Ingenieure Die Spezialisten

Von der Rastnocke zur Pressstraße – zwei Maschinenbauer erzählen aus den gegensätzlichen Welten der Automobilindustrie.

»Hier ein Legierungselement einstreuen, dort noch ein bisschen Nickel und Chrom zugeben« – wenn Frank Baumgärtner, 40, von seiner Arbeit spricht, klingt er manchmal eher wie ein Koch als ein Techniker. Immer ist er auf der Suche nach dem perfekten Rezept. Seine Zutaten bestehen allerdings aus Metallpulvern, die sich in die verschiedensten feingliedrigen Formen pressen lassen. Die so entstandenen Bauteile werden anschließend erhitzt und beschichtet. Sintertechnik nennt sich das Verfahren, mit dem sich zum Beispiel Zahnräder herstellen lassen. Neben der Verwandlung von einem Pulver zu einem Metallstück fasziniert Baumgärtner vor allem die Kraft, die diese kleinen Teile übertragen können. »Wenn der Autositz hochgestellt wird, müssen die einzelnen Rädchen das Gewicht von Fahrern mit über 100 Kilo aushalten.«

Bis zu 600 Bauteile stellt die Schunk-Gruppe, wo Baumgärtner Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung ist, auf diese Weise her. Ein Großteil davon für die Automobilindustrie. Schon fast legendär ist dabei die Rastnocke. Das nur vier Gramm schwere Metallteil findet sich in fast allen europäischen Autos und verursacht das »Klick«-Geräusch, wenn der Sicherheitsgurt einrastet. Denn die Rastnocke ist verantwortlich dafür, dass das Gurtschloss schließt. Mehr als eine halbe Milliarde der Teile hat die Schunk-Gruppe in den vergangenen 20 Jahren hergestellt und Baumgärtner arbeitet in Absprache mit seinen Kunden immer wieder daran, ihre Beschichtung zu verbessern oder die Arbeitsabläufe kostengünstiger zu gestalten. »Die Rastnocke ist ein sehr sensibles Thema bei uns«, erklärt er. »Schließlich ist sie ein Sicherheitsteil und rettet im Extremfall Leben.« In der Schunk-Gruppe arbeitet Baumgärtner seit seiner Diplomarbeit 1995 über das Thema Metallschäume. Denn auf die Werkstoffkunde hatte sich der Ingenieur schon während seines Studiums spezialisiert. Die Verbindung von Thermodynamik, Chemie und Physik hat ihn fasziniert. Und das meiste, was er damals gehört hat, kann er heute noch anwenden. »Ich habe eigentlich nie das Gefühl, im Studium zu viel gelernt zu haben«, erzählt er. »Viele der Grundlagenthemen wende ich heute noch an.« Um die Begeisterung für seinen Fachbereich weiterzugeben, bietet Baumgärtner Studenten die Möglichkeit, seine Abteilung in Praktika kennenzulernen oder ihre Diplomarbeit im Unternehmen zu schreiben. Denn die Schunk-Gruppe sucht dringend Ingenieure, besonders in den Materialwissenschaften. »Viele denken vielleicht, dieser Bereich sei zu speziell«, vermutet Baumgärtner. Für ihn unverständlich. Schließlich reicht das Spektrum der Materialien von Holz bis zu synthetischen Stoffen in Flachbildschirmen.

Alexander Dorfmeister, 29, konstruiert Werkzeuge. Allerdings keine Hammer oder Zangen, wie man sie aus dem heimischen Baumarkt kennt. Sein Werkzeug wiegt an die 50 Tonnen. Mit noch etwa fünf anderen wird es in eine sogenannte Presstrasse eingebaut, die die Größe eines Vierfamilienhauses hat. Ihre Aufgabe: Blechteile zu Autotüren, Karosseriedächern oder Kotflügeln zu pressen.

Für jedes Teil, das in Serienfertigung geht, werden eigene Werkzeuge gebaut, für die Dorfmeister den Methodenplan erstellt. Methodenplanung nennt sich deshalb die Abteilung bei Audi, in der der Ingenieur seit vier Jahren arbeitet und für die noch weitere gesucht werden.

Bevor sich Dorfmeister an die Planung für seine Formwerkzeuge macht, muss er überprüfen, ob das Blechteil überhaupt herstellbar ist. Prozesssicherheit, Qualität und kostengünstige Fertigung sind seine Kriterien. Und damit die erfüllt sind, ist er am kompletten Entwicklungsprozess beteiligt – vom ersten Entwurf bis zu dem Moment, an dem alle Teile eingebaut sind und das fertige Fahrzeug ausläuft. »Ich habe in sehr vielen Abteilungen Ansprechpartner, vom Rohbau bis zur Entwicklung, und bin dadurch in den Fahrzeugentstehungsprozess gut integriert«, erzählt er. Für ihn ist das deshalb eine der interessantesten Aufgaben in der Autoindustrie.

Gleichzeitig wird seine Arbeit damit aber manchmal auch zum Spagat zwischen verschiedenen Interessen. Denn jeder Abteilung ist etwas anderes wichtig – dem Designer die markante Form, dem Entwickler die Statik. Und Dorfmeister eben die Herstellbarkeit der Teile. Er überzeugt dann am liebsten mit Hilfe der Fakten und zeigt die Ergebnisse seiner Computersimulationen.

Dorfmeister wollte immer gern in die Autoindustrie. Im gefällt es, seine Arbeit später auf der Straße fahren zu sehen. Für Motoren oder das Getriebe hat er sich allerdings noch nie interessiert. Er mag stattdessen Großmaschinen. »Maschinenbau liegt mir im Blut«, sagt er. Weshalb er nach einer Lehre als Werkzeugmechaniker nicht Elektrotechnik, sondern Maschinenbau studierte. Die Kombination war Voraussetzung für seinen Job als Methodenplaner. In die großen Werkzeughallen mit den Maschinen kommt er zwar noch regelmäßig. Aber meistens sitzt Dorfmeister mit seinem Team in einem Großraumbüro. Wenn ein neuer Audi auf den Markt kommt, beschäftigt er sich dort schon längst mit dem nächsten Modell.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
    • Versenden E-Mail verschicken
    • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte Ingenieure | Diplomarbeit
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service