China Gespräche mit dem bösen Geist

China hat sich bereit erklärt, mit Vertretern des Dalai-Lama zu verhandeln. Und hat dem Westen eine knifflige Aufgabe zugedacht

Peking/Berlin/Brüssel - Ist es nur ein Propagandatrick oder doch ein ernst gemeintes Verhandlungsangebot? Chinas Kommunisten haben der Welt ein Rätsel aufgegeben. Eben noch nannten sie den Dalai Lama einen »bösen Geist mit menschlichem Antlitz und dem Herzen einer Bestie«. Jetzt wollen sie mit der Bestie reden, sogar schon in den nächsten Tagen. Wer hätte das vor den Olympischen Spielen im August noch für möglich gehalten?

Ist das ein »Triumph der europäischen Diplomatie«, wie die New York Times bemerkt? Die Pekinger Wende wurde immerhin in Anwesenheit des EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso verkündet, der gerade zu einem Gipfeltreffen mit Premierminister Wen Jiabao in der chinesischen Hauptstadt weilte. Brüssel aber übt sich in geradezu buddhistischer Bescheidenheit. Niemand glaubt, die EU könne das chinesische Einlenken allein für sich verbuchen. Schließlich pflegten die großen Mitgliedsländer den Dialog mit China auf eigene Rechnung und mit verteilten Rollen – Frankreich und England bis hin zur Boykottdrohung, Deutschland neuerdings wieder eher diplomatisch-verbindlich.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat seit Beginn der Tibetkrise drei Mal ausführlich mit dem chinesischen Außenminister Yang Jiechi gesprochen. Die Berliner Diplomaten waren denn auch nicht überrascht von der chinesischen Wende: Schon im zweiten Gespräch Steinmeiers mit Yang zeichnete sich ab, dass die freundlich-bestimmte Mahnung zum Dialog mit dem Dalai Lama von den Chinesen nicht mehr nur als Demütigung durch den Westen, sondern auch als Chance gesehen wurde, selbst wieder handlungsfähig zu werden. Am 15. April telefonierte Steinmeier zum dritten Mal mit Yang, zu dem er einen guten Draht hat, seit beide die deutsche Dalai-Lama-Krise vom Herbst vergangenen Jahres beigelegt hatten. Und am 16. April erhielt der gegenwärtige EU-Ratspräsident, der Slowene Janez Jansa, in Brüssel einen Brief aus Peking. Darin teilte ihm der chinesische Premierminister mit, Vertreter des Dalai Lama empfangen zu wollen. Es wurde vereinbart, die Neuigkeit bis zum Gipfeltreffen von Wen Jiabao und Manuel Barroso in der vergangenen Woche geheim zu halten. Barroso, berichtet ein EU-Diplomat, der die Verhandlungen in Peking begleitet hat, habe Wen gesagt, europäische Regierungen würden ebenfalls die ganze Zeit kritisiert. Was sei daran so schlimm? Kritik sei nicht als Beleidigung, sondern als Möglichkeit zu betrachten, die Dinge zu verbessern. Und siehe da: Der prinzipienfeste Pragmatismus kam nicht schlecht an.

Europa soll den Dalai Lama drängen, der Politik abzuschwören

Zum Feiern ist gleichwohl noch niemandem zumute. Denn die freundlichen Mahnungen der Europäer allein hätten wohl kaum die Wende gebracht. Das Pekinger Politbüro unter Hu Jintaos Führung sah angesichts des Fackellauf-Desasters offenbar keinen anderen Ausweg mehr. Der Weg zum Verhandlungstisch sei darum eher ein »taktischer Kompromiss«, meint Zhu Feng, Professor für Internationale Beziehungen an der Peking-Universität. Nun aber müssten China und der Westen gemeinsam nach Möglichkeiten der Deeskalation suchen, so Zhu.

