»Kirche – kein Eingang«: Lachend zeigt Alfred Brendel auf das Schild, das er in Wien aufgestöbert hat. Nun hängt es an der wichtigsten Tür seines Londoner Hauses – sie führt in sein »Studio«, wo die beiden Flügel stehen, auf denen sich Noten, Bücher, Fotos türmen, von den Wänden herab begutachten Liszt und Beethoven die Lage. Wir aber gehen hinauf in das andere Arbeitszimmer, das des Dichters und Essayisten Brendel. Auf den Manuskriptstapeln des Schreibtisches sucht eine elektrische Schreibmaschine Halt, die Regale vermögen die Lektüren dieses universal gelehrten Musikers kaum zu fassen. Den Gipfel des jüngsten Bücherberges bilden Bruno Schulz’Zimtläden, gestützt von einer Biografie Woody Allens. Eine Bibliothek als Spannungsfeld und neue Heimat, denn den Pianisten Brendel gibt es bald nicht mehr.

DIE ZEIT: Herr Brendel, steht Ihr Entschluss wirklich fest, keine Konzerte mehr zu geben?

Alfred Brendel: Absolut. Ich bin mit dieser Entscheidung völlig im Reinen.

ZEIT: Warum wollen Sie aufhören?

Brendel: Es sind keine physischen Gründe, denn ich hatte letztes Jahr ein sehr gutes Jahr. Ich wollte ja schon mit 75 aufhören, wurde dann aber überredet – und habe mich auch ein bisschen selbst überredet –, noch zwei Jahre anzustückeln. Nun aber ist genau der richtige Zeitpunkt. Es ist auch gut, zu spüren, dass man kein Maniac ist, dass man von Konzerten nicht abhängig ist wie von einer Droge. Ich hatte immer das Gefühl, ich spiele aus freien Stücken. Und jetzt höre ich aus freien Stücken auf.

ZEIT: Viele Musiker können das nicht. Es gab schon Dirigenten, die noch mit 80 Konzerttermine auf zehn Jahre im Voraus vereinbarten.

Brendel: Ich weiß. Der arme Bruno Maderna, in dessen letztem Konzert ich gespielt habe, als er schon todkrank war, hat im Künstlerzimmer auch noch Pläne geschmiedet. Bei mir ist das nicht so. Ich sehe das Ende klar und tränenlos.

ZEIT: Mit welcher Geste wollen Sie von der Bühne abtreten?

Brendel: Ohne Geste. Ich bin nämlich sehr gegen Gesten. Und gegen falsche Feierlichkeiten schon ganz und gar. Am liebsten hätte ich es geheim gehalten und irgendwann gesagt: So, das war das letzte Konzert, jetzt ist Schluss. Aber das ließ sich nicht realisieren. So muss ich jetzt von einem Abschiedskonzert zum anderen reisen. Ich freue mich natürlich, wenn das Publikum ein bisschen jammert.

ZEIT: Das schon?

Brendel: Doch. Die Wärme, die ich jetzt in diesen Konzerten spüre, ist ein schönes Gefühl. Man hat nicht umsonst gespielt.

ZEIT: Wann und wo werden Sie Ihren allerletzten Auftritt am Klavier haben?

Brendel: Am 18. Dezember in Wien mit den Wiener Philharmonikern. Es dirigiert Charles Mackerras, der zwar schon 82 Jahre ist, aber noch sehr munter. Ich spiele das sogenannte Jeunehomme-Klavierkonzert von Mozart, das ja inzwischen seinen schönen Namen verloren hat, weil man vor ein paar Jahren herausfand, dass die Dame, für die Mozart das Konzert geschrieben hat, Jenamy hieß. Sie war die Tochter des damals berühmten Tänzers Jean Georges Noverre, eine Französin, sie muss glänzend gespielt haben. Ich weiß nicht, ob sie auch schön war, aber Mozart wurde in diesem Stück besonders inspiriert. Es ist einer der größten Qualitätssprünge in Mozarts Schaffen überhaupt, sein erstes großes Meisterwerk.

