In vier Minuten die Welt retten, das schafft noch nicht einmal Bruce Willis. Vier Minuten ist die Zeit für einen guten Kuss, wer mehr will, muss sich schon sehr beeilen. Vier Minuten reichen für genau einen ernsthaften Gedanken und einen Tanz. Vier Minuten sind der Punkt im Zeitstrahl, sind das radikale Jetzt. Und sie sind das Maß der ewigen Gegenwart des Popsongs.

So passt es wieder mal perfekt, wenn die aktuelle Single des erfolgreichsten lebenden Popstars der Welt 4 Minutes heißt. Fanfaren und breite Hip-Hop-Beats kündigen die Ankunft der Queen of Pop an, und in der Rolle des jugendlichen Prinzen tritt der neue weiße Held des amerikanischen Neo Soul, Justin Timberlake, auf. Im Video, das ein düsteres Science-Fiction-Szenario andeutet, liefern sich Madonna und er gelenkige Balztanzeinlagen, und wenn Timberlake sich bei den Worten »Wir haben nur vier Minuten, um die Welt zu retten« in ein vibrierendes Falsett aufschwingt, klingt er für einen Moment lang wie Michael Jackson.

Madonna präsentiert ein Hinterteil wie aus Hartgummi gegossen

Auch Jackson war einst erfolgreichster männlicher Popstar der Welt, konnte aber weder sich selbst noch seine Fantasiewelt retten – im Gegensatz zu Madonna, der der Gott des Aufstiegs und des Geschäftssinns viel mehr als einige Minuten Ruhm geschenkt hat. Wo andere sich unter den Augen der Paparazzi-Horden Essstörungen, Süchten und Scheidungsstreits hingeben, hat Madonna kaum jemals in ihrer Karriere Nerven gezeigt. Sie ist die Eiserne Lady des Musikbusiness, ihr Panzer ist die Professionalität. In diesem Jahr hat sie mit ihrem 37. Hit den bisherigen Rekordhalter Elvis Presley bei der Zahl der Top-Ten-Erfolge in den US-amerikanischen Billboard-Charts überholt. 4 Minutes ist sofort nach Erscheinen weltweit auf die Nummer eins der Charts geschossen, in Großbritannien, USA, Deutschland. So hat Madonna wieder einmal ihre Position als letzter Konsens-Star der bröckelnden Mitte der Popmusik behauptet.

Als Konsequenz davon darf die Diva nicht altern, selbst wenn sie in diesem Jahr 50 wird. Was bei der Inszenierung zu ihrer neuen CD Hard Candy langsam, aber sicher einen gruseligen Eindruck macht. Bleich ist ihr Make-up, ihr durchtrainierter Körper räkelt sich halb nackt in schwarzledriger Pornopose, von makelloser Glätte ihr Gesicht unterm platinblonden Haar. Im Video vollführt sie mal wieder eine Leistungsschau athletischer Choreografie und präsentiert nebenbei ein Hinterteil wie aus Hartgummi gegossen. Und während in den Fan-Blogs noch über den Exzess an digitaler Bildbearbeitung gelästert wird und neueste chirurgische Eingriffe der Diva diskutiert werden, spielt Madonna auf dem Eröffnungsstück Candy Shop die Sexbombe: Komm her, haucht sie, ich habe Türkischen Honig für dich, ich weiß doch, dass du Hunger hast. Verlockender als der solcherart zum Abschlecken dargebotene Körper ist allerdings das, worin der Produzent Pharrell Williams dieses Bonbon eingepackt hat. Candy Shop baut aus orientalisierenden Synthie-Skalen einen trockenen Minimal-Techno-Beat, tief darunter sägt der Bass wie herbe Schokolade und keucht Pharrell selbst als atemloser Tempogeber.

Mit der Wahl der Produzenten ist Madonna bei Hard Candy ungeniert auf Nummer sicher gegangen: Die Hip-Hopper Pharrell und Timbaland und dessen Partner Nate »Danja« Hills haben wohl mittlerweile so gut wie jedem im amerikanischen Popgeschäft zu einem Charthit verholfen, auch Madonna-Kopien wie Gwen Stefani. Sie gibt damit nicht nur den letzten Rest avantgardistischer Ambitionen auf, die sie früher durch die Wahl jüngerer und experimentellerer Produzenten bewiesen hatte.

Die Wahl-Londonerin verzichtet auch auf ihren Europaspleen: Diesmal soll wieder der US-amerikanische Markt bedient werden. Der will R’n’B, und so schwingt auf Hard Candy mehr schwarze Musik mit als in jedem anderen Madonna-Album. Wo auf Confessions on a Dance Floor 2006 noch Abba und House die zentralen Referenzen waren, kommen jetzt Funk und Hip-Hop zu ihrem Recht. Auf dem Track Beat Goes On lässt sich Madonna dazu von dem Rapper Kanye West umschwärmen, während der Produzent Pharrell sein ironisches Disco-Falsett hineinrührt. Nur Madonna selbst lässt mal wieder keinen Hauch Exzess in ihre Stimme, selbst die provokant blechige Härte früherer Zeiten ist verschwunden: Stattdessen routinierte, fast biedere Unverbindlichkeit. Sie klingt wie der künstlerische Preis für den Körperpanzer, den Madonna anlegen muss, um Veränderung auszuschließen. Es ist Pharrell, der fast durchgehend für die besseren Songs des Albums verantwortlich ist – Timbaland übergießt manche Stücke allzu großzügig mit einer Standardsoße aus süßen Synthies. Für beide aber gilt, dass sie neben den unzweifelhaften Hits Candy Shop und 4 Minutes auch viel Durchschnittsware geliefert haben – das bleibt nicht aus, wenn man Fließbandproduzenten beschäftigt. Aber wahrscheinlich war das Ziel für Madonna bei Hard Candy sowieso nicht, ein Album als künstlerischen Gesamtentwurf anzubieten – das wäre vergebliche Liebesmüh im Zeitalter des schnellen Downloads von Einzelsongs. Hard Candy ist außerdem das letzte Album, mit dem Madonna ihren Vertrag mit der Plattenfirma Warner erfüllt – mehr Pflicht als Kür. Danach geht sie dahin, wo in Zeiten sinkender Tonträgerverkäufe noch Gewinne zu machen sind: Sie hat einen Deal mit dem Konzertveranstalter Live Nation abgeschlossen, der neben weiteren Alben die Tourneen und das Merchandising umfasst.