Peking will den Westen mit an Bord nehmen und hat ihm dabei eine überaus knifflige Aufgabe zugedacht. Es klingt harmlos, wenn es nun heißt, die Regierungen in Europa und den USA sollten »Mitverantwortung für den Verhandlungsprozess übernehmen«. In anderen Worten bedeutet dies: Sie sollen den Dalai Lama drängen, seine politischen Forderungen aufzugeben. »Wir glauben nämlich, dass der Dalai Lama den Status quo in Tibet verändern will«, sagt Professor Jia Qingguo, Vizedekan der Peking-Universität. Der Dalai Lama fordere eine hochgradige Autonomie unter seiner politischen Kontrolle. Und dies, meint Jia, liefe auf die Hongkonger Lösung hinaus: ein Land, zwei Systeme. Doch für China sei ein Änderung des politischen Status quo in Tibet undenkbar. Jia erinnert daran, dass auch westliche Führer den Dalai Lama stets als Religionsoberhaupt und nicht als politischen Führer empfangen. Nun sollen sie helfen, ihn zu überreden, seine politischen Funktionen aufzugeben. »Er kann als Religionsführer, aber nicht als Politiker zurückkehren«, sagt Jia. Damit gibt er einen Ausblick auf die Schwierigkeiten der kommenden Gespräche. Jia vermutet darin einen Teil der neuen Pekinger Strategie. »Wir verhandeln, damit ihr seht, dass der Dalai Lama nicht an Kompromissen interessiert ist«, sagt Jia.

Gespräche also nur mit dem Ziel, den Westen von der Sinnlosigkeit seiner Verhandlungsforderung zu überzeugen? Ein solches Ergebnis käme den neuen außenpolitischen Hardlinern in Peking entgegen. Sie sind entschiedene Gegner des Dialogs. Warum solle man »einem Verbrecher noch eine Chance geben«, fragt der einflussreiche außenpolitische Kommentator des CCTV-Staatsfernsehens, Shen Jiru. Shen wirft dem Dalai Lama »skrupellose, lügnerische Positionen« vor und hält ihn für einen Büttel des Westens. Er sieht hinter dem Tibetproblem einen Großmachtkonflikt mit dem Westen, dem China nicht ausweichen dürfe.

Die Propaganda bleibt, doch der Ton hat sich geändert

Zur Skepsis gibt auch die Tatsache Anlass, dass die Propaganda der Kommunistischen Partei (KP) gegen den Dalai Lama in diesen Tagen weitergeht, als habe es das Gesprächsangebot gar nicht gegeben. »Die Dalai-Clique ist unser Feind«, schreibt das Parteiblatt China Daily . Was sie unter dem Deckmantel der Autonomie fordere, bedeute in Wirklichkeit nichts anderes als tibetische Unabhängigkeit, warnt die kommunistische Volkszeitung .

Und doch ist neu, dass Peking die Forderungen des Dalai Lamas überhaupt in seine Propagandasprache aufnimmt. Die bisherigen sechs Verhandlungsrunden seit 2002 fanden nämlich unter völligem Ausschluss der chinesischen Öffentlichkeit statt. Will die KP also doch mit offenen Karten spielen? Der Ton habe sich tatsächlich geändert, sagt Wang Lixiong, ein unabhängiger Tibetexperte. Doch vermag Wang trotzdem keine Wende zu erkennen. »Ein Kurswechsel bedarf der Diskussionen, der Vorbereitungen und Konzeptionen. Davon sieht man keine Spur«, sagt Wang. Es gehe nur um Krisenmanagement vor den Olympischen Spielen, unter dem Druck des Westens.

Was aber käme danach? Ein Kompromiss ist denkbar: Die KP müsste ihre religiöse Hoheit über die Autonome Region Tibet abtreten. Dazu zählt auch das Recht, über die Nachfolge der hohen Lamas zu bestimmen, wie es die KP zuletzt gegen den Willen des Dalai Lama getan hat. Im Gegenzug müsste der Dalai Lama das politische System der Volksrepublik akzeptieren – und seine Pläne für die Demokratisierung Tibets streichen. Doch ein solcher Kompromiss bedürfte großer politischer Anstrengungen auf beiden Seiten – auch zum Aufbau gegenseitigen Vertrauens. Daran fehlt es da wie dort. »Der Dalai Lama ist in den letzten Jahren überall im Westen unterwegs gewesen. Aber er hat es immer vermieden, nach Peking zu kommen und mit der Regierung zu verhandeln«, sagt Professor Jia. Entsprechend zahlreich seien seine Gegner in der KP. »Die allgemeine politische Atmosphäre ist für Gespräche derzeit nicht sehr hilfreich«, sagt Jia.

Die Europäer dürfen die Wende in Peking als Erfolg ihrer prinzipienfesten Diplomatie verbuchen. Sie werden aber nicht viel Zeit haben, ihn auszukosten. Können sie beiden Seiten helfen, ihre Maximalforderungen zu reduzieren? Die nächste Probe ergibt sich schon bald: In zwei Wochen kommt der Dalai Lama zu Besuch nach Deutschland.

