Alfred Brendel: "Ich sehe das Ende klar und tränenlos"
Einer der größten lebenden Pianisten tritt ab: Im Dezember wird er sein letztes öffentliches Konzert geben. Ein Gespräch über die Suche nach dem perfekten Spiel und allerletzte Wünsche
»Kirche – kein Eingang«: Lachend zeigt Alfred Brendel auf das Schild, das er in Wien aufgestöbert hat. Nun hängt es an der wichtigsten Tür seines Londoner Hauses – sie führt in sein »Studio«, wo die beiden Flügel stehen, auf denen sich Noten, Bücher, Fotos türmen, von den Wänden herab begutachten Liszt und Beethoven die Lage. Wir aber gehen hinauf in das andere Arbeitszimmer, das des Dichters und Essayisten Brendel. Auf den Manuskriptstapeln des Schreibtisches sucht eine elektrische Schreibmaschine Halt, die Regale vermögen die Lektüren dieses universal gelehrten Musikers kaum zu fassen. Den Gipfel des jüngsten Bücherberges bilden Bruno Schulz’Zimtläden, gestützt von einer Biografie Woody Allens. Eine Bibliothek als Spannungsfeld und neue Heimat, denn den Pianisten Brendel gibt es bald nicht mehr.
DIE ZEIT: Herr Brendel, steht Ihr Entschluss wirklich fest, keine Konzerte mehr zu geben?
Alfred Brendel: Absolut. Ich bin mit dieser Entscheidung völlig im Reinen.
ZEIT: Warum wollen Sie aufhören?
Brendel: Es sind keine physischen Gründe, denn ich hatte letztes Jahr ein sehr gutes Jahr. Ich wollte ja schon mit 75 aufhören, wurde dann aber überredet – und habe mich auch ein bisschen selbst überredet –, noch zwei Jahre anzustückeln. Nun aber ist genau der richtige Zeitpunkt. Es ist auch gut, zu spüren, dass man kein Maniac ist, dass man von Konzerten nicht abhängig ist wie von einer Droge. Ich hatte immer das Gefühl, ich spiele aus freien Stücken. Und jetzt höre ich aus freien Stücken auf.
ZEIT: Viele Musiker können das nicht. Es gab schon Dirigenten, die noch mit 80 Konzerttermine auf zehn Jahre im Voraus vereinbarten.
Brendel: Ich weiß. Der arme Bruno Maderna, in dessen letztem Konzert ich gespielt habe, als er schon todkrank war, hat im Künstlerzimmer auch noch Pläne geschmiedet. Bei mir ist das nicht so. Ich sehe das Ende klar und tränenlos.
ZEIT: Mit welcher Geste wollen Sie von der Bühne abtreten?
Brendel: Ohne Geste. Ich bin nämlich sehr gegen Gesten. Und gegen falsche Feierlichkeiten schon ganz und gar. Am liebsten hätte ich es geheim gehalten und irgendwann gesagt: So, das war das letzte Konzert, jetzt ist Schluss. Aber das ließ sich nicht realisieren. So muss ich jetzt von einem Abschiedskonzert zum anderen reisen. Ich freue mich natürlich, wenn das Publikum ein bisschen jammert.
ZEIT: Das schon?
Brendel: Doch. Die Wärme, die ich jetzt in diesen Konzerten spüre, ist ein schönes Gefühl. Man hat nicht umsonst gespielt.
ZEIT: Wann und wo werden Sie Ihren allerletzten Auftritt am Klavier haben?
