Was bewegt... John de Mol? Alte Firma, neues Glück
Wer weiß, wie oft John de Mol diese Geschichte erzählt hat? Ende der Achtziger, die Privatsender waren noch jung, habe er an einer roten Ampel gewartet, daheim im niederländischen Hilversum, das Autoverdeck offen. Es muss ein Sommertag gewesen sein, »als zwei Verliebte vorbeikamen, die so unterschiedlich waren, als ob sie gar nicht zueinander passen«. John de Mol überlegte, wo sie sich wohl das erste Mal getroffen haben mochten und plötzlich war die Idee der Traumhochzeit geboren.
Diese Anekdote sagt mehr über Europas erfolgreichsten Fernsehmacher aus als jedes Dossier und jedes seiner unzähligen TV-Formate. Der Einfall war zugleich der Keim einer internationalen Medienkarriere, wie es sie selten gibt. Bis dahin war der Mittdreißiger vor allem auf seinem Heimatmarkt aktiv gewesen. Dann machte er, mit seiner Schwester Linda vor der Kamera, die Heiratsshow zu einem erfolgreichen Exportartikel.
Es sollten noch weitere globale Hits des Emotainments folgen, wie de Mols Metier unter Experten genannt wird. Unterhaltung mit Gefühl sagen die einen Verblödung mit System nennen es die anderen. Unstrittig ist: Es ist ein gutes Geschäft.
John de Mol sind beide Sichtweisen egal. Das jedenfalls rufen seine Worte, die Gesten, der ganze Auftritt in die Welt hinaus. » Fernsehen ist Timing, Bauch, Emotion und Konzept«, erklärt der Programmentwickler und fügt noch ein wesentliches Kriterium hinzu: Es ist reine Geschmackssache.
Selbstsicher lehnt er sich in seinem opulenten Büro zurück, das Hemd aufgeknöpft, und verschränkt die Arme hinterm Kopf. Intuition und Geschäftssinn haben den Niederländer zu einem der wichtigsten TV-Produzenten in Europa gemacht. Und zum Milliardär.
Im Sommer 2000 verkauften de Mol und sein Partner Joop van den Ende ihre Anteile am Medienkonzern Endemol im Wert von 5,5 Milliarden Euro an den spanischen Telekommunikationsriesen Telefónica. Im September 2007 hat der Niederländer seinen alten Konzern zurückgekauft. Gut 2,6 Milliarden Euro zahlte er für 75 Prozent der Aktien. Der Preis war marktgerecht, gemessen am Umsatz von rund einer Milliarde Euro. Er war aber günstig, gemessen an dem, was die Spanier 2000 für das Unternehmen bezahlt hatten. Dass de Mol die Unterhaltungsfabrik zurückeroberte, erinnert dramaturgisch ein wenig an die Seifenopern, denen seine Art des Fernsehens den Weg geebnet hat: Liebe aus Leidenschaft, Ehe im Überschwang, Zuwachs aus Prinzip, Trennung im Streit, Versöhnung aus Sehnsucht.
Bei der Trennung war er froh, die Last der bürokratischen Verantwortung an Telefónica-Manager abgeben zu können. Mit dem Multi aus Madrid im Rücken würde er mehr Zeit fürs Kreative haben, hoffte er. Doch auch als Chief Creative Officer wurde ihm das Unternehmenskorsett mit all seinen Berichtspflichten bald zu eng.
Heute spricht er von einem »Luxusgefängnis« voller Shareholder, aber ohne Esprit.
Nach vier Jahren verließ er den Vorstand und bald auch die Firma. Es war ein großer Schritt, »aber wenn ich einmal aufs falsche Pferd gesetzt habe, folge ich der Alarmglocke«.
Er werde in die mediale Bedeutungslosigkeit fallen, glaubten viele Beobachter. Denn während Formate von Big Brother über Nur die Liebe zählt bis hin zum unverwüstlichen Wer wird Millionär? weiterhin globale Topquoten erzielten, zog sich ihr Erfinder, Macher und Weltverbreiter in die kleinen Niederlande zurück.
John de Mol war einer der größten Gewinner der New Economy
Allerdings mit viel Geld. De Mol hatte eine gute Nase für Timing bewiesen. Nur Monate nach dem Telefónica-Deal war die Blase des Neuen Marktes geplatzt und hatte neben Millionen Spekulationsverlierern auch diesen Gewinner hinterlassen: John de Mol.
Im Sommer 2005 gründete er den TV-Sender Talpa. 200 Millionen Euro flossen angeblich in die Mischung aus Livemagazinen, Quiz- und Talkshows, Filmlizenzen, Serien und in Fußballübertragungsrechte.
Gleichwohl lief Talpa schleppend an, und auch nach der Umbenennung in Tien blieb der Erfolg in der Zielgruppe der 20- bis 49-Jährigen bescheiden.
