Von seinem goldenen Schneidezahn, seiner Rolex am Handgelenk, dem blattförmigen Goldring am Finger hatte man gehört. Auch von seiner Schlagfertigkeit. Hinweise, die zur Extravaganz und zum Wahnwitz seiner Malerei passen, zu ihrer Rasanz und Fülle, den Bikini-Girls auf den Bildern, den Motorrädern, den Comicfiguren. Hier spricht jemand eine urbane Sprache. Hier ist jemand angenehm großkotzig, eklektizistisch und ambitioniert. Dachte man.

»Ich ziehe aufs Land«, sagt Bernhard Martin an einem müden Montagmorgen in seinem Atelier. Und, Schock!: »Ich möchte barfuß übers Gras laufen.« Der Künstler erzählt von Exkursionen nach Mecklenburg-Vorpommern auf der Suche nach einem Haus. Seit fünf Jahren arbeitet er nun hier im Stadtteil Prenzlauer Berg. Es reicht ihm. Kann sein, dass sie ihn in Amerika auch deshalb so sehr lieben, weil seine verstörenden, witzigen und düsteren Werke in Berlin entstehen, weil Sammler mit dieser Stadt Wildheit und Ekstase verbinden. Doch wie viel Berlin, wie viel Deutschland ist in seinen Bildern? Nicht viel.

Bernhard Martin schaut sich um und sagt: »Als Maler lebt man in einer eigenen Welt.« Er besitzt ein schönes Atelier, groß, licht, mit Nischen, die vielfältige Nutzungen und Stimmungen erlauben: Bibliothek, Küche, Sofaecke, Fernseher, Matratze, mehrere Schreibtische. Der Raum lässt sich nicht mit ein paar Blicken inventarisieren. Hier bezieht sich vieles in offener und versteckter Weise aufeinander. Da liegt ein Katalog für Bürobedarf, aufgeschlagen beim Bild eines drehbaren Aktenordnerständers. Ähnliche Ständer sind auch auf einer Leinwand zu sehen. Motive und Themen korrespondieren in den Skizzen und Magazinen, in den kleinen Ölstudien und Skulpturen. An der Wand hängen Reproduktionen alter Meister und Originale berühmter Kollegen wie Raymond Pettibon, »Energiequellen für die eigene Arbeit«.

Ein wenig überfordert diese Verweisvielfalt, und so kann es dem Betrachter manchmal auch mit Martins Arbeiten gehen. Zum Beispiel, wenn er in einer Skulptur Aluminium, Rollläden und Tiffany-Glas zu einem Baum arrangiert und weihnachtskugelartige Birnen dranhängt. Viele Bilder sind wie Strudel, die den Blick einsaugen. »Ich versuche, Zustände darzustellen«, sagt der Maler. Trunkenheit etwa. Da kommen Stile, Ornamentik, Gegenstände zusammen, die sich nicht vertragen, Figuren, die sich gegenseitig die Show stehlen, und leise flüstert alles: »Prost!«

Der Künstler sucht für jedes Sujet die passende Technik. Glas bildet er mit Lack ab, für Haut benutzt er den Airbrush. Soll ein Stein sichtbar werden, dann spachtelt er die Farbe auf die Leinwand. Viele Bilder zeigen psychedelische Muster. Nichts passt zueinander, doch schafft gerade das eine Spannung, die manche Figuren auf diesen Leinwänden schier zerreißt. Sie werden durchsichtig, verzerrt, sind von dunklen Farbströmen durchdrungen. Auf dem nächsten Bild hat sich der Sturm gelegt: Es zeigt eine konventionelle Winterlandschaft in schwarzen, weißen, grauen Tönen.

Bernhard Martin ist ein Mann der Widersprüche. Er wirkt grüblerisch und verschlossen, doch zugleich scheint er in sich zu ruhen. Er spricht in druckreifen Sätzen, hat eine Meinung zu allem und jedem. Er sagt, dass er sich als Steuerzahler, der etwas bewegen will, von keiner Partei mehr repräsentiert fühle. Dass Leipziger Schule oder Expressionismus ihn nicht interessierten. Über sich spricht er voller Selbstgewissheit. Aber gerade die kurzen Sätze, die mit »Ich bin« beginnen, scheinen sein Selbstbewusstsein zu widerlegen: »Ich bin Melancholiker.« – »Ich bin Waldmensch.« – »Ich bin unsicher.«

Diese Gedanken verfertigt er nicht erst allmählich beim Reden. Martin holt ein Blatt hervor, darauf stehen seine Überlegungen zur Gleichzeitigkeit des Erlebens, die er gerne mit malerischen Mitteln darstellen wolle. Die Kollegen aber arbeiteten sich noch immer an Pop ab. Noch immer allenthalben Saalrevolte, Nazigeschichte, Auseinandersetzungen mit Sexualität. Keine Themen für Martin. Er interessiert sich für die Ruhe, für den Umgang mit sich selbst, mit anderen, mit der Umwelt. Er malt Geschwindigkeit, Widersprüche, Kollisionen der Gegensätze.