ZEIT: Als sich der französische Pianist François-René Duchable vor ein paar Jahren vom Konzertleben zurückzog, ließ er seinen Flügel via Hubschrauber in einem See versenken. Was halten Sie von dieser Art Abschied?

Brendel: Ich hoffe, es war ein schlechter Flügel.

ZEIT: Wird Ihnen etwas fehlen?

Brendel: Das Adrenalin. Auch aus physiologischen Gründen, weil es gewisse Muskel- und Nervenschmerzen wegnimmt. Ich muss sehen, wie ich damit zurechtkomme, vielleicht lässt sich das Adrenalin auch durch andere Tätigkeiten aktivieren. Ich höre ja nur auf, Konzerte zu spielen. Ich höre ja nicht auf zu leben. Ab Sommer 2009 habe ich Termine für Vorträge, Seminare, Lesungen vereinbart.

ZEIT: Und was wird Ihnen auf keinen Fall fehlen?

Brendel: Der Leistungsdruck, der mit dem Konzertieren verbunden ist. Und ein Teil der Musikkritik.

ZEIT: Wir dachten immer, die ignorieren Sie.

Brendel: Ich nehme sie natürlich wahr. Ich möchte ja wissen, was in der Welt passiert, auch wenn es noch so deprimierend ist. Ich habe allerdings nicht besonders viel Grund, über die Musikkritik zu klagen, andere Leute haben es da viel schwerer.

ZEIT: Nehmen wir einmal an, Sie dürften ein großes Fest zu Ihrem Abschied geben und dazu nicht nur Lebende, sondern auch Tote einladen. Wen hätten Sie gern dabei?

Bis jetzt hat Brendel mit den verpflasterten Daumen, Zeige- und Mittelfingern unablässig einzelne Töne auf der moosgrünen Cordhose angeschlagen. Nun steht er auf und holt ein Blatt vom Schreibtisch, der wie das ganze Zimmer jenem Kunstprinzip zu gehorchen scheint, das Brendel so gern zitiert: dass in jeder Dichtung »das Chaos durch den regelmäßigen Flor der Ordnung schimmern muss« – Novalis. Ordentlich wie auf ein Konzert hat sich Brendel auch auf unser Gespräch vorbereitet, einzelne Fragen vorab erbeten. Für sein imaginäres Abschiedsfest hat er eine Gästeliste notiert.

Brendel: Ich würde mich ganz auf die Verstorbenen konzentrieren. Shakespeare würde ich gern aus der Nähe sehen. Man weiß ja nicht, wie er aussah und wie er redete. Stendhal gehört auf die Einladungsliste, aus Verehrung, Edward Lear und Lewis Carroll, die englischen Nonsens-Dichter, auch Daniil Charms, ein wunderbarer russischer Nonsens-Dichter; Robert Musil und Monsu Desiderio, das war ein italienischer Maler, den die Surrealisten wiederentdeckten, weil in dessen Bildern manchmal Gebäude zusammenstürzen und kleine Mordszenen in den Ecken passieren. Es geht die Legende, dass er schizophren wurde, aber manche Leute sagen: Nein, das war ein ausgedachter Stil, der ziemlich erfolgreich war. Ich würde gerne sehen, ob Desiderio verrückt war oder nicht. Eigentlich hieß er François de Nomé. Dann natürlich Mozart, um zu schauen: Wie benimmt sich der Mann? Und: Ginevra de’ Benci, eine italienische Aristokratin, die von Leonardo gemalt wurde. Das Porträt ist für mich das schönste aller Frauenporträts und überhaupt eines der großartigsten Bilder. Vielleicht könnte sie auch Leonardo mitbringen. Dann Edward Gorey, der amerikanische Zeichner und Schriftsteller, dessen wenige Zeilen unter seinen Bildern genauso sophisticated sind wie die Zeichnungen selbst. Er ist einer meiner Ehrendadaisten. Und natürlich Isaiah Berlin, ein besonders verehrter Freund von mir.

