Porsche Der abgefeimte Trick mit dem Babyfon

Warum hängt Porsche den Lauschangriff auf seinen Chef an die große Glocke? Die meisten Spionageversuche in der Wirtschaft werden still erledigt.

Lauschangriff mit einem Babyfon. Ziemlich amateurhaft, könnte man denken, wenn man die Story über den Abhörversuch bei Porsche-Chef Wendelin Wiedeking in einer Suite des Wolfsburger Ritz-Carlton-Hotels hört. »Nein, das war höchst professionell«, sagen die Porsche-Leute. Die »Primitivtechnik« des Babyfons sei wohl bewusst eingesetzt worden. Denn die Hotelzimmer, in denen Wiedeking übernachte, würden von den eigenen Sicherheitsleuten mit Störsendern ausgestattet. Diese würden die Frequenzen von Hightech-Wanzen stören, nicht aber den Funk eines Babyfons. Also war es nach Meinung der Sicherheitsleute von Porsche nicht das vergessliche Ehepaar mit Kleinkind, sondern ein besonders ausgekochter Abhörspezialist, der das nur scheinbar plumpe Spionage-Utensil im Hotelzimmer hinterließ.

Und warum zeigt Porsche den Fall vom 15. November 2007 erst jetzt bei der Polizei an? »Wir haben erst einmal selber recherchiert«, sagen die Stuttgarter. Hotelpersonal, benachbarte Gäste und die vorherigen Nutzer der Suite seien von Porsche-Sicherheitskräften befragt worden. Dabei hätten sich Hinweise für einen professionellen Abhörversuch ergeben. »Erst als wir mit unseren Mitteln nicht mehr weiterkamen, haben wir die Behörden eingeschaltet«, heißt es in Stuttgart, und: »Wir nehmen die Sache sehr ernst.«

Die Babyfon-Affäre kommt zu einer spannungsgeladenen Zeit. Dass die Abhöraktion ausgerechnet in einem Hotel stattfand, das dem Volkswagen-Konzern gehört, macht die Sache noch pikanter. Schließlich hat sich Wendelin Wiedeking keinesfalls bei allen beliebt gemacht, die bei Volkswagen arbeiten oder etwas zu sagen haben.

Gerade vergangene Woche auf der Hauptversammlung der Volkswagen AG in Hamburg wurde der anhaltende Streit zwischen den beiden Großaktionären Porsche SE und dem Land Niedersachsen um Macht und Einfluss in Wolfsburg für alle Welt sichtbar ausgetragen. Porsche, mit knapp 31 Prozent größter Aktionär und mit der erklärten Absicht, die Mehrheit zu übernehmen, stellte den Antrag, die Sperrminorität für wichtige Entscheidungen in der Satzung von 20 auf 25 Prozent zu erhöhen. Das ist bei anderen deutschen Aktiengesellschaften üblich. Niedersachsen, das gut 20 Prozent der VW-Anteile besitzt, blockierte diesen Antrag. Die Hauptmatadore Wendeling Wiedeking und Ministerpräsident Christian Wulff saßen zwar auf der Aufsichtsratsbank direkt nebeneinander, mit Mimik und Gestik unterstützten sie aber den Auftritt ihrer jeweiligen Unterstützer, darunter ein veritabler niedersächsischer Landesminister und der Porsche-Justiziar.

Weitere Wiedeking-Gegner hatten sich schon vor der Veranstaltung in Hamburg zum Protest versammelt: etwa 1.000 Betriebsräte, IG-Metaller und Beschäftigte aus Wolfsburg und anderen deutschen VW-Standorten – angeführt von VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der hatte Wiedeking schon in den vergangenen Monaten heftig attackiert und zieh ihn diesmal angeblicher »Allmachtsfantasien«. Gleich auf zwei Schlachtfeldern streiten sich die Wolfsburger Betriebsräte mit den Porsche-Leuten. Erstens möchten die Betriebsräte eine Neuauflage des VW-Gesetzes, das ihnen auch künftig eine erweiterte Mitbestimmung garantiert. Wiedeking dagegen will das Gesetz ersatzlos gestrichen wissen, was auch seine Hauptaktionäre, die Familien Porsche und Piëch, unterstützen. Sie halten 100 Prozent der Stammaktien der Porsche SE.

