Wieder so ein Satz. »Wenn Sie ins Gymnasium die Pädagogik bringen, kann das eine gute Schule sein«, sagt Günter Offermann. Es dauert ein bisschen, bis die Prise Boshaftigkeit Wirkung entfaltet. Das liegt an seinem vertrauensseligen Blick. Und am badischen Singsang, mit dem der Oberstudiendirektor wie ein Märchenonkel seine Worte vorträgt. Da kommt selbst die folgende Bemerkung wie eine Selbstverständlichkeit rüber: »Wenn sich das Gymnasium nicht ändert, ist es langfristig tot.«

Im Prinzip hat Offermann nichts gegen das Gymnasium. Im Gegenteil, seit fast 20 Jahren leitet er eines und hat es zum größten in Baden-Württemberg gemacht. Doch wer am Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasium fragt, was eine Schule heutzutage zu leisten hat, erhält Antworten, die er an einer deutschen Oberschule nicht erwartet.

Das beginnt mit dem Motto der Schule. »Alle kommen ans Ziel«. Dass dies kein hohler Spruch ist, beweist die Statistik. Von 1.900 Schülern mussten im letzten Jahr nur fünf eine Klasse wiederholen, zehn wechselten auf die Realschule. Die ungewöhnlich niedrige Zahl von Sitzenbleibern und Schulabsteigern empfinden die Marbacher noch immer als zu hoch. »Wenn ein Schüler Probleme hat, müssen wir fragen, was wir anders machen müssen«, formuliert Offermann sein pädagogisches Ethos.

Das Gymnasium als Förderschule: Für das ungewöhnliche Konzept haben Offermann und sein Kollegium als bisher einzige Vertreter dieser Schulform den Deutschen Schulpreis erhalten, die renommierteste pädagogische Auszeichnung hierzulande. Die anderen Preisträger waren wie schon im Jahr davor ausnahmslos Gesamt-, Grund- oder Förderschulen.

Das schlechte Abschneiden der Gymnasien spiegelt die Selbstzufriedenheit der beliebtesten deutschen Schulform. Wenn sich Eltern heute das Grundschulleben ansehen, erkennen sie das Lernen ihrer Kindheit kaum wieder. Die Türen stehen offen, die Erstklässler laufen im Unterricht herum. Während der eine sich mit Rechenaufgaben von eins bis zehn abmüht, experimentiert sein Nebenmann mit Knobeleien im Hunderterraum. Der Besuch eines Gymnasiums ist dagegen vielerorts eine Reise in die Vergangenheit. »Die verschiedenen Anstöße einer Reform von Curriculum und Lehrmethoden haben die Arbeit im Gymnasium nur in homöopathischen Dosen erreicht«, sagt Ulrich Trautwein vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Der Lehrer spricht zu den Schülern, die vor ihn in geordneten Reihen sitzen. Wer dem Gleichschritt nicht folgen kann, muss weichen.

Dabei existiert der typische Gymnasialschüler, den viele Oberschullehrer noch vor Augen haben, längst nicht mehr. Mehr als ein Drittel aller Kinder wechselt nach der Grundschule auf das Gymnasium; in Hamburg, Köln oder Berlin, wo es 50 Prozent sind, ist aus der einstigen Eliteanstalt eine »Hauptschule« mit einer riesigen Leistungsspanne geworden.

Das Friedrich-Schiller-Gymnasium hat daraus die Konsequenz gezogen und ein ausgeklügeltes System der Diagnose und Therapie von Lernschwierigkeiten entwickelt. Die Förderangebote, die neben dem Unterricht bestehen, gibt es auch anderswo. Einzigartig ist die Fülle und ihre engmaschige Staffelung. So soll garantiert werden, dass schwache Schüler nicht den Anschluss verpassen – und starke über sich hinauswachsen. Für die einen hat die Schule Lernwächter und Hausaufgabenhelfer, internetbasierte Übungslektionen und Stützkurse in den Sommerferien organisiert. Die anderen erhalten zusätzlichen Stoff in Wochenendakademien, in Begabtenklassen oder in einem Unterricht durchgehend auf Englisch.