Das Letzte
Wo ist eigentlich der gute alte deutsche Mokka hin? Erinnert sich überhaupt noch einer daran, dass hierzulande nach dem Essen einmal etwas anderes als Espresso gereicht wurde? Zigarren, Cognac und ja, ebendiese ölige, tiefschwarze Flüssigkeit ohne jede crema. Auf Auktionen werden manchmal noch Meißener Mokkaservice angeboten, bemalt mit den grünen, den schwarzen oder den unendlich kostbaren bunten Drachen, selbstredend nicht spülmaschinenfest und darum schon der Verachtung durch die moderne Hausfrau anheimgegeben. Manches spricht dafür, dass der Mokka nur noch als Bezeichnung einer Geschmacksrichtung von Speiseeis überlebt hat wie ja auch von Preußen nur die Farbe Preußisch Blau geblieben ist, ein freundliches, seltsam milchiges, blasses Blau, das ohne Frage entsteht, wenn besagte moderne Hausfrau versäumt hat, das Colorwaschmittel aus der Fernsehwerbung zu verwenden.
Und was ist mit dem Engländer? Sage niemand, die Einwohner der Britischen Inseln seien auf ewig vor der modernen Verwaschenheit geschützt. Auch von dem Engländer könnte eines Tages durchaus nichts Kariertes mehr zeugen, sondern nur jener verstellbare Schraubenschlüssel, den das ist das Pech andere Nationen als Franzosen bezeichnen. Und Neapel? Wird von Neapel dereinst etwas anderes künden als die Neapolitanerschnitte, die in Österreich schon nur mehr als Mannaschnitte bekannt ist? Aber immerhin: Manna. Manna, als Waffel begriffen, wird von dem Alten Testament bleiben. Dagegen wird es der Ölberg des Neuen Testaments deutlich schwerer haben, etwas anderes als eine Umweltkatastrophe assoziieren zu lassen.
Frankreich allerdings hat sich erfolgreich von der Französischen Krankheit (früher für Syphilis) emanzipiert, und Polen ist auf dem besten Weg, die polnische Wirtschaft hinter sich zu lassen. Freilich hat es auf seinem rabiaten Weg in die Moderne auch die Assoziation des Eleganten und Schwermütigen abgeworfen, die noch das 19. Jahrhundert hatte. Nur der Deutsche, ach Gott, der Deutsche bleibt deutsch. Er wird niemals zu einer Bezeichnung von Speiseeis werden, er wird auch nicht als Patentschlüssel überleben und schon gar nicht als Waffel. Er wird ewig an Wald und Wirtshäuser denken lassen und muss noch froh sein, dass man ihm nicht ausschließlich die fatalen zwölf Jahre des 20. Jahrhunderts zuschreibt. Der Deutsche, so viel ist gewiss, wird seinen Mokka überleben.
- Datum 01.05.2008 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT Nr.19 vom 30.04.2008, S.59
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