Israel »Das haben wir durch Beten erreicht«

Am 15. Mai vor sechzig Jahren wurde der Staat Israel gegründet. Was aus dem Land meiner Liebe wurde und warum ich immer noch nicht dort lebe

Für das jüdische Kind in mir ist Israel ein unwiderstehlicher Hoffnungsruf und Jerusalem ein ergreifendes Liebeslied.

Wie oft habe ich mir auf meinen Streifzügen durch das rumänische Karpatenstädtchen vorgestellt, irgendwo in Judäa zu sein, auf einer Bank zu sitzen und einem Meister zuzuhören, der mir das Mysterium der Worte, die Macht der Erinnerung und den menschlichen Durst nach Wundern erklärt.

Mit meinem Großvater, einem leidenschaftlichen Chassid, sprach ich Jiddisch. Es machte ihm Freude, mir chassidische Lieder beizubringen, vor allem aber, mir beim Studium eines Talmudtextes zuzusehen. Sein Traum war es, so lange zu leben, bis wir alle gemeinsam ins Heilige Land gehen und dort den Messias begrüßen würden.

Eigentlich habe ich mehr vom Messias als von einem eigenen jüdischen Staat geträumt.

Und dann passierte, was passiert ist.

Wo war ich am 14. Mai 1944? Noch im Ghetto. Ich war fünfzehn. Der erste Transport in das Unbekannte, eilig organisiert, sollte in Kürze abgehen oder war gerade abgefahren.

Für uns trug das Schicksal die Maske des Todes, den der Feind zu seinem Erlöser gemacht hatte.

14. Mai 1948. Paris. Am Vorabend der Gründung Israels. Drei Jahre lebte ich schon als Staatenloser in Frankreich.

1945, in Buchenwald von der US-Armee befreit, wurde ich von einem Offizier gefragt, wohin ich repatriiert werden wolle. Wie die meisten meiner Freunde, antwortete ich: »Nach Palästina«, doch wegen der restriktiven britischen Einwanderungspolitik war das Mandatsgebiet für uns versperrt. Über das OSE (Œuvre de Secours aux Enfants), eine engagierte französisch-jüdische Hilfsorganisation, kamen dann etwa vierhundert von uns nach Frankreich.

Ich erinnere mich.

Es ist Freitag. David Ben Gurion verliest die Unabhängigkeitserklärung des neuen jüdischen Staates. Radiostationen übertragen das Ereignis in alle Welt. Abends gehe ich in die Synagoge. Jubel. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen. Wie das? Ein jüdischer Staat? Drei Jahre nach der schlimmsten Katastrophe in der jüdischen Geschichte? Ich kann mich kaum konzentrieren. Ein bärtiger alter Mann mit fiebrigen Augen erklärt mir: Das haben wir durch Beten erreicht, das ist wichtiger als Politik. Ich möchte ihm zustimmen, möchte sagen, dass uns durch Gebete ein altes Versprechen erfüllt wird. Doch ich bin zu schüchtern, bringe kein Wort hervor.

Meine Gedanken wenden sich meinem Großvater zu. Hat er es nicht viel eher verdient als ich, diesen wunderbaren Moment zu erleben? Mein Vater, meine Mutter… ich denke an sie, die davongetragen wurden vom Wirbelwind aus Feuer und Asche. Muss das Kaddisch, das ich für sie sage, Worte der Dankbarkeit für den neuen jüdischen Staat enthalten?

Sollte dieser glanzvolle Moment wirklich die Antwort auf die Albträume unserer Nacht sein? Israel – eine Entschädigung für Auschwitz? Ich weiß nicht mehr genau, was ich in diesem Moment gedacht habe, hoffe nur, dass ich diese Überlegungen schon verworfen hatte. Sie sind grausam, vereinfachend, absurd und vor allem unwürdig.

Das Kind, das ich war, wuchs heran. Aus mir wurde ein Erwachsener, der schließlich das wahre Gewicht der Jahre spürte.

