und später im Jahr noch eine. Ich fahre auch regelmäßig irgendwohin und arbeite eine Woche oder zehn Tage woanders. In anderen Lokalen, bei Freunden. In London, in Hongkong, in Shanghai. Ich schau mir alles an, ich helfe ein bisschen. Und jedes Mal sage ich mir: Jetzt muss ich endlich einen ernsthaften Anlauf nehmen, muss für längere Zeit weg. Ein, zwei Monate. Oder ganz.
Wenn ich es schaffen würde – und ich kann es schaffen –, würde ich mit meinen Brettern den Atlantik entlangfahren, von Bordeaux runter nach Bayonne, nach Biarritz, dann über die Grenze nach San Sebastián. Da gibt es tolle Restaurants! Und diese Markthalle! Wenn du so einen Markt siehst und das Fleisch dort, möchtest du hier gar nicht mehr kochen!
Ich würde weiterfahren, die Küste entlang, und würde mich fragen: Wo ist der Ort, verdammt noch mal, wo du bleiben kannst und am Wasser leben? Natürlich: Es müsste eine Stadt sein mit einem guten Café. Ich würde mir nie einen Kaffee zu Hause machen.
Und ich träume auch gar nicht davon, dass ich nur untätig am Strand sitze. Ich interessiere mich für Sprachen, für Architektur. Meine große Leidenschaft ist Französisch. Das kann ich ganz ordentlich. Aber ich würde gern ein bisschen besser Spanisch sprechen. Niemals würde ich nichts tun. Ich könnte keine zwei Monate irgendwo leben, ohne was zu machen. Wahrscheinlich hätte ich ganz schnell zumindest eine Imbissbude.
Zum Beispiel: Wenn mich ein Hotel haben wollte, als PRManager. Ich wäre einfach da und würde mich um die Gäste kümmern. Da müsste ich gar nichts dafür bezahlt bekommen. Dann könnte ich tagsüber mit meinem Brett ins Wasser gehen und nachts arbeiten. Ich würde immer nachts arbeiten.
Es könnte auch Barcelona sein, das wäre auch was. Oder Tokyo. Ich würde gern einmal drei Monate lang in Japan leben.
Aber für längere Zeit wegzugehen, oder ganz, das geht nicht. Noch nicht. Da müsste ich erst den idealen Ort finden. Und hier, für meine Bar, eine Lösung. Und für meine Mitarbeiter. Wenn man so lange miteinander gearbeitet hat und was aufgebaut, kann man nicht einfach abhauen.
Es ist eine ständige Unzufriedenheit, die mich weitertreibt. Diese Unruhe. Meine Neugierde. Und es sind meine Tagträume.
Aufgezeichnet von Wolfgang Lechner
Charles Schumann, 66, stammt aus der Oberpfalz, war Jesuitenschüler und Bundesgrenzschützer, arbeitete im Diplomatischen Dienst und studierte Politologie. 1982 eröffnete er in München Schumanns American Bar und machte sie zu einem Treffpunkt der Schönen und Berühmten. Schumann hat mehrere Cocktail-Bücher veröffentlicht und arbeitet als Fotomodell.
Zu hören unter
www.zeit.de/audio
Nach der erfolgreichen Ausstellung in Berlin im vergangenen Jahr geht der "Traum" weiter auf Reisen. Bis Anfang Juni sind die schönsten Fotografien der Serie im
Goethe-Institut in Paris
zu sehen.
- Datum 27.04.2008 - 05:56 Uhr
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 24.04.2008 Nr. 18
- Kommentare 2
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Lieber Schumann,
Ihre Bar ist eine viel zu wunder-Bar, als dass es sich lohnte, sie zu verlassen. Zumal: Wohl wahr, sie würden ein neues Geschäft am neuen Ort machen und ob das so gut wäre? Mir fallen die ehemaligen Betreiber der Strandbar Oase auf Norderney ein, die in Kapstadt nicht glücklich wurden.
Die kleine Flucht findet man zu Hause, oder so gerade eben um die Ecke. Und die große? Nun ja, wo die uns alle hinführt?
Excusez moi...
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