ZEIT: In Ihre Konzertprogramme der letzten Jahre haben Sie immer wieder Haydn, Mozart, Beethoven eingeladen.

Brendel: Ich weiß schon, es gibt Leute, die sagen: Der spielt immer dasselbe. Aber das ist gar nicht der Fall. Ich spiele sehr viele verschiedene Stücke, die die Leute oft gar nicht kennen oder nur mal in der Klavierstunde gesehen haben.

ZEIT: Wie die vermeintlich leichten Mozartsonaten?

Brendel: Die gehören zum Schwierigsten. Jeder Ton, jede Nuance zählt. Nichts kann verborgen werden. Das ist eine Angelegenheit für sehr erfahrene Spieler. Aber manche Pianisten können im Alter ihr Spiel nicht mehr so genau kontrollieren, wie es gerade bei den Mozartsonaten notwendig wäre. Deshalb werden sie relativ selten gespielt und aus Unkenntnis unterschätzt. Der berühmte Satz von Artur Schnabel ist schon treffend: Zu leicht für Kinder, zu schwierig für Künstler.

ZEIT: Lernen Sie bis heute in jedem Konzert dazu?

Brendel: Ja. Darauf kommt es an. Dass man die Werke nicht lernt und dann abhakt und sich sagt: Das Problem habe ich gelöst, jetzt kommt das nächste Stück dran. Bei den Meisterwerken geht es darum, mit ihnen zu leben. In Abständen muss man auf sie zurückkommen und eine Kette von Erfahrungen aufbauen. Wirkliche Meisterwerke sind unerschöpflich und ewig sprudelnde Energiequellen für den Spieler. Das ist ja das Wunderbare, dass man mit großer Musik sein Leben verbringen kann – und es bleibt immer spannend! Das Musikstück informiert den Spieler. Und es ist da kein Ende. Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Standpunkte: Der eine Spieler versucht, auf das Werk zu hören und aus ihm mit Geduld zu entnehmen, was es darstellt und was es braucht. Der andere stellt das eigene Ego in den Vordergrund und verhält sich wie eine Gouvernante, die dem Komponisten sagt, was er hätte tun sollen. Man soll sich nicht selbst ausschalten als Spieler, aber man muss dem Werk dienstbar sein!

ZEIT: Kommt es oft vor, dass Sie sich mit Ihrem Spiel in totalem Einklang mit dem Stück fühlen?

Brendel: Manchmal sucht man sehr lange. Aber wenn man Geduld hat und die Stücke oft spielt, kommt man der Sache näher…

ZEIT: Es gab also die Momente, an denen Sie gedacht haben: Das war die perfekte Interpretation?

Brendel: Man muss dankbar sein, wenn so etwas mal passiert. Da ist zum Beispiel eine Liveaufnahme der B-Dur-Sonate von Schubert, mit der bin ich sehr einverstanden. Ein seltener Fall, dass ich sage: Ja, besser könnte ich das nicht machen. Wobei ich nicht sagen will, dass ich damit das Rätsel gelöst habe.

ZEIT: Empfinden Sie die ständige Selbstreflexion, die mit der Suche nach der richtigen Interpretation einhergeht, als Belastung?

Brendel: Ich bin nicht so selbstdestruktiv veranlagt, obwohl Skepsis gut ist.

ZEIT: Krankt die Pianistenszene heute daran, dass Interpretationen zu sehr »gemacht« werden – aus dem Zwang, sich unbedingt unterscheiden zu müssen?

Brendel: Originalität sollte durch Vertrautheit mit dem Stück kommen. Nicht mit dem Ansatz: Jetzt muss ich anders spielen, weil der und der es so gespielt hat. Das lehne ich total ab. Glenn Gould hat da ein warnendes Beispiel gegeben.

ZEIT: Der bleibt für Sie die große Negativfigur?

Brendel: Mit gutem Grund.

ZEIT: Was hat sich im Konzertleben im Verlauf Ihrer langen Karriere geändert?

Brendel: Ich kann nur sagen, wie es in meinen Konzerten zuging: Das Publikum ist immer gekommen, auch junge Leute, sodass ich die Entwicklung von meiner Warte aus nicht so schlimm finde.