Was veränderte sich?

Mehr als zwanzig Jahre war ich Korrespondent der israelischen Abendzeitung Yedioth Ahronoth (»Letzte Nachrichten«), erst in Paris, dann in New York. Erregt verfolgte ich die Ereignisse im Heiligen Land. Für mich war es kein Eroberungskrieg, sondern eine Heimkehr, eine Befreiung. Nach zweitausend Jahren Entbehrungen und unablässigen Umherziehens, von Exil zu Exil, von einer Gefahr zur anderen, hatten die Opfer ihre eigene Schwäche schließlich überwunden, ihre Selbstbestimmung in die Hand genommen und auf diese Weise unerwartete Macht erlangt.

Der neu entstandene souveräne Staat war bereit, innerhalb der engen Grenzen zu leben, wie sie im Teilungsplan der Vereinten Nationen vorgesehen waren. Doch dann wurde die junge Nation, ohne Waffen und ohne fest organisierte Armee, nicht von einem, sondern fünf gut gerüsteten arabischen Staaten angegriffen.

Damals war mir noch nicht klar, dass der Traum des einen im Nu zum Albtraum des anderen werden kann – unter Menschen wie unter Staaten.

Die große Frage: Was wäre passiert, wenn die palästinensischen Führer dem israelischen Vorbild gefolgt wären und einen unabhängigen palästinensischen Staat ausgerufen hätten? Warum haben, um Abba Eban zu zitieren, die palästinensischen Herrscher »nie eine Gelegenheit versäumt, eine Gelegenheit zu versäumen«?

Ich erinnere mich an meine erste Reise nach Israel. 1949 ging ich in Marseille an Bord eines kleinen Schiffes, das überfüllt war mit Einwanderern, überwiegend jungen Zionisten. Als wir Haifa erreichten, sah ich am Horizont den majestätischen Berg Karmel, der mich an seine jungen Wanderpropheten erinnerte. Ich weiß noch, wie bewegt ich war, als ich die ersten jüdischen Polizisten sah, die jüdischen Zollbeamten und jüdischen Soldaten.

Mein erster Besuch in Jerusalem. Ziellos streifte ich durch die Stadt, die mir so bekannt erschien. In Gedanken war ich ja schon unzählige Male da gewesen. Doch sooft ich Jerusalem besuche, immer habe ich das Gefühl, es ist das erste Mal.

1967 forderte Ägypten den Abzug der UN-Truppen vom Sinai und provozierte damit einen Krieg. Ich erinnere mich an diesen Juni. Während auf dem Sinai und auf den Golanhöhen noch gekämpft wurde, nutzte ich jede Stunde, um an der jüngst befreiten Klagemauer zu beten. Als ich eines Tages durch die Gassen der Altstadt ging, begegnete ich einer Gruppe arabischer Kinder, die mich eigenartig ansahen. Plötzlich wurde mir klar: Sie hatten Angst. Ich machte ihnen Angst, weil ich Jude war. Das bedrückte mich zutiefst. Wir Juden können auf eine lange Geschichte erlebter Angst zurückblicken. Aber Kinder, die sich vor einem Juden fürchten?

Ich habe keine Schwierigkeiten mit Religionen. Fanatiker aller Religionen verabscheue ich aber, auch jüdische Fanatiker. Die Selbstmordattentäter, die Hass verströmen und einen Todeskult praktizieren, sind eine Pest für die ganze Welt. Und ich mache ihre Anführer für das Unheil verantwortlich, das sie verursachen.

Gewiss, auch israelische Politiker geben Anlass zu Fragen. Haben sie in all den Jahren des Blutvergießens jede Gelegenheit genutzt, um die Feindseligkeiten zu beenden?

Und ich persönlich frage mich, warum ich nicht nach Israel gegangen bin. Viele meiner Jugendfreunde wanderten nach Kriegsende illegal über Zypern ein, während ich in Frankreich blieb, entschlossen, Worte zu prüfen und zusammenfügen. Warum?

