Spanien La Comandante
Sie ist 37 Jahre alt, neue Verteidigungsministerin in Spaniens Regierung – und schwanger. Die faszinierende Lebensgeschichte der Carme Chacón
Mit Militärischem hatte sie noch nichts zu tun, da sprach Carme Chacón davon, ihr Herz zu panzern. Im Jahr 2000 war sie gerade aus Barcelona in die Politik Madrids gekommen und erschrak über die Härte des Umgangs: »Manchmal habe ich den Eindruck, in diesem Land wird man oft nur deshalb kritisiert, weil man eine Frau ist, eine junge Frau.« Inzwischen ist sie Parteisprecherin der Sozialisten gewesen, Vizepräsidentin des Parlaments, ein paar Monate lang Ministerin für Wohnungsbau. Und nachdem ihre Partei und Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bei den jüngsten Parlamentswahlen im März bestätigt worden waren, trat sie jetzt – mit 37 immer noch jung und im siebten Monat schwanger – als erste Verteidigungsministerin Spaniens ihr Amt an.
Wie diese zierliche Frau mit großem Bauch die Truppen abschritt: Das bot ein starkes Bild und den Anlass zu bedeutungsschwangeren Sätzen, über die Kraft werdenden Lebens und den Tod, über Krieg und Frieden und historische Momente. Für die meisten Beobachter war es schlicht das Sinnbild eines neuen Spaniens, weit weg von der dunklen Zeit unter Franco, als Frauen kein Bankkonto eröffnen konnten, nur wenige studierten und die Armee das Rückgrat der Diktatur darstellte.
Chacóns Ernennung und die überwiegend positiven Reaktionen darauf bewiesen, wie sehr sich jene Gesellschaft verändert hat, die der Welt das Wort Machismo schenkte. Nur einige Kommentare konservativer Medien waren erwartungsgemäß reaktionär: »Das sympathische Hübschchen in den Dreißigern.« – »Carme, die mit der Riesenpauke.« – »Ob sie ihrer Brut wohl Bleisoldaten schenken wird?« Glücklicherweise hat Carme Chacón sich gepanzert. Mit einem Blitzbesuch bei den Truppen in Afghanistan entwaffnete sie jene Kritiker, die ihre Schwangerschaft zur Behinderung erklärten.
Ihre Disziplin loben alle, die mit ihr zu tun haben, ihre Intelligenz, ihren Fleiß. Etwas davon wurde ihr von zu Hause mitgegeben. Die Mutter, die berufstätig war und nebenbei studierte, weckte sie manchmal um sechs Uhr morgens, Carme sollte mit ihr die Wohnung putzen. Von der Mutter lernte sie auch politisches Engagement. An ihrer Hand ging sie als kleines Mädchen während der Übergangsphase von der Francodiktatur zur Demokratie, der Transición, auf die ersten Demonstrationen. Wichtiger noch war der Großvater: ein Anarchist, der unter Franco im Gefängnis war und von sich sagte, sein Land habe ihm die Jugend geraubt. Seinetwegen, erklärt Carme Chacón, sei ihr immer klar gewesen, »dass ich zum Lager der Verlierer gehörte«. Das mag ein wenig pathetisch klingen, hat aber offenbar ihr Leben geprägt: »Ich könnte nie nur für mich leben. Nur für ein Haus mit Schwimmbad, ein hohes Einkommen.«
Mit 16 trat Chacón in die sozialistische Partei ein, und nach allem, was man weiß, wankte sie nie in ihrer Entschlossenheit, es im Dienste der Partei und der Gesellschaft zu etwas zu bringen. Sie studierte Jura, verdiente nebenbei Geld, indem sie im Traditionskaufhaus El Corte Inglés Konfektion verkaufte, ging mit Stipendien ins Ausland. Mit 23 unterrichtete sie schon Verfassungsrecht an der Universität Girona. Ihr Fachgebiet ist Föderalismus. Sie schrieb Bücher über das Modell Québec – und kämpfte als Vertreterin der katalanischen Sozialisten in der vergangenen Legislaturperiode entschlossen für mehr Autonomie für Katalonien, oft gegen Widerstände aus den Reihen der gesamtspanischen Mutterpartei.
Darin liegt – mehr als im Machismo – der Hauptgrund dafür, dass die Verteidigungsministerin für manche konservative Kreise eine Zumutung darstellt. In ihren Augen ist Chacón eine gefährliche katalanische Nationalistin, ja potenzielle Separatistin. Hat sie nicht das Recht Kataloniens vertreten, sich als Nation zu bezeichnen? Und als der Schauspieler und Theaterregisseur Pepe Rubianes, nachdem er Spanien als »Scheißland« bezeichnet hatte, in Madrid bedroht wurde und eine Inszenierung zurückzog – trug sie da nicht ein T-Shirt mit der solidarischen Aufschrift »Wir alle sind Rubianes«? Natürlich auf Katalanisch.
Diese Frau erklärte nun vor den strammstehenden Soldaten ihre Liebe zu einem »einigen und vielfältigen Spanien«, womit sie, die so vieles verkörpern soll, auch noch zum Symbol einer pluralen, solidarischen »Nation der Nationen« taugt. Da Ministerpräsident Zapatero sich während seiner ersten Legislaturperiode dem Vorwurf ausgesetzt sah, er sei bereit, Spanien den regionalen Nationalisten zum Zergliedern hinzuwerfen, war dies ein geschickter Schachzug.
Zapatero bat Chacón, nicht der Politik wegen auf die Mutterschaft zu verzichten. Im Sommer bekommt sie mit dem Journalisten Miguel Barroso ihr erstes Kind; er war Zapateros Kommunikationschef und plant jetzt Vaterschaftsurlaub. Im Unterschied zu Chacón müssen die meisten Spanierinnen dem Kind die Karriere opfern. Anders als in nordischen Ländern spiegelt die neue Ministerriege – neun Frauen, acht Männer – also nicht die Gesellschaft wider, sondern ist pädagogisch gedacht, als Ansporn. Der Mutterschaftsurlaub ist in Spanien nur vier Monate lang, und in der Privatwirtschaft wird meist bis 20 Uhr gearbeitet. Wie bringt man da die Kinder ins Bett?
Wie die Verteidigungsministerin Amt und Familie vereinbaren wird, hat sie noch nicht wissen lassen. Mit einem Gefühl ist sie jedoch schon bestens vertraut: »Wir Frauen sind wie Schnecken: Wir tragen immer Schuldgefühle auf dem Rücken.«
- Datum 03.05.2008 - 13:29 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.04.2008 Nr. 19
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