ZEIT: Es gibt keine Krise der klassischen Musik?

Brendel: Mit meinen persönlichen Beobachtungen deckt sich das nicht. Ich bin da eigentlich nie Pessimist gewesen. Oder sagen wir so: Ich bin ein Pessimist, der sich gerne angenehm überraschen lässt.

ZEIT: Wird heute das Wie des Musikmachens überbewertet gegenüber dem Was der Werke?

Brendel: Auch da muss man vorsichtig sein mit Verallgemeinerungen. Sehen Sie sich heute die jungen Geiger und die jungen Pianisten an – da erkennt man zwei völlig verschiedene Richtungen. Es gibt eine ganze Reihe von wunderbaren Geigerinnen, die fast alle ein gutes Beethoven-Konzert spielen können. Lisa Batiashvili, Julia Fischer, Arabella Steinbacher, Viviane Hagner, Hilary Hahn, Janine Jansen – das sind alles erstaunliche Musikerinnen. Und es kommen immer noch mehr dazu. Das hat es früher nicht gegeben. Was da für ein ernsthaftes Niveau zu finden ist! Und man hat nicht den Eindruck, das sei jetzt die russische Geigenschule oder die Produktion von Dorothy Delay aus New York, sondern man hört die Musik. Unter den jungen Pianisten, die derzeit bekannt sind, ist es – bitte, es gibt immer Ausnahmen! – ganz anders. Ich würde nicht sagen, dass da viele imstande sind, ein gutes Beethoven-Konzert zu spielen oder ein gutes Mozart-Konzert. Denen geht es um andere Sachen – um Selbstdarstellung.

ZEIT: Gab es die nicht immer?

Brendel: Ja, es gab früher auch solche Pianisten. Und es gibt heute auch andere. Das möchte ich ganz grundsätzlich sagen: Ich fühle mich durchaus nicht als der Letzte einer Ära, wie das oft geschrieben wird. Es gibt sehr wohl junge Musiker, die eine ähnliche Vorstellung von Musik haben wie ich.

ZEIT: Aber der Letzte Ihrer Generation sind Sie schon in gewisser Weise.

Brendel: Ich habe mich nie als Mitglied einer besonderen Tradition gefühlt. Für mich gab es nur eines – und das war das Stück.

ZEIT: Einer unserer Kollegen hat Sie einmal den Alterspräsidenten des internationalen Hochpianistenwesens genannt. Wen schlagen Sie in dieser Position denn als Ihren Nachfolger vor?

Brendel: Präsidenten kann ich nicht ernst nehmen. Ich denke nicht in diesen Kategorien. Ich höre mir, wann immer ich Zeit habe, junge Pianisten an und versuche ihnen ein bisschen zu helfen, auch ganz junge, bei denen man noch etwas abwarten muss. Der Allerjüngste ist 15 und wirklich ein unglaublicher Sonderfall. Ein richtiges Wunderkind, nicht nur als Pianist, sondern auch als Komponist, als Mathematiker, er jongliert mit fünf Bällen. Ich bin wirklich neugierig, was aus ihm einmal wird.

ZEIT: Wollen Sie uns seinen Namen verraten?

Brendel: Kit Armstrong heißt er, ein Amerikaner mit taiwanesischer Mutter, der jetzt in London lebt. Wie er Bach spielt mit einer Natürlichkeit und einer völligen Kontrolle der Stimmen, mit einem gesunden Rhythmus und einem Eigenleben, das der Musik nicht schadet – das ist sehr aufregend. Er hatte Manager, die ihn den Medien am liebsten gleich in den Rachen geworfen hätten. Ich will aber auf keinen Fall, dass seine Karriere zu schnell geht. Zwei Jahre lang habe ich ihn deshalb stark gebremst. Aber jetzt allmählich wird er zum Vorschein kommen. Dieser junge Mann kommt nicht von der Virtuosenmusik, obwohl er sehr gute Finger hat. Er kennt alle Mozartsonaten, Bach, die Grundlagen sind vorhanden. Und das unterscheidet ihn von den meisten der heute im Schwange befindlichen Pianisten. Wenn man mit solchen Begabungen arbeitet, versteht man etwas besser, was im Hirn von Mozart oder Schubert vorging. Wie Leute zehnmal schneller als unsereiner, aber mit der größten Konzentration Dinge aufnehmen. Ich habe ihn mal gefragt: Was liest du? Du hast wahrscheinlich wenig Zeit zum Lesen. Da hat er gesagt: I read fast.