Zu sehr mit Verwaltung beschäftigt, hatte sich John de Mol einen neuen Knast gebaut, nur weniger komfortabel als sein altes »Luxusgefängnis« als Chief Creative Officer. Er begann, seine Netze in andere Gewässer zu werfen. Über die Talpa Capital Holding stockte er die Anteile am Telefonkonzern Versatel auf und erwarb weitere Beteiligungen an Medienkonzernen, Technologiefirmen, einem Sportwagenhersteller und am Fußballclub Manchester United.
Jetzt wird der 53-Jährige wieder auf dem deutschen Fernsehmarkt aktiv.
Am Pfingstsonntag bringt das ZDF eine Neuauflage seiner Traumhochzeit, des einstigen Straßenfegers von RTL. Wie früher spielen heiratswillige Paare etliche Runden um eine Fernsehtrauung. Der öffentlich-rechtliche Sender nennt es in seiner Werbung »das romantischste Ereignis des Jahres«.
Zugleich markiert die Show ein ebenso spektakuläres Mediencomeback wie Leo Kirchs Rückkehr 2007. Nur stiller, so wie John de Mol es mag.
Bereits Anfang 2007 hatte de Mols milliardenschwerer Investmentfonds Cyrte die ersten fünf Prozent gekauft. Dann holte er Partner ins Boot.
Silvio Berlusconis Sendergruppe Mediaset und die Investmentbank Goldman Sachs steuerten je ein Drittel zum Kaufpreis für weitere Anteile bei. Und weil John de Mol glaubt, dass die Börse »Gift fürs kreative Geschäft« ist, nahm er das Unternehmen danach wieder aus dem Handel.
Wer ist dieser John de Mol? Ein »fantastischer kreativer Geist«, sagt Gerhard Zeiler, BertelsmannVorstand und Chef der RTL Group, »so radikal und kühn, dass radikale und kühne Dinge entstehen.« Der Chef des Europäischen Medieninstituts Jo Groebel sieht in ihm »eine Mischung aus Kaufmann und Missionar«.
De Mol selbst sagt über sich: »Mein Kopf hat nie Ferien. Er ist 24 Stunden täglich, 365 Tage im Jahr bei der Arbeit.«
Er ist keiner, der die Masse verachten würde. Im Gegenteil, ihre Zustimmung ist für ihn das einzig gültige Kriterium. » Wenn sie einschaltet, hab ich meinen Job richtig gemacht.« Sein persönlicher Geschmack ist feiner. Er liebt Jazz.
De Mol heißt Maulwurf. Und wie das ungeliebte Säugetier untergräbt John seit über 30 Jahren die Gärten der Zuschauer, hinterlässt seine Spuren im Grün und lässt sich von niemandem vertreiben. De Mol mag die Analogie. Als Firmenname hat er Talpa gewählt, lateinisch für Maulwurf.
Sein Beruf ist ihm Berufung, von jeher. Schon als Schüler machte er Unterhaltung. Er jobbte beim Radio, verdingte sich als DJ. Er trug Kabel beim Fernsehen, schnitt Fußballberichte und tat bei alledem das Gegenteil dessen, was seine Eltern von ihm erwarteten. » Sie wollten, dass ich studiere, am liebsten Jura.« Aber Johannes Hendrikus Hubert de Mol machte nicht einmal das Abitur, teils aus Rebellion, teils aus Überzeugung.
»Er hat Humor und ist anders als diese deutschen Eisenbeißer«
Er ist kein Befehlsempfänger, für die Rolle taugt er nicht. 1979 verließ er das Auftragsfernsehen, um sein eigenes zu gründen. Die John de Mol Produkties fertigten billige Spielshows, Soaps oder Low-Budget-Musikfernsehen und fluteten auch Deutschland mit »Traum- und Tränengeschichten«, wie die FAZ klagte.
Die Formate passten in das Konzept des damaligen RTL-Chefs Helmut Thoma. » Der Wurm soll nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch«, lautete dessen Motto. Linda de Mol war sein Lieblingsköder. Er importierte ihre Traumhochzeit 1992 nach Köln und sicherte ihrem Bruder eine Abnahmegarantie für künftige Formate zu.
»Er ist ein wirklich harter Knochen, der um jede Mark gekämpft hat«, erinnert sich Thoma heute an die Partnerschaft. » Er hatte diese sehr spezielle Form niederländischen Humors, ganz anders als so viele deutsche Eisenbeißer.« Beim Geschäftlichen hörte der Spaß auf. » Aber wir haben immer einen Kompromiss gefunden.«
Der Exklusivvertrag zwischen de Mol und RTL war ein sogenannter Output-Deal und hatte Bestand, nachdem de Mol die Firma zwei Jahre später mit der seines Konkurrenten Joop van den Ende zu Endemol verschmolz. Erst 1996 löste er ihn auf, und auch wenn RTL sein Premiumpartner blieb und wohl weiter bleibt, war der Weg auf alle Kanäle für ihn nun frei.
