MAIL AUS Brüssel

Für den automatischen Anhang, der neuerdings an vielen Mails von Brüsseler Funktionären dranhängt, gibt es noch keinen rechten Namen. Nennen wir ihn einfach einmal Gewissenszwicker. Der Gewissenszwicker kommt in verschiedenen Formen daher, aber immer mit demselben Erziehungsziel. Ein typisches Beispiel rundete die Mail eines Europaparlamentariers ab. Unter der Grußformel stand geschrieben: »Sparen Sie Energie. Schalten Sie Ihren Computer aus, wenn Sie abends das Büro verlassen.« Und: »Bitte drucken Sie diese E-Mail nur aus, wenn es absolut notwendig ist.«

Ich überlegte einen Moment. Dann klickte ich sehr entschlossen auf die »Druck«-Taste. Es ist nämlich absolut notwendig, darauf hinzuweisen, dass es heuchlerischer kaum noch geht. Ebenjene Mail kam aus Straßburg. Und über Straßburg muss man wissen, dass es einen ebenso luxuriösen wie überflüssigen Zweitwohnsitz für das Europäische Parlament beherbergt. Alle drei Wochen packen die 785 Abgeordneten in Brüssel ihre Koffer und zuckeln samt Mitarbeitern, Dolmetschern und Sekretariat 430 Kilometer ins Elsass. Dieser Wanderzirkus soll, so die Erzählung, das Zusammenwachsen Europas fördern. Das ist natürlich völliger Mumpitz.

Und wissen Sie was? Im Brüsseler Parlamentsbau brennt trotzdem die ganze Zeit das Licht! Höchste Zeit also, den Abgeordneten mit einem eigenen Gewissenszwicker zu antworten: »Sparen Sie Strom, Sprit und Steuergeld. Schalten Sie eines Ihrer Parlamente aus, wenn Sie es das nächste Mal verlassen.«

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.2
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  • Schlagworte Brüssel | Elsass | Europa | Straßburg
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