Absturz vor den Spielen
Presslufthämmer, Schutzhelme, Kräne. Ob rings um den U-Bahnhof Dong-zhimen, im Stadtteil Dongcheng oder zwischen den glitzernden neuen Konzerntürmen in Xidan in Peking ist den Baustellen in diesen Tagen nicht zu entkommen. Straßen werden aufgerissen, Leitungen verlegt, Hochhauspaläste hochgezogen, Backsteinhäuser renoviert. Die Stadt macht sich schön für die Besucher, die sie vom 8. August an zu den Olympischen Spielen erwartet.
»Beijing hen hao«, ruft Wang Shishan jedem Fahrgast zu, der in sein Taxi steigt, »Peking ist toll.« Eine Initiative der Stadtverwaltung soll die Hauptstadt touristenfreundlicher machen. Grundkurse in Englisch zeigen erste Wirkung, das geräuschvolle Spucken auf die Straße ist seltener zu hören, von Mai an wird das Rauchen in geschlossenen Räumen verboten. » Peking tun die Vorbereitungen sehr gut. Was hier in den vergangenen Monaten an Bäumen gepflanzt, an Straßen repariert und neu gebaut wurde, ist unbeschreiblich«, sagt Jutta Ludwig, Geschäftsführerin der Deutschen Handelskammer. Riesige Stadien, neue UBahn-Linien, das größte Flughafenterminal der Erde wurden eröffnet. » Die Spiele sollen zeigen, dass China angekommen ist in der Welt der Industrienationen«, sagt Jing Ulrich, die bei der Investmentbank JP Morgan das Geschäft mit chinesischen Aktien verantwortet. Auch wenn die Vorbereitungen für das Großereignis derzeit überschattet werden von weltweiten Protesten gegen Chinas Tibet-Politik und die Menschenrechtssituation in der Volksrepublik, auch wenn viele Chinesen verärgert sind über die Darstellung der Ereignisse in westlichen Medien an ihrer Vorfreude auf die Spiele ändert das nichts. » Das wird eine Riesenparty, und da lassen wir uns weder von Tibetern noch vom Westen dazwischenfunken«, sagt ein Unternehmensberater aus Peking, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.
Seit 1978, als Deng Xiaoping die wirtschaftliche Öffnung angestoßen hat, ist das Land weit vorangekommen. In den vergangenen fünf Jahren ist die Wirtschaftsleistung jährlich um mehr als zehn Prozent gewachsen. Und seit 1995 hat sich das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf über 2500 Dollar mehr als vervierfacht. Mit einer Wirtschaftsleistung von 3250 Milliarden US-Dollar ist China die viertgrößte Volkswirtschaft und die zweitgrößte Exportnation der Welt, jeweils nur knapp hinter Deutschland.
Viele große Aktien kennt außerhalb der Landesgrenzen niemand
Auch der Aktienmarkt hat sich rasant entwickelt. Erst Ende 1990 wurden die Börsen in Shanghai und Shenzhen gegründet. 1991 wagten gerade einmal vier Firmen den Gang aufs Parkett. Heute werden die Anteilsscheine von rund 1200 Unternehmen gehandelt - viele, die in der Heimat riesig sind, kennt außerhalb Chinas niemand. Die Hausse, die das Land bis zum Herbst 2007 erlebte, macht allerdings gerade Pause.
Zwischen Juni 2005 und Oktober 2007 hatte sich der Index der Börse Shanghai versechsfacht, seither hat er rund 40 Prozent an Wert verloren.
Viele Kleinanleger hat der Kursrutsch kalt erwischt. Vor den Spielen werde die Regierung einen Einbruch des Marktes nicht zulassen, das war das Mantra im vergangenen Jahr. Denn nach wie vor untersteht der Aktienhandel in China starkem staatlichem Einfluss. Zahlreiche gelistete Firmen sind mehrheitlich in Staatsbesitz. Doch es kam anders: Aus Sorge vor einer Überhitzung verdreifachte das chinesische Finanzministerium im vergangenen Frühjahr über Nacht die Stempelsteuer, die beim Kauf und Verkauf eines Wertpapieres fällig wird, auf 0,3 Prozent des Transaktionsvolumens. Das ließ die Kurse absacken. Hinzu kommt, dass der Kapitalverkehr in China streng reglementiert ist - die Landeswährung, der Renminbi, ist nicht frei konvertierbar.
Ausländern sind direkte Investitionen in der Volksrepublik damit nur in sehr begrenztem Umfang möglich. » Für Investoren, die das Land nicht gut kennen, ist die Anlage in Papiere, die nicht auf Renminbi lauten, meist der erste Schritt«, sagt Zhu Yanling aus dem Assetmanagement der Frankfurter Privatbank Metzler. Das sind Aktien chinesischer Firmen, die an ausländischen Börsen notiert sind. Wichtigster Handelsplatz für diese Papiere ist Hongkong. Die chinesische Sonderverwaltungszone hat eine eigene Währung und einen der freiesten Kapitalmärkte der Welt.
Zahlreiche chinesische Firmen sind hier gelistet. Diese sogenannten H-Aktien stehen ohne Beschränkung auch Ausländern offen. Viele China-Fonds investieren in die Papiere, sagt Zhu.
Im Unterschied dazu werden die Anteilsscheine in der Volksrepublik als A-Aktien und B-Aktien bezeichnet. A-Aktien sind Chinesen und Institutionen mit dem Status eines »qualifizierten ausländischen institutionellen Investors« vorbehalten, B-Aktien waren ursprünglich für Ausländer gedacht, wurden aber wegen des geringen Interesses aus der Fremde 2000 für Einheimische geöffnet. Verschlossen sind die Festlandsbörsen Fremden also nicht. » Einige ausländische Fondsgesellschaften haben dort eine Lizenz für Aktienkäufe«, sagt Zhu.
