Auf immer Zweiter

London

Es ist eine Frage, wie sie jedem Politiker gestellt würde, der Anspruch auf das höchste Regierungsamt erhebt: Hat der Mann das Zeug zum Premierminister? Dass auch Gordon Brown sich diese Frage immer wieder gefallen lassen muss, ist nicht ganz so selbstverständlich.

Immerhin ist er schon seit neun Monaten im Amt.

Nun steht der erste offizielle Stimmungstest für den Premier an, und die Umfragen sagen seiner Labour-Partei unisono eine schlimme Niederlage voraus. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit bei den Kommunalwahlen am 1. Mai steht die Bürgermeisterwahl in London. Wenn die konservative Opposition die Hauptstadt gewinnt, dann hat Gordon Brown den vorläufigen Tiefpunkt seines politischen Lebens erreicht.

Dabei hatte Brown als fast allmächtiger Schatzkanzler die Labour-Partei Mitte der neunziger Jahre erst erfolgreich gemacht. Zehn Jahre lang regierte er in einer kaum verhüllten Doppelspitze neben Premier Tony Blair und bescherte den Briten mehr Wohlstand, als sie je erlebt hatten.

Als Premier aber litt Browns Autorität von Anfang an unter einem Makel: Er kam ins Amt, weil er es mit Blair so abgesprochen hatte, nicht weil die Bürger ihn gewählt hätten. Sein bloß indirektes Mandat macht ihn seitdem anfällig für die Missstimmung einer frustrierten Partei und Bevölkerung. Für Brown war Blair stets engster Verbündeter und liebster Feind zugleich gewesen. Die Aufgabe für die ersten Monate in Number 10 Downing Street schien darum einfach genug: Der Neue musste seiner Amtszeit eine eigene, möglichst große Linie geben. Doch die fehlt bis heute. Wenn die Briten in spätestens zwei Jahren ein neues Parlament wählen, geht es für Labour um den vierten Wahlsieg in Folge, für Gordon Brown aber um seinen ersten aus eigener Kraft.

Aus dem Schatzkanzler mit großer Vergangenheit droht ein Premierminister ohne Zukunft zu werden. Da ist es eine Ironie des Schicksals, dass der Vater des britischen Wirtschaftswunders ausgerechnet in dem Augenblick Regierungschef wurde, in dem die Konjunktur erlahmte. Er trug die Saat aus und kann die Früchte nicht ernten. Dabei ist die Situation in Großbritannien bei Weitem nicht so prekär wie in den USA. Zwar ist die Staatsverschuldung viel zu hoch, und der Immobilienmarkt ist überhitzt: beides eindeutig Browns Erbe.

Trotzdem wird Großbritanniens Wirtschaft auch in diesem Jahr weiter wachsen.

»Wir wollten, dass Gordon die Partei links von Tony positioniert«

Doch hat der Premier vor allem die Erwartungen der Parteilinken enttäuscht, für alte Labour-Werte einzustehen. In den letzten Wochen kam es zu einer Palastrevolte, als die neue Steuerpolitik der Regierung ausgerechnet 5,3 Millionen Menschen aus der untersten Einkommensgruppe zu den großen Verlieren machte. Für viele Labour-Rebellen war das schlicht ein Verrat an den Stammwählern. Sie drohten Brown öffentlich damit, ihm den Rückhalt zu versagen. Brown sah sich schließlich gezwungen, eine Form der Kompensation für Geringverdiener zu versprechen. » Wir sind davon ausgegangen, dass Gordon die Partei links von Tony neu positionieren würde«, sagt eine der rebellischen Abgeordneten. Brown tat nichts dergleichen.

Brown hat mehr umverteilt als jeder britische Politiker vor ihm. Aber statt diese Bilanz laut zu propagieren, spricht er vage davon, »hart arbeitende Menschen gerecht zu belohnen«. Für viele Wähler klingt in Browns etwas mürrischer Rhetorik der Pastorensohn durch. Zu einer Pauschalsteuer für jene superreichen Ausländer, die in Großbritannien leben, aber ihr Geld woanders versteuern, konnte er sich erst durchringen, nachdem die Tories die Idee hatten. » Brown ist zu ängstlich«, meint Tom Clark, der viele Jahre lang für ihn gearbeitet hat. » Er traut den Wählern nicht zu, dass sie ihn verstehen. Also bezieht er lieber keine klare Position und versucht, es allen recht zu machen.«

So hat Browns Zauderei den Blick von der großen Vision abgelenkt, mit der New Labour einst antrat. Während Labour Mitte der neunziger Jahre weiter nach rechts rutschte, haben sich die Konservativen jetzt nach links bewegt. Ausgerechnet David Camerons Tories schreiben sich nun soziale Gerechtigkeit durch Umverteilung auf die Fahnen.

Vergeben hat Brown auch die Chance auf außenpolitisches Profil. Tony Blair war in weiten Teilen der Welt als Mitfeldherr des Irakkriegs geradezu verhasst. Brown hat aus dem Kontrast zu seinem Vorgänger keinen Vorteil gezogen. In Europa hat sich Angela Merkel als Moderatorin Ansehen erworben, Nicolas Sarkozy erregt wegen seiner Quecksilbrigkeit Interesse. Der Brite Brown spielt in der EU keine Rolle, und darüber hinaus stiftet er Verwirrung.

Bei seinem ersten Besuch in Amerika ging er noch auf Distanz zu George W. Bush und sprach von einem raschen Truppenabzug im Irak. Es sah nach einer ganz neuen Richtung in der britischen Außenpolitik aus war es dann aber doch nicht. Als er jüngst erneut im Weißen Haus war, lobte er die transatlantischen Beziehungen so überschwänglich, dass die Worte auch von Bush-Freund Blair hätten kommen können. Und wie ein Symbol für den weltpolitischen Bedeutungsverlust Großbritanniens unter Brown wirkt es, dass seine US-Reise komplett vom Besuch des Papstes in den Vereinigten Staaten überstrahlt wurde.

Das größte Problem von Gordon Brown jedoch ist Gordon Brown. Seine Detailversessenheit, der mangelnde Teamgeist und ungelenke soziale Umgangsformen sind längst Teil der politischen Folklore von Westminster geworden. Als Schatzkanzler, der fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit Politik machen konnte, standen seine persönlichen Defizite ihm nicht weiter im Weg. Als Premierminister aber sind andere Qualitäten gefragt. In dem Spitzenjob ist jeder Augenblick öffentlich, und Entscheidungen müssen oft genug improvisiert werden. Nach Tony Blairs Zauber- und Verpackungskünsten hatten viele Briten sich auf nüchternere, solidere Zeiten eigentlich gefreut. So wie Brown seinen Job versteht, war es dann aber doch nicht gemeint.

Der 1. Mai - eine Testwahl für Labour

Der Possenreißer hat sich Respekt verschafft. Lange traute niemand dem konservativen Journalisten, Politiker und Bohemien Boris Johnson (links) politische Wirkung zu. Aber am 1. Mai könnte der Tory mit dem strohblonden, wirren Schopf der neue Bürgermeister von London werden und Labour eine bittere Niederlage bereiten. Auch Amtsinhaber Ken Livingstone eilte stets der Ruf voraus, ein Hitzkopf zu sein. Doch während der »rote Ken« in zwei Amtszeiten an Renommee deutlich einbüßte, hat sein Herausforderer im Wahlkampf so viel Ernsthaftigkeit und Leidenschaft bewiesen, dass viele Wähler ihm zutrauen, in das Amt hineinzuwachsen. Und ist erst »Ken« gestürzt, hoffen die Tories, bald Premier Brown zu vertreiben.

 
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