Sechzig Jahre später sind all diese Fragen und viele andere noch immer unbeantwortet. Ich weiß, manche Leute werfen mir vor, zu viel zu tun, andere, zu wenig zu tun – und vor allem, in Amerika zu leben, weit entfernt von Israel und seinen zahllosen Problemen.

Und die Hoffnung? Muss man sie ein für alle Mal aufgeben und die Realität annehmen? Müssen wir uns sagen, dass wir tagtäglich mit unserer ständigen Angst und den flüchtigen Freuden leben müssen?

Und worin bestünde die Rolle des Schriftstellers, des Lehrers, des Zeugen oder einfach des Juden in mir, der nicht in Israel lebt, Israel aber Loyalität und Verbundenheit und vielleicht auch – warum nicht? – Dankbarkeit dafür schuldet, einfach als Jude existieren zu dürfen?

Natürlich empfinde ich – wie viele Juden in der Diaspora – die Notwendigkeit, Israel zu helfen, aus der Isolation herauszufinden, in der »die Nationen der Welt«, wie es im Talmud heißt, uns oft festhalten wollen. Wenn wir über Israel sprechen, fühlen wir uns verpflichtet, die Diskussion auf ein höheres Niveau zu bringen.

Heißt das, dass wir schweigen müssen zur Lage der palästinensischen Männer, Frauen und Kinder, zumal der Kinder, die in Elend, Angst und Schmerz leben und Israel dafür verantwortlich machen? Natürlich nicht. Und ich weiß, dass die Lösung, wenn es überhaupt eine gibt, nach Ansicht der israelischen Regierung und der meisten Israelis in der Zwei-Staaten-Lösung liegt.

Für einen Juden wie mich, mit meiner Vergangenheit und meinem Engagement, heißt, Israel zu helfen, mehr als nur materielle Unterstützung zu leisten. Ich gehörte mit König AbdullahII. von Jordanien zu denjenigen, die bei unserer Konferenz 2006 in Petra die erste Begegnung zwischen dem israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert und dem Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde vermittelten. Frieden in dieser einzigartigen, von Gott gesegneten und durch den Menschen vergewaltigten Region – das bleibt unser wichtigstes Ziel.

Aber wie erreichen wir es?

Mitte der siebziger Jahre schrieb ich einen offenen Brief »An einen jungen palästinensischen Araber«. Ich schrieb darin, dass ich als der Mensch, der ich bin, der Jude, der ich bin, ihn besser verstünde als jeder andere. Ich könne sein Leid und sogar seinen Zorn verstehen. Ich sei bereit, schrieb ich, ihm zu helfen, aus den Ruinen etwas aufzubauen, so wie wir Juden immer wieder etwas aufgebaut haben. Mit dem Unterschied, dass wir, um unseren Herausforderungen zu begegnen, nie zu Gewalt gegriffen haben.

Wenn ich diesen Brief heute schriebe, würde ich hinzufügen, dass ich, wie so viele andere, sofort für den jungen Mann eintreten würde, wenn er sich von seinen Methoden lossagt – der absoluten Gewalt des Selbstmordattentäters. Aber wie kann ich einen Einzelnen oder eine Gruppe unterstützen, die eine Ideologie predigt oder auch nur toleriert, deren erklärtes Ziel die Vernichtung von sechs Millionen Juden ist, die im Land ihrer – und meiner – Väter leben?

Warum lebe ich nicht in Israel, warum bin ich kein israelischer Staatsbürger? Vor allem, weil ich jahrelang naiv glaubte, außerhalb Israels mehr für mein Volk tun zu können. Und, ich gebe es zu, ich war noch nicht bereit. Noch heute fällt es mir schwer, mich von der Diaspora mit all ihren Ängsten zu entfernen, ihren Erinnerungen und Herausforderungen. Ich lebe also nicht in Israel, aber ohne Israel könnte ich nicht mehr leben.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service