Zwar wurde die Gesamtsumme, die Ausländer investieren dürfen, auf 30 Milliarden Dollar verdreifacht, sie lag aber Ende 2007 immer noch bei nur zwei Prozent der gesamten Marktkapitalisierung. » Die Fonds stehen Schlange, über 100 haben sich um die Zulassung beworben, sagt Zhu.
Doch der Vorgang ist langwierig.
Wegen des jüngsten Kursrutsches argumentieren Beobachter, ein Einstieg in China sei jetzt attraktiv. » Der kurzfristige Ausblick für A-Aktien ist wieder heller«, sagt Ulrich und verweist auf die Kurs-Gewinn-Relation, die von durchschnittlich 52 vor sechs Monaten auf unter 30 gefallen sei. Wer dabei an die Spiele denkt, sollte vor allem Sportartikelhersteller im Blick haben, rät William Liu, Leiter des China Research bei der Investmentbank CLSA in Hongkong. » Die dürften am meisten profitieren.« Die Hersteller Li Ning und Hongxing Erke, in Hongkong und Singapur notiert, gehören dazu. » Investoren sollten nicht nur auf die offiziellen Olympia-Partner schauen.«
Profitieren dürfte laut Liu auch Lenovo. Der Computerhersteller, der 2005 die PC-Sparte von IBM übernommen hat, ist der einzige chinesische Konzern unter den zwölf Top-Sponsoren. Trotz seiner Größe die weltweite Nummer vier ist das Unternehmen außerhalb Chinas noch immer kaum bekannt. Olympia soll das ändern.
Grundsätzlich ist das größte Sportereignis der Welt bei Investmententscheidungen aber eher zweitrangig. » Für Chinas Aktienmarkt und die Wirtschaft als Ganzes ist Olympia ein sehr kleiner Einflussfaktor, die Spiele sorgen lediglich für eine bessere Grundstimmung am Markt«, sagt Christina Chung, die als Fondsmanagerin für die Allianz-Tochter RCM einen China-Fonds verwaltet. Das Land sei viel zu groß, Peking im Verhältnis viel zu klein, als dass das Sportfest deutliche Auswirkungen entfalten könnte. Gerade einmal 1,1 Prozent aller Chinesen leben in Peking, weniger als drei Prozent der Wirtschaftsleistung werden hier erbracht, rechnet Jonathan Anderson, Asien-Chefökonom von UBS vor. Zum Vergleich: In Seoul leben 20 Prozent aller Koreaner, in Athen gar 40 Prozent der Griechen.
Investoren muss der überschaubare Olympia-Effekt aber nicht abschrecken. Der Wachstumstrend des Landes sei intakt, sagt Johannes Schoeter. der in Peking die Beteiligungsgesellschaft China New Enterprise Investment leitet. » Wir haben vor allem den Binnenmarkt im Fokus, das wird für die nächsten Jahre der wichtigste Wachstumstreiber«, sagt er. Nahrungsmittel, Versandhandel, Automobilindustrie, aber auch Energie und Transport seien Branchen, die von der wachsenden Lust am Konsum profitieren würden. Daran werde sich so schnell auch nichts ändern, sagt Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in Peking. Die Bevölkerungspolitik des Landes führe dazu, dass es verhältnismäßig wenige sehr junge und sehr alte Menschen gebe, dafür viele im erwerbsfähigen Alter, die über immer mehr Kapital verfügten: »Bis 2020 wird das so bleiben, aus Sicht der Konsumindustrie ist das ein demografisches Optimum.«
Experten rechnen mit einem weiteren deutlichen Anstieg des Renminbi
Von den Launen der Weltwirtschaft sei China dank der Größe des Binnenmarktes dagegen verhältnismäßig unabhängig, sagt Wuttke. Die Schwäche der US-Wirtschaft ist allerdings für exportierende Unternehmen ein Problem. Ihnen droht eine geringere Nachfrage, der mittlerweile erstarkte Renminbi verteuert ihre Produkte. Zudem »versucht die Regierung aktiv, das Exportvolumen zurückzufahren«, sagt Chung von RCM. So hat sie etwa die Besteuerung geändert. Besonders Branchen, deren Produktion die Umwelt belastet, werden nicht länger begünstigt. Das gilt für die Textilbranche genauso wie für Batteriehersteller. Für andere Sektoren ist der starke Renminbi er verliert zwar im Vergleich zum Euro weiter an Wert, hat gegenüber dem US-Dollar zuletzt aber massiv aufgeholt hingegen ein Segen. Vor allem Branchen, die Vor- oder Endprodukte importieren, können daraus Kapital schlagen. Und Chung rechnet mit einem weiteren deutlichen Wertzuwachs. Über zehn Prozent seien durchaus drin, da es aber eine politische Entscheidung bleibe, sei das Ausmaß schwer zu prognostizieren.
Nicht zuletzt sieht die Regierung in der Aufwertung des Renminbi die Chance, gegen eines ihrer größten Probleme vorzugehen: die Inflation.
In den ersten beiden Monaten des Jahres sind die Preise um sieben und acht Prozent gestiegen. Keinem anderen Wirtschaftsthema widmet die Führung mehr Aufmerksamkeit. Die Sorge der Offiziellen: Rasch steigende Preise könnten besonders die Ärmeren belasten und die könnten ihrem Unmut irgendwann gewaltsam Luft machen.
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.41
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