Brendel: Am 18. Dezember in Wien mit den Wiener Philharmonikern. Es dirigiert Charles Mackerras, der zwar schon 82 Jahre ist, aber noch sehr munter. Ich spiele das sogenannte Jeunehomme-Klavierkonzert von Mozart, das ja inzwischen seinen schönen Namen verloren hat, weil man vor ein paar Jahren herausfand, dass die Dame, für die Mozart das Konzert geschrieben hat, Jenamy hieß. Sie war die Tochter des damals berühmten Tänzers Jean Georges Noverre, eine Französin, sie muss glänzend gespielt haben. Ich weiß nicht, ob sie auch schön war, aber Mozart wurde in diesem Stück besonders inspiriert. Es ist einer der größten Qualitätssprünge in Mozarts Schaffen überhaupt, sein erstes großes Meisterwerk.
ZEIT: Als sich der französische Pianist François-René Duchable vor ein paar Jahren vom Konzertleben zurückzog, ließ er seinen Flügel via Hubschrauber in einem See versenken. Was halten Sie von dieser Art Abschied?
Brendel: Ich hoffe, es war ein schlechter Flügel.








...den Zeitpunkt seines Abtretens von den Konzertsälen der Welt selbst bestimmt, zu einem Zeitpunkt, wo selbsternannte Grosskritiker noch nicht beginnen, nachzuspüren, wo er denn dabei sei, nachzulassen.Vor einigen Jahren hatte ich das Vergnügen, einige Konzerte seines Schubert-Zyklus in der Neuen Oper, Frankfurt hören zu dürfen. Es waren grossartige Musikabende mit einem Interpreten, der die feinsten Verästelungen Schubert'scher Kompositionen ausleuchtete. Er hat Musikliebhabern in der ganzen Welt seine Art zu musizieren, sein persönliches Verstehen der Absichten der Komponisten nahe gebracht.Dafür gebührt ihm Dank und nur die allerbesten Wünsche bei der Wahrnehmung seiner vielen Interessen in der vor ihm liegenden Zeit. Dass er sie nutzen will und wird, um jungen Talenten auf ihrem Weg zu helfen, ehrt ihn.
Brendel ist der Frage ausgewichen, ob er der letzte der Ära des GrossPianismus wäre (oder AltersPräsident): Das schändet ihn zumindest weniger, als wenn er sich dazugezählt hätte.
Denn diese Zeit ist vorbei. Heute haben Leute das Sagen, die nicht genug von der Sache verstehen. Der QualitätsUnterschied ist dank Internet sogar allgemein darstellbar:
The art of piano:http://youtube.com/watch?...Und dann einfach immer weiter klicken, unter dem Video, für das nächste ("This video is a response ...")
_Das_ ist "GrossPianismus":http://youtube.com/watch?...Auf 6:15 vorspulen, und viel Vergnügen !
Alfred Brendel. Er spielt virtuos auf den schwarz-weißen Tasten. Ganz einfach, weil er alle Zwischentöne kennt und kann!
Es ist ALFRED BRENDEL zuzustimmen , dass er sein öffentliches pianistisches konzertieren "klar und tränenlos" sieht . Nach den seh vielen Jahren einer sehr günstig verlaufenen Karriere , an denen sein Label PHILIPS sicherlich einen grösseren Anteil hatte als dies allgemein wahr genommen wurde und wird . Der herausragende Philips - Pianist vor Brendel war immhin Claudio Arrau . Ob Brendel mit der wohl gelungsten Interpretation seine Studioaufnahme von Schuberts Klaviersonate B - Dur D 960 oder eine Konzertabend meint , bleibt leider offen . Es wäre natürlich auch interessant , wie Alfred Brendel seine wohl höchstgeschätzte Aufnahme i Verhältnis zu seinen Konkurrenz ( etwa S. Richter , Curzon , R. Orozco , Anna Mallikova , Zhu Xiao - Mei oder Sofronitzky - hier ohne die Wiederholungen ! ) sieht . Brendel umgeht fast erwartungsgemäss die Heranziehung eventueller rivals . Während er bei den Geigerinnen