Platte meines Lebens (5) Bei Jazzern im Kühlschrank

Unser Autor verehrt Slim Gaillard und seine schräge Truppe nicht nur ihrer Komik wegen. Auch kulinarisch haben sie Einiges zu bieten: Brathuhn, Kartoffelchips und bunte Früchte.

Ich kann wirklich nicht behaupten, dass eine Schallplatte mein Leben verändert habe. Nicht einmal die Aufnahme, welche die Gruppe Foyer des Arts unter dem Titel Wolfram Siebeck hat recht vor vielen Jahren veröffentlicht hat, wurde in meinem Haus mit einem Fest gefeiert. Da hätte schon der Autor, Sänger und Komponist Max Goldt zu Gast sein müssen; seinetwegen hätte ich eine gute Flasche Wein aufgemacht. Die Zeit, in der ich Musik, vor allem wenn sie neu und aufregend war, einen Einfluss auf mein Leben eingeräumt hätte, liegt ohnedies viel länger zurück als die Epoche des Pop, in der Max Goldt meines Wissens eine leider nur kurze Rolle spielte.

Bei mir waren es die radio days, denen Woody Allen einen seiner nostalgischen Filme gewidmet hat. Ich saß damals, soeben dem Krieg entronnen, nachts am Radio, hörte kluge Nachtprogramme und die Swingmusik amerikanischer Bands. Zugegeben wippe ich heute noch mit dem Fuß, wenn ich die Musik von Woody Herman, Glenn Miller, Count Basie und anderen Jazzheroen höre. Aber es war wohl eher der Progressiv-Jazz des Stan Kenton, der mir die Ohren öffnete für das, was danach kommen sollte, vom Bebop bis Dave Brubeck.

Aber wie so mancher Genussesser sich durchgefressen hat bei den Vorzeigemenüs der großen Köche, um schließlich bei der Bistroküche zu landen, wo er die Bodenhaftung wiederfindet, die ihm bei seinen Höhenflügen zeitweilig abhanden gekommen war, so entdeckte ich eine ähnlich krude und scheinbar simple Musik, die sich durch ein Merkmal vor allem anderen auszeichnete: sie hatte eine burleske Komik. Ausgelöst wurde diese Liebe zum witzigen Jazz durch Slim Gaillards Avocado Seed Soup Symphony. Auf dieser Platte, die er mit Bam Brown (Bass) und Leo Watson (Schlagzeug) 1945 in einem Club in Los Angeles aufnahm, begeisterte mich die gnadenlose Komik der Musiker. Um in den Besitz der Platte zu kommen, die ich nur einmal im Radio gehört hatte, stöberte ich tagelang in den Plattenständen des Quartier Latin in Paris. Als ich sie Jahre später zu Hause einem berühmten amerikanischen Künstler vorspielte, vergoss er Freudentränen: »Als diese Jungs in L.A. spielten, haben wir vor der Tür der Kneipen gehockt, in denen sie auftraten. Uns fehlte das Geld, um drinnen ein Bier zu bezahlen.«

Ich sollte erwähnen, dass in den Texten Slim Gaillards ungewöhnlich oft kulinarische Begriffe vorkommen. Sie reichen von Matzoh Balls über Tutti Frutti, Fried Chicken O Routie, Carne, Dunkin’ Bagel, Gefilte Fish, Potato Chips und was sonst alles bei einem Jazzer im Kühlschrank lauert. Doch sie hatten eine rein rhythmische Bedeutung in den Stücken des virtuosen Musikers. Für seine Combos hatte er fast immer ebenbürtige Partner, und man muss sich ihre Auftritte ungefähr so vorstellen, wie wenn die Marx Brothers in Bayreuth im Ring des Nibelungen die Bühne des Festspielhauses besetzten. Das alles entzückte mich nicht weniger als mich heute ein zweistündiges Essen in einem Pariser Bistro entzückt. Zwar lege ich dort keinen Wert auf ein überwürztes Chaos, aber wo erkennbar die Feierlichkeit ausgesperrt ist, dort fühle ich mich wohl. Ein surrealistischer Virtuose ist mir allemal lieber als ein pathetischer Gutmensch. In der Musik wie in der Küche.

Slim Gaillard: The Legendary McVouty

 
Leser-Kommentare
    • FahadA
    • 02.05.2008 um 21:00 Uhr
    1. Toll

    Toll, dass Siebeck auch was anderes im Kopf hat als immer nur Essen.

  1. Slim & Slam waren toll. Schön, dass sie in der Zeit mal gelobt werden. Schade allerdings, dass der Autor über Jazz anscheinend nicht viel weiß. Stan Kentons sog. Progressive Jazz ist ein Stil der '50er, da war es mit Be-Bop schon vorbei. Und das besagte Album, 'Avocado Seed Soup Symphony', wurde nicht als solches aufgenommen - 1945 gab es noch keine Langspielplatten - vielmehr wurde es im nachhinein ohne Zutun der Künstler aus bestehenden Konzert-Mitschnitten zusammengestellt. Wieauchimmer, Slim & Slam waren etwas besonderes und ihre schärfste Nummer hieß, nebenbei bemerkt, 'Yep-Rock Harissa'. O vouty!

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  • Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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  • Schlagworte Wolfram Siebeck | Musik | Musiker | Max Goldt | Literatur | Radio | Komik | Pop | Jazz | Chaos
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