ZEIT: Wir dachten mit der Nachfolgerfrage eher an arriviertere Leute wie Pierre-Laurent Aimard.

Brendel: Pierre-Laurent ist ein Freund von mir, ich schätze ihn außerordentlich. Er ist ein grandioser Spieler der Musik des 20. Jahrhunderts, der sich jetzt im Repertoire zurückarbeitet in die ältere Literatur. Es gibt auch noch jüngere, die ich seit längerer Zeit beobachte und die ihren Weg machen wie Till Fellner oder Paul Lewis, der in Deutschland noch viel zu wenig bekannt ist.

ZEIT: In Ihren Gedichten tauchen mehrfach gefährliche Klavierteufel auf, die zwischen den Tasten lauern und es auf die Finger abgesehen haben. Welcher Art ist Ihr Verhältnis zum Instrument? Ist es auch von Furcht geprägt?

Brendel: Das Verhältnis ist liebend – wenn das Instrument wirklich gut ist. Ich bin da allerdings sehr anspruchsvoll. Ich will, dass der Flügel von oben bis unten ganz gleichmäßig intoniert ist, dass nie eine Lage oder einzelne Töne hervorragen, dass die dynamischen Möglichkeiten überall die gleichen sind, vom Pianissimo zum Fortissimo. Mit zunehmendem Alter spiele ich nur noch auf Flügeln, die ich gut kenne und die tadellos eingerichtet sind. Ich kann es physisch nicht mehr riskieren, auf zu vielen verschiedenen Flügeln zu spielen.

ZEIT: Was heißt das?

Brendel: Es gibt dann mehr Widerstand und Behinderung, ja Schmerzen. Man ist sehr abhängig vom Instrument. Jüngere vielleicht weniger. Die Armen müssen noch auf allem spielen, was herumsteht. Solche Sachen vermeide ich. Man möchte im Alter nur noch die eigenen Fehler machen und nicht mehr nur die des Instruments.

ZEIT: Ist es ein Problem, dass die Kräfte im Alter nachlassen und gleichzeitig die Vorstellungen darüber, wie Stücke zu klingen haben, immer präziser werden?

Brendel: Es kommt darauf an, welche Werke man spielt. Ich habe mir in den letzten Jahren sehr genau ausgesucht, was ich spiele, und die athletischen Stücke beiseitegelegt.

ZEIT: Zum Beispiel?

Brendel: Die Hammerklaviersonate von Beethoven, Schuberts Wandererfantasie, die Liszt-Sonate , die beiden Brahms-Konzerte . Ich habe diese Sachen lang genug gespielt, jetzt spiele ich anderes. Es bleibt ja so viel übrig. Vor 15 Jahren hatte ich Schwierigkeiten mit dem linken Arm und musste ein paar Monate aussetzen. Ich habe danach versucht, mich auf meinen Körper einzustellen, und das ist mir wohl auch gelungen.

ZEIT: Freuen Sie sich, in Zukunft weniger reisen zu müssen?

Brendel: Schon, aber ich wäre auch nicht glücklich, wenn ich nur zu Hause sitzen würde. Ich will ja weiterhin in Ausstellungen gehen, Theaterstücke anschauen oder romanische Architektur entdecken, für die ich mich sehr interessiere.

ZEIT: Wie steht es denn bei Ihnen mit den klassischen Pensionärsbeschäftigungen? Sind Sie eher der Typ, der im Alter Ornithologe wird oder ein Nachmittagsfernsehgucker?