So wollte de Mol es haben. » Mein Job ist, Formate zu erfinden, die überall laufen können«, sagt er bei der Führung durch die Firmenzentrale. Das Gebäude liegt in einem Vorort nordöstlich von Hilversum in einer Gegend voller Luxusvillen mit Luxusautos vor Luxusgärten. Man kann sagen: Im kleinen Laren wohnt der Erfolg. Er regiert auch im Büro des Medienmagnaten: Fernsehpreise hier, Fernsehfotos dort, Bilder mit Gönnern, Freunden, Kollegen, Prominenz.
Dazwischen immer wieder de Mols Sohn aus erster Ehe. Und Linda, überall Linda. » Wäre sie nicht meine Schwester, wir wären trotzdem Freunde«, sagt der erklärte Familienmensch. Lindas Erfolg wirkt noch heute nach. Das ZDF kommt mit der Traumhochzeit, Sat.1 und RTL stehen im Terminkalender, die Kontakte, de Mol lächelt, »werden wieder wärmer«.
Und auch wenn es dabei um viel Bekanntes geht, wenn gerade zum achten Mal Big Brother läuft und seine uralte 100000 Mark Show eine neue Titelwährung erhält, geht de Mols Blick nach vorn. Dank seiner Senderbeteiligungen in den Niederlanden ist das Land für ihn das Testfeld für die Welt.
Ein Team von 40 Leuten grübelt in Los Angeles, London und Laren über Ideen. Produziert von Talpa, probiert RTL Nederland Formate aus und lässt sie dann von Endemol weltweit verbreiten. Stilistisch werden sie zwar nationalen Gewohnheiten angepasst, aber das Grundgerüst ist global einheitlich.
Die Dienstwege sind kurz: Sein alter Neuerwerb Endemol sitzt nur wenige Autominuten von Talpa entfernt in einem schicken Neubau mit gläsernen Büros, in den Zierteichen der Empfangshalle schwimmen Koi-Karpfen. Hier kümmern sich zwei Dutzend Mitarbeiter ums Operative.
John de Mol will nur einmal die Woche mit der Endemol-Führung telefonieren und ansonsten permanent brüten: über neuen Konzepten, die nicht selten alten Maschen ähneln.
Eine Idee wird auf RTL 5 getestet. Der Goldene Käfig ist eine Hardcorevariante seines Exportschlagers Big Brother, heftig umstritten, wie so vieles aus seiner Denkstube. Wenn de Mol davon redet, wird deutlich, wie er tickt. Ob Fernsehen Verantwortung habe, einen Erziehungsauftrag gar? Er überlegt erstmals länger als nur Sekundenbruchteile. Zum Teil, sagt er leise, »denn wer sich im Käfig schlecht benimmt, fliegt raus. Wie im richtigen Leben.«
Der Produzent zeigt zur Fernbedienung: »Fernsehen ist das demokratischste Medium, und der Wahlzettel liegt dort.« Manche Intellektuelle glaubten beurteilen zu können, was gutes Fernsehen sei.
Das aber sei aber keine Wissenschaft, sondern unberechenbar.
Wer dem Fernsehen ein Attribut voranstellen wolle, meint John de Mol, der solle dies gefälligst anhand technischer Parameter tun: gutes Licht, guter Ton, gute Skripts.
Ein Clan von Künstlern mit Sinn für gute Geschäfte
Die Geschwister John und Linda de Mol entstammen einer niederländischen Künstlerfamilie, der Vater war ein erfolgreicher Schlagersänger. Während der neun Jahre ältere John de Mol Erfolge als Produzent sammelte und ein Milliardenvermögen aufbaute, agierte seine Schwester als Showmasterin vor der Kamera. In Deutschland wurde sie in den neunziger Jahren mit der auf RTL ausgestrahlten Traumhochzeit (Foto rechts) zu einem Publikumsliebling. 1994 fusionierte John de Mol seine eigene Produktionsfirma mit der seines Konkurrenten Joop van den Ende und nannte den neuen TV-Produktionskonzern Endemol Entertainment.
Die Eigner brachten das Unternehmen 1996 in Amsterdam an die Börse, behielten aber selbst große Anteile. Auf dem Höhepunkt des Internetbooms wurde Endemol vom spanischen Konzern Telefónica übernommen. De Mol blieb als Kreativvorstand an Bord, bis er 2005 wieder eigene Wege ging. 2007 gelang es ihm gemeinsam mit Partnern, erneut die Kontrolle über Endemol zu gewinnen. Zu den TV-Formaten der Firma zählt neben Big Brother, das in 36 Ländern ausgestrahlt wird, auch das Quiz Wer wird Millionär?.
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.38
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