Zweiter Streitpunkt ist die Regelung der Mitbestimmung in der Porsche-Dachgesellschaft selbst, der auch knapp 31 Prozent an VW gehören. In diesem Fall haben sich Osterloh und Kollegen nicht nur mit Wiedeking und seinem Stellvertreter und Finanzchef Holger Härter angelegt, sondern auch mit dem Betriebsratschef von Porsche, Uwe Hück. Bei Hück wurden jüngst seltsame Nachforschungen im privaten Umfeld und anonyme Hinweise auf angeblich unsaubere Geschäfte bekannt. Die trugen nicht. Aber die möglichen Initiatoren blieben unbekannt.

Was sagt das Management des VW-Konzerns? Martin Winterkorn, der Chef, begrüßte auf der Hauptversammlung offiziell das Engagement von Porsche. Doch es ist kein Geheimnis: Vielen VW-Managern passt es nicht, dass die Aufsichtsräte Wiedeking und Härter ihnen Druck machen. Wenn die den Wolfsburgern auf Folien präsentieren, wie weit sie noch hinter dem Vorbild Toyota liegen, gilt ihnen das als arrogante Einmischung. Jetzt wurde auch noch Porsche-Clanchef Wolfgang Porsche in den VW-Aufsichtsrat gewählt. Aber: VW hat noch vor Porsche Anzeige in der Causa Babyfon erstattet.

Und welche Position nimmt VW-Aufsichtsratschef und Porsche-Großaktionär Ferdinand Piëch ein? Kurz vor der Hauptversammlung hatte er sich öffentlich mit Vetter Wolfgang Porsche hinter den Plan der VW-Mehrheitsübernahme gestellt.

Im Gegensatz zu Piëch gilt Wendelin Wiedeking als einer, der mit offenem Visier kämpft. Aber vielleicht hat der Porsche-Chef ja von Piëch in Sachen Misstrauen gelernt. Schon als VW-Chef galt der als regelrecht »kontrollbesessen«, wie ein ehemaliger Vorstandskollege sagt. Er holte sich seinerzeit den Ex-Kripomann Dieter Langendörfer als Sicherheitschef ins Unternehmen – einen Mann, vor dem viele VW-Mitarbeiter gehörigen Respekt hatten. Und Langendörfer ist selbst nach seiner Pensionierung bei Auftritten von Piëch regelmäßig mit von der Partie, wie jetzt auch in Hamburg bei der Hauptversammlung. Zur Babyfon-Affäre möchte Langendörfer nichts sagen. Allerdings bestätigt er, dass Kontrollchecks, wie von Wiedekings Sicherheitsleuten im Ritz durchgeführt, »bei Dax-Unternehmen seit Langem üblich sind«.

Es gibt bislang keine Beweise dafür, dass der Abhörversuch mit dem Machtkampf zu tun hat. Bei einem Erfolgsmanager wie Wiedeking gebe es eine breite Palette von Leuten, die neugierig oder neidisch sein könnten, sagt Manfred Fink, Chef von Fink Secure Communication in Coburg, Deutschlands renommiertester Experte in Sachen Abhörabwehr in der Wirtschaft. »Jährlich mehrere Dutzend« derartiger Vorkommnisse seien unter Kollegen bekannt. Nur, so Fink, »95 Prozent der Fälle geraten nicht in die Öffentlichkeit«. Der Grund sei ganz einfach: Wenn Spionagevorfälle bekannt würden, könne das dem Image wie auch dem Aktienkurs schaden. »Die Unternehmen versuchen, die Vorfälle unter der Decke zu halten und selbst aufzuklären.« Im Nachhinein seien die Chancen allerdings meist gering – wohl auch im Babyfon-Fall. »So ein Gerät können Sie an jeder Ecke kaufen.«

Ähnlich skeptisch war anscheinend auch der ehemalige VW-Manager Wolfgang Bernhard, in dessen Wohnung laut Spiegel eine von ihm privat beauftragte Detektei eine Wanze entdeckt hatte. Das Landeskriminalamt in Hannover wurde aber, anders als jetzt im Fall Wiedeking, seinerzeit nicht alarmiert. Im Fall Babyfon fange man gerade erst mit den Ermittlungen an, heißt es in Hannover. Es sei aber schon viel Zeit seit der Entdeckung vergangen.

Die Frage bleibt, weshalb die Porsche-Führung jetzt hier den großen Verstärker eingeschaltet hat.

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