Mitternacht schlägt’s vom Kirchturm, in der Burg ist man völlig allein. Baronin und Baron haben den zyklopischen Schlüsselbund übergeben und sind in ihr Fachwerkhaus tief unten am Dorfweiher zurückgekehrt. Burg Unteraufseß in der nördlichen Fränkischen Schweiz, Stammschloss des uralten Freie-Reichsritter-Geschlechts der Aufseß, gehört für diese Nacht dem bürgerlichen Gast in der Jakobssuite. All die menschenleer hallenden Traditionsräume der Burg stehen ihm offen, Spindeltreppe und balkenbewehrte Vorhalle, Ahnensaal, biedermeierlicher Damensalon und Speisezimmer mit Söller, lange, kalte Steinfußbodengänge voller Porträts, Truhen, Schnitzschränken und Hirschgeweih-Lüstern. Etwas bänglich tappt man im Mondlicht noch einmal durch die Raumfluchten, zu prüfen, ob der Rote Ritter mit seiner spanischen Hoftracht im Bilderrahmen des Ahnensaals im Otto-Flügel geblieben ist und sich nicht doch als Burggespenst betätigt, was ihm der Volksmund nachsagt. Aus dem Dunkel knackt es bedenklich, aber das mag auch die neue Zentralheizung sein, die ihren lang ersehnten Dienst dieser Tage endlich aufnimmt.

Freiherr Eckhart und Freifrau Judith von Aufseß, in Aufseß an der Aufseß, Oberfranken, gehören zu jenen Adeligen im Bayernland, die seit einiger Zeit ihre Herrschaftssitze geöffnet haben, nicht nur zur Schlossführung, zum Barockkonzert, zum Gartenfestival, sondern zum Wohnen auf Zeit, zur vorübergehenden Tuchfühlung mit aristokratischer Seinsweise, welche für das Bürgertum ja hartnäckig ein Faszinosum darstellt. Adel in Bayern – Ritter, Grafen, Industriebarone heißt die große bayerische Landesausstellung 2008, und was diese Schau in Rosenheim und Hohenaschau in historischen Bögen anschaulich macht, das animiert zum Schlosshüpfen in der Gegenwart. Immer mehr Logis auf Edelsitzen stehen neuerdings zur Wahl. Die Besitzer dieser Domänen sind alle im Gotha (heute Genealogisches Handbuch des deutschen Adels) verankert, und ihre hochmögenden Vorfahren hätten ans Vermieten im Traum nicht gedacht.

Auch in der Aufseß-Sippe, erstmals namhaft 1114 als Ufsaze und seither stets am gleichen Ort, traf der heutige Baron Eckhart von Aufseß, ein knorzig-liebenswürdiger Herr in fortgeschrittenen Jahren, mit seinen Umwidmungsplänen auf Missbilligung. Etliche Verwandte besaßen im zweiflügeligen Schloss aus dem 14. und 17. Jahrhundert angestammtes Wohnrecht, in Quartieren namens »Seniorats«- oder »Jungherrenwohnung«, und mussten zum Auszug überredet werden. »Gemault«, sagt der Freiherr, wurde kräftig. »Du wirst sehen, die klauen und machen alles kaputt…«

Irrtum. Die bürgerlichen Gäste der Jakobs- und Jagdsuite erwiesen sich als sehr zivilisiert und beglückt über eine Ambiance, wie man sie sich schlossromantischer und generöser kaum denken kann. Verkehrte Welt. Das freiherrliche Ehepaar in seiner gemütlich vollgeräumten Fachwerkkate im Dorf und ein Handwerker- und Beamtenabkömmling auf der Anhöhe in der Burg-Beletage? Wenn man im Großen Salon der Jakobssuite auf 300-jährigem Brokatsesselchen das Frühstück einnimmt, umgeben von Aufseßschen Renaissanceschränken und Intarsien-Barockkommoden, Konzertflügel und Kandelabern, beäugt von den Urgroßeltern von Feilitzsch und den Grafen Méjean im Goldrahmen, dann muss man schon mal schlucken vor Privilegiertheitsgefühl.

Die Barone Aufseß haben ihr Feriendomizil besonders persönlich ausstaffiert, mit edlen Stücken aus dem Familiengebrauch. Solche Großzügigkeit macht ihnen Freude, sagen sie, es gefällt den Leuten ja so gut! Aber natürlich sind die Schloss-Apartments auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor neben Hochzeits- und Familienfeierlichkeiten, bei denen sich Baron und Baronin um jedes Detail kümmern. Einstige Reichtümer sind lange dahin, Stück für Stück ausverkauft. »Die Aufseß waren immer Dienende, bei Fürsten, Bischöfen, in der Verwaltung«, sagt Eckhart von Aufseß, der lange im afrikanischen Entwicklungsdienst gearbeitet hat. »Im 21. Jahrhundert dienen wir der Öffentlichkeit.«

Fränkische freie Reichsritter wie die Aufseß und die Egloffsteins im nahen Trubachtal sind zwar »nur« Barone und damit dem niederen Adel zugehörig, aber dennoch formidable Geschlechter: In der Aristokratie ist Anciennität von hohem Wert, und die Geschichte beider Familien, unterstellt nur dem Kaiser, reicht ungebrochen bis ins tiefe Mittelalter zurück. Burg Egloffstein, eine trutzige Veste auf lotrechtem Felssporn, ragt wie ein Symbolbild solch stolzer Historie weit über Land. Ihr Hausherr, Freiherr Albrecht von und zu Egloffstein, ist als Erscheinung der idealtypische Landedelmann: hochgewachsen, im schlammfarbenen, gehörig eingetragenen jägerischen Gewand, von aufmerksamer Grandezza, und den Tee in der Silberkanne hat er auch perfekt bereitet.

Wenn der Baron durch die Burg geleitet, die nach wie vor rein privater Ansitz ist und dies auch bleiben soll, ist die Bindung des alten Adels an die Vorfahren mit Händen zu greifen. Zu jedem Möbelstück, jedem Gebetbuch, jedem Altvordern-Gemälde weiß er Geschichten zu erzählen, als hätten sie sich letzte Woche zugetragen. Der bürgerliche Reisende aber fühlt sich von den Ahnenversammlungen an Schlosswänden allmählich etwas verfolgt: als wären diese Interieurs von einer Sippe Untoter behaust, die einem musternd nachblicken, der eigenen Dauerpräsenz sehr gewiss.