 
Leser-Kommentare
  1. Durch die neuesten Nachrichten wurde folgendes bestätigt:
    ...Linksautonome zünden Autos an, verwunden Polizisten. Rechtsradikale beschimpfen Hamburgs Senat als "schwule Regierung", prügeln auf einen Kameramann ein: In Hamburg kam es am 1. Mai zu den heftigsten Krawallen seit Jahren. In Berlin musste sich der Polizeipräsident vor Randalierern in Sicherheit bringen....
    VR China fordert Deutschland für ein friedliches Gespräch mit den friedlichen Demostranten...
    Wenn ein deutsche Leser meinen Kommentar liest, wird er mit Sicherheit schreien. Warum?  Die Frage kann ich auch in der umgekehrten Reihenfolge stellen.

  2. Fuer die Olympischen Spiele kann sich China offensichtlich keinen Fremdenhass leisten.Der offizielle Aufruf zu rationaler Kritik wie im Falle Frankreich war ein gutes Beispiel.Im besten Fall ist das "Gespraechsangebot" an den Dalai Lama ein PR-Trick. Wer annimmt, dass damit echte Konzessionen verbunden sind, der kennt die Chinesische Volkspartei nicht. Was gerade zustande kommt, geschieht auf massivem internationen Druck und China will ja nicht sein Gesicht verlieren. Das ist wohl die positive Seite der Olympischen Spiele - sie haben China in eine Zwickmuehle gebracht, die den Machthabern ein paar milde Worte abringt. Ob dem auch Taten folgen bleibt abzusehen.

  3. Wer glaube, dass Barroso in China nicht bereits mit der Chinesischen Regierung über das weitere Vorgehen in der Tibet-Frage abgesprochen, ist nur kurzsichtig. Er würde keineswegs als einen Erfolg seiner Mission verkünden, wenn er weiss, dass die Geschichte sich in zwei Wochen als eine taktische Bewegung herausstellt. Damit würde er sich zutiefst blamieren.
    Es ist klar, dass Europa, zumindest die Realpolitik, in der Tibet-Frage nicht mit China auf einen Konfrontationskurs ist. Anders als USA, hat Europa im Augenblick mehr gemeinsame Interesse mit China, um die Währungs- und Energieproblem zu bewältigen. Dies geschieht zum Teil gegen USA, da Europa durch die US Politik allmählich unter Druck gerät.
    Wir werden Augen aufmachen und beobachten.

    • sv1en
    • 02.05.2008 um 9:17 Uhr

    Sie vergleichen, wie man in Deutschland so nett sagt, Äpfel und Birnen.
    .
    1. Haben die europäischen Journalisten, kurz bevor sie aus Tibet rausgeworfen wurden, durchaus beobachtet (Herr Blume hat das in seinem Artikel nach dem Rauswurf auch geschrieben), dass es in Tibet neben den friedlichen Demonstrationen auch rücksichtslose Gewalttaten von Tibetern gegeben hat, gegen die die chinesische Polizei hart vorgehen musste - genau, wie es die deutsche Polizei auch getan hätte. Wenn Herr Blume nicht aus Tibet herausgeworfen worden wäre, hätte er da sicher noch genauer nachhaken und präziser berichten können.

    2. Jeder hat in Deutschland das Recht, eine politische Partei zu gründen und sich zur Wahl zu stellen. Die NPD etwa ist in verschiedenen Landesparlamenten vertreten, obwohl sie - vorsichtig gesagt - eine offensichtliche Nähe zu Gruppierungen zeigt, die ihren Einstellungen und ihrem Verhalten nach definitiv menschen- und verfassungsfeindlich eingestellt sind. Wie sind in China die politischen Beteiligungsmöglichkeiten für Menschen, die sich durch die Regierung nicht vertreten fühlen?

  4. oder um die Demonstrationen in Hamburg? Das Gespraeche erst durch internationalen Druck aufgenommen werden ist bedauerlich jedoch immerhin kommt es dazu. Der Druck ist im Vergleich zum Irak Krieg noch relativ schwach und alle Prognosen der damaligen Politik, Warnungen wurden in den Wind geschossen und haben sich fast alle bestaetigt. Im Falle China Tibets bleibt fuer Loesungen nur der Verhandlungstisch da bisherige fast stuemperhafte Taktiken von der KP (Propaganda gegen westliche Berichtserstattungen, Rassistische Uebergriffe auf Auslaender) das Bild von China nicht besser sondern schlechter machten. Kommen keine Verhandlungen zustande oder werden wieder irgendwelche Geschichten erfunden (darauf fallen die meisten in Europa nicht mehr herein), dann gibt es nur die wirtschaftliche Isolierung Chinas, die leider auch die deutsche Wirtschaft betrifft jedoch nur kurzweilig bis auf ein sicheres Produktionsgebiet (Osteuropa) zurueckgegriffen werden kann. Falls es die Intention der KP ist Propaganda auszuueben, so wird man versuchen die Schuld auf den Dalai Lama und natuerlich auf die Europaer schieben. In beiden Faellen bedeutet dies in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Belangen eine Eiszeit zu China. Diplomatische Loesungen und auch ein Kompromiss (bedeutet beide Seiten muessen in ihren Forderungen nachgeben) koennten sowohl die Olympiade wie auch den weiteren Aufschwung in China in optimistischere Bahnen lenken.Es kommt also ganz darauf an inwieweit sich die KP mit Hu Jintao in Richtung Oeffnung bewegen will. Von Europa und der Wirtschaft wird dies sehr genau verfolgt.