gleich eine Garde jüngerer Geigerinnen aufzählt , ohne diese , was möglich wäre , zu diffrenzieren . Niemand würde ernsthaft die hochintelligente Hilary Han mit der Niederländerin Janine Jansen ( eher ein PR - Produkt ) qualitativ - interpretatorisch in eine Reihe zu stellen . Brendels doch sehr skurille Zusammensetzung der Persönlichkeiten , die er , aus welchem Grund auch immer , treffen möchte , ist eiegntlich , liest man seine Interviews , Zeitungsbeiträge und Bücher auch völlig unspektakulär . Wer ausf ein Treffen mit grossen Komponisten ausschliesslich gerechnet hatte , der wird enntäuscht sein wie ein Treffen mit seinen zeitweise in etwa altersgleichen Kollegen oder den sog. Grossen Alten .Dass er dann doch einen offensichtlichen Schüler hervorzaubert darf nicht überraschen . So uneitel ist Brendel nun nicht und wohl auch nie gewesen . Dr. Matthias Kornemann , früher "Rondo" bis 2002 , hat einmal zu Recht darauf hingewiesen , dass er einen "typischen Brendel - Ton" nicht hören könne . Dem ist ohne Einschränkung zuzustimmen .Wer Alfred Brendel vor über 40 Jahren im Konzert solo erlebt hat , der wird im Verhältnis zu seinem sog. Altersstil festgestellt haben , dass die damalige Frische mit einem intellektzellen Neuzugang gerde bei den Beethoven-Klaviersonaten ( festgehalten bei dem Label "Vox" ) einer teilweise in keiner Weise musikalisch überzeugenden Sicht des Grossdozenten gewichen ist . Da Herr Brendel inzwischen - rechtzeitig für seine Abschiedstournée - mehrere CDs zusammengestellt hat mit seinen bevorzugten nachschöpfenden Deutungen der verschieden Kompositionen , der wir ihm zustimmen müssen ( aus Hörersicht ) , dass dazu sicherlich die Diabelli - Variationen ebenso gehören wie das Beethovensche G-Dur-Klavierkonzert ( mit Simon Rattle ; EMI ) , seine Haydn - Interpretationen ( aus denne ich keine einzelne Sonate herausheben möchte ) und der von ihm zu Recht beschrieben schwer zu spielende Mozart ( Sonaten wie Klavierkonzerte ) . Bei den Klavierkonzerten erreicht er nicht die offensichtlich ewige Gültigkeit der Wiedergaben durch Sir Clifford Curzon während er bei den sog. frühen Mozart - Klaviersonaten sicherlich grösste Verdiesnte hat auch im Sinne eine praktizierten und nicht rein akademischen Lehrstunde . Dass Brendel das Jeune'homme - Klavierkonzert erwähnt , lässt Brendel auch als Meister der Musikpädagogig und Entwicklungsstufen Mozarts Kompositionen erkennen .Wir mögen Alfred Brendels Abschied vom konzertpodium bedauern , aber ich halte seine Entscheidung für schlichtweg klug .Frank Georg BechynaPraktischer ArztD - Duesseldorf
Leider ist es so, dass auch persönlich gereifte Künstler von der Bühne Abschied nehmen müssen.
Was folgt an Nachwuchs-Pianisten? Da bleiben nicht viele Namen, die man mit der gleichen Ellen-Länge messen könnte.
Brendel offenbarte sich ein Pianist von „Gottes Gnaden!“ Herz und Schmerz verstand er genial zu erzeugen. Sein Gefühls-Spiel erzeugte bei den Hörern einen Schmerzzustand, dass die persönliche Seelenlage zum zerreißend gespannt war. Sie entwich erst in langsamen Schritten nach dem erfolgten Schlussakkord. Er versteht es meisterhaft, als Vortragender seine Hörerschaft als eine lebendige Einheit und Gemeinschaft zu bilden, aus dem ein Entrinnen nicht möglich ist. Dass ist die unwiederbringliche Größe von Brendel, die man bei den jungen Zeitgenossen so sehr vermisst.
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