Brendel: Keines von beidem. Ich bitte Sie!

ZEIT: Sind Sie der Typ, der mit den Enkeln Mensch ärgere Dich nicht spielt oder einen Computerkurs anfängt?

Brendel: Vergessen Sie es. Ich habe keine Enkel.

ZEIT: Und wie sieht es mit Rosenzüchten aus?

Brendel: Um Gottes willen. Ich bin allergisch gegen Rosen. Walter Gieseking hat, glaube ich, Blumen geschnitten und sich auch gern mal einen Dorn in den Finger gezogen. Rosen? Wirklich nicht.

Die Natur hat Brendel vor der Haustür. Nur 200 Meter sind es bis Hampstead Heath, ab und an geht der Pianist die paar Schritte bis zu dem großen Park im Norden Londons. Aber weniger, um die kunstvoll wilde Heidelandschaft zu betrachten, sondern um einen Rembrandt anzuschauen, dasSpäte Selbstbildnis von 1661, das in Kenwood House hängt, dem Herrenhaus im Herzen des Parks. In der Häuserreihe bei Brendels gegenüber hat einst der Maler John Constable gewohnt – eine imaginäre Nachbarschaft, die dem Liebhaber alter wie neuer, bewegter Bilder gut gefällt.

Brendel: Das Einzige, was ich mir vorstellen kann, ist, wenn ich mal nicht mehr reisen kann und in irgendeiner Weise behindert sein sollte: Ich würde meine Sammlung von Filmen vergrößern und mir gewisse Gebiete systematisch zu Gemüte führen.

ZEIT: Was ist das für eine Sammlung?

Brendel: Ach, ich bin schon immer gern ins Kino gegangen. Mein Vater war eine Zeit lang Kinodirektor. Im Moment habe ich gerade wieder ein paar alte spanische Filme gesehen, die ich ganz großartig finde, nicht nur die Buñuel-Filme, sondern etwa den ersten Film von Victor Erice Der Geist des Bienenstocks oder einen der frühen Saura-Filme, Cría Cuervos. Das sind zwei der großartigsten Filme, die ich kenne.

ZEIT: Stellen Sie sich vor, Sie haben am Ende Ihrer Karriere einen Wunsch frei, der sofort und für alle Zeit in Erfüllung geht. Was wünschen Sie sich?

Brendel: Dass niemand mehr in einem Konzert hustet.

ZEIT: Wie kriegen Sie es eigentlich selbst hin, im Konzert nicht zu husten?

Brendel: Ich muss mich sehr anstrengen, manchmal muss ich sogar weinen. Ich habe schon Hustenreiz und warte dann bis zu einem wirklich lauten Moment. Meine Konzerte habe ich mehrmals wegen der Husterei unterbrochen, und danach waren die Leute plötzlich still. Daran kann man sehen: Es geht! In Chicago habe ich unterbrochen, als ich ein ganz leises Stück spielte, ich sagte: »Ladies and Gentlemen, I can hear you, but you can’t hear me.« Dann waren sie still. Die Leute können heute nicht mehr zivilisiert husten. Früher hatte jeder ein Taschentuch, heute hustet jeder einfach raus oder räuspert sich aggressiv. Im Englischen gibt es das Anagramm listensilent . Das fällt mir in diesem Zusammenhang immer wieder ein. Wenn die Leute ins Konzert gehen, kriegen sie etwas geboten, aber sie wissen nicht, dass sie auch etwas mitbringen müssen, um das zu ermöglichen – nämlich Stille!

ZEIT: Der Lärm der Welt nervt Sie?

Brendel: Ja, ich hasse Lärm. In der Musik baut alles auf Stille auf.

ZEIT: Wissen Sie schon, was Sie am Morgen nach dem letzten Konzert machen werden?

Brendel: Ausatmen.

Das Gespräch führten Christof Siemes und Claus Spahn

Die Daten der Abschiedskonzerte:
5.11. München
6.11. München
25.11. Frankfurt
6.12. Baden-Baden
12.12. Leipzig
14.12. Hannover


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