  5. Die Gesprächsbereitschaft kam nicht durch den internationalen Druck zustande. Die Bereitschaft war schon vorher da! Es gab immerhin seit 2002 schon 6 Verhandlungen. Die Bereitschaft zur Verhandlung wurde ja durch die Unruhe in Tibet geschädigt.
    Natürlich ist der schnelle Schwenk auf Gesprächsbereitschaft in erster Linie eine PR-Maßnahme. Aber welche Regierung betreibt keine PR? Dass die chinesische Regierung endlich begriffen haben, was man mit ein bisschen PR erreichen kann, ist ein Zeichen der Lernfähigkeit / -bereitschaft.

  6. Sie haben meinen Kommentar gar nicht verstanden, leider. Vergleichen ist nicht mein Ziel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In Deutschland gibt es keinen Dalai Lama, und die Demonstranten, auch wenn einige davon sich "Autonome" nennen, setzen sich nicht für eine wie auch immer begrenzte Autonomie von Ostfriesen oder Schwaben ein. Und wie abstrus die Ziele der Demonstranten, wenn sie denn welche haben, auch immer sein mögen, sie dürfen demonstrieren. That's the difference.___________________
    Lyriost – Madentiraden

    In Deutschland gibt es keinen Dalai Lama, und die Demonstranten, auch wenn einige davon sich "Autonome" nennen, setzen sich nicht für eine wie auch immer begrenzte Autonomie von Ostfriesen oder Schwaben ein. Und wie abstrus die Ziele der Demonstranten, wenn sie denn welche haben, auch immer sein mögen, sie dürfen demonstrieren. That's the difference.___________________
    Lyriost – Madentiraden

  7. Ich versteh nicht, warum einige nun denken, dass es der Verdienst Europas ist, dass dieses Gespräch zustande kommt. Vor allem weisen einige und ich bin mir sicher es werden auch noch andere darauf hinweisen, wie sinnvoll es war den Druck aufrechtzuerhalten. Ich drück mich mal so aus...Ich würde nichts ausschließen und der internationale Druck hat sicherlich dafür gesorgt, dass das Thema Tibet wieder in aller Munde ist, jedoch sollte man auch wissen, dass die chinesische Führung noch nie auf Druck von AUßEN reagiert hatte. Ich zitiere mal eben den ARD-Korrespondent(China) Jochen Graebert: "Das Angebot sei eine "bedeutende Geste" und ein "riesiger Fortschritt
    gegenüber der früheren Verteufelung des Dalai Lama" - auch wenn der
    Status der Gespräche noch ebenso unklar sei wie das Resultat des
    avisierten Treffens. Es spräche aber einiges dafür, dass das Angebot
    ernst gemeint sei, sagte Graebert. So bedeute die Entscheidung für
    Gespräche so kurz vor den olympischen Spielen "einen Gesichtsverlust"
    für viele Chinesen. Zudem lasse sich Peking - auch angesichts
    internationalem Drucks - in seine wichtigen nationalen Fragen niemals
    hineinreden. "Das ist das unverrückbare Dogma der kommunistischen
    Partei", so Graebert. Das spreche dafür, dass China das Angebot
    tatsächlich ernst meint."Ich finde seine Aussagen zwar nicht immer zutreffend, aber in diesem Fall denke ich, dass er das Vorgehen der KP China sehr gut versteht.Europa zusätzlich noch eine Aufgabe zuzuteilen finde ich auch nicht schlecht. Das ist doch die Vermittlerrolle, die sich die EU die ganze Zeit gewünscht hatte. Da bin ich mal gespannt, ob alle Beteiligten im laufe der Zeit etwas mehr transparenz zeigen werden, vor allem der Dalai Lama.

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