Das Prinzip Kairo

Kairo

Was ist dies für ein Land? Ägypten spielt eine führende Rolle an der heikelsten Stelle des allerheikelsten Weltkonflikts. Noch vor wenigen Tagen hat es den Israelis ein Waffenstillstandsangebot von Hamas erläutert das Gespräch mit den Radikalislamisten, ohne die es keine Frieden geben wird und die zugleich von der Welt geächtet sind, ist die ganz hohe Schule der Nahostdiplomatie. Zugleich ist dieses Ägypten schwach und krisenhaft arm, am Nil übervölkert und regiert vom sklerotischen Regime des Präsidenten Mubarak, während am Persischen Golf die neuen Zentren der arabischen Welt liegen, wie Saudi-Arabien oder die märchenhaft reichen Emirate. Vor dreißig Jahren hat Ägypten unter Präsident Sadat als erstes arabisches Land Frieden mit Israel geschlossen was ist aus Kairos Führungsanspruch geworden? Kann es im Zeitalter von Hamas noch einmal Avantgarde des Friedensprozesses sein?

Das Selbstbewusstsein des Landes ist in Stein gemeißelt

Am Nilufer ist das in Stein gemeißelte Selbstbewusstsein des Landes zu besichtigen. Das Ägyptische Museum führt dem Besucher vor, dass es am Nil schon einen Staat gab, als die Europäer noch im Stammesverbund Wildschweine jagten. Das kolossale Gebäude des Rundfunks, unter dem Führer Gamal Nasser in den sechziger Jahren die Institution ägyptischer Machtentfaltung, erinnert an den »Neuen Turm Babel« in Fritz Langs Metropolis. Daneben das Außenministerium, ein weißes Hochhaus mit klaren Linien und eleganter Auffahrt. Hinter den Fassaden verfügt Ägypten über einen eingespielten Beamtenapparat, woran die aufstrebenden jungen Länder am Golf erst seit Kurzem arbeiten. Ägypten leistet sich eine ganze Israel-Abteilung im Außenministerium davon ist etwa Saudi-Arabien weit entfernt.

»Unser Verhältnis zu Israel ist sehr stabil Frieden ist eine strategische Entscheidung«, sagt ein ehemaliger Diplomat.

Erstaunlicher noch: Das Verhältnis ist heute besser als je zuvor.

Amerika verteilt seine Militärhilfe wie unter zwei Söhnen auf, Israel als Lieblingsspross erhält mehr, aber für Kairo fällt genug ab.

Freihandelsabkommen bringen die drei Staaten näher zueinander. Als israelische Bomber im Sommer 2006 den südlichen Libanon in Schutt und Asche legten, schwieg die ägyptische Regierung solidarisch. Der Politologe Mohammed El-Sayed Said führt die glänzenden Beziehungen auf einen Kuhhandel jüngeren Datums zurück. Das ägyptische Regime empfand die amerikanische Demokratisierungskampagne für den Mittleren Osten als äußerst lästig. Seitdem US-Präsident Bush das Projekt fallen ließ, läuft es zwischen Ägypten und Jerusalem mit noch weniger Reibungen.

Ägyptische Diplomaten arbeiten unter ganz anderen Bedingungen als ihre westlichen Kollegen: Außenpolitik folgt hier keinen innenpolitischen Zwängen. » Wahlen« finden nur statt, um die Reihen der Regierungspartei von Zeit zu Zeit durchzukämmen. Die Empörung vieler Ägypter über israelische Panzeraufmärsche in Palästina bleibt völlig folgenlos. Wer sich öffentlich über Israel erregt, signalisiert eigentlich nur, dass er keinen Einfluss auf die Regierung hat.

Im Schura-Rat, dem ägyptischen Oberhaus, sitzt Mohamed Basiouni unter einem geknüpften Wandteppich mit dem Konterfei von Präsident Mubarak.

Das bunte Strickteil ist eine der ästhetisch anfechtbaren Neuerwerbungen in dem neopalladianischen Palast, den der ägyptische Vizekönig Ismail 1866 für seine Notabeln hat bauen lassen. Heute gehört Basiouni, Chef des außenpolitischen Ausschusses, zu den Einflüsterern des Präsidenten. Worauf will Ägypten hinaus? » Wir wollen einen Waffenstillstand«, sagt Mohamed Basiouni. » Wir möchten irgendwann den Grenzübergang Rafah wieder öffnen. Und wir möchten die palästinensischen Fraktionen versöhnen.«

Dafür hält Ägypten den Verfemten die Hand hin. » Wir sprechen mit dem Islamischen Dschihad und mit Hamas.« Mit »Terrorgruppen« nach westlicher Lesart? Basiouni: »Die USA und Israel haben ein starkes Interesse an unseren Verbindungen.« Wenn Präsident Bush im Mai in den Nahen Osten kommt, wird er nur mit dem Wunschpartner, dem Palästinenserpräsidenten Abbas, sprechen. Aber wie vermitteln, wenn Reden mit Hamas verboten ist? Da hilft Ägypten: So kann Bush das Dogma des Hamas-Boykotts pflegen, während der Verbündete pragmatisch Kompromisse auslotet.

Islamisten beim Tee mit der Staatssicherheit

Hamas-Delegationen besuchten in jüngster Zeit Kairo und trafen sich mit hohen Offizieren der ägyptischen Nachrichtendienste. Islamisten beim Tee mit der Staatssicherheit? Basiouni weiß um die Widersprüchlichkeit dieser Begegnungen: »Hamas kommt aus dem Bauch der ägyptischen Muslimbrüderschaft« und die ist als Bewegung und als Partei in Ägypten verboten, sie darf nicht an Wahlen teilnehmen, ihre unabhängigen Kandidaten werden verhaftet oder ausgeschlossen. Die Muslimbrüder begegnen dem ägyptischen Geheimdienst nicht am Verhandlungstisch, sondern in der Verhörzelle.

Zu diesen ägyptischen Paradoxien gehört auch, dass man mit Politikern, die es eigentlich nicht geben darf, gleichwohl sprechen kann. Abd El-Monem Abu El-Fotouh, führendes Mitglied der Muslimbrüder, bittet im Haus der Ärztegewerkschaft zum Gespräch. » Wenn die Hamas-Leute kommen, dürfen wir sie natürlich nicht treffen«, beklagt sich El-Fotouh. » Das hindert uns allerdings nicht daran, ihnen zu helfen.« Wie? » Wir behandeln Hamas- und Fatah-Mitglieder in unseren Krankenhäusern«, sagt Fotouh, der auch Generalsekretär der Ärztegewerkschaft ist. Hilft er Flüchtlingen, in Ägypten Unterkunft zu finden? Nein, sagt El-Fotouh, »sie können nicht in unserem Land bleiben«. Aber ist das Leben in Gaza nicht unerträglich? » Richtig, Israel bringt täglich Palästinenser um.«

Man demonstriere für die Rechte der »arabischen Brüder«. Aber deshalb könne Ägypten nicht alle Probleme Gazas lösen. » Es gibt eine Gemeinschaft der Araber, aber es gibt auch einen ägyptischen Nationalstaat.« Was hat Priorität? » Ich fühle mich zuerst als Ägypter, dann als Araber, dann als Muslim.«

Aus dem Mund eines Muslimbruders, des Mitglieds einer grenzüberschreitenden islamischen Organisation, klingt dies ungewöhnlich eindeutig. Es ist auch sehr ägyptisch. Ägypten, das erzählen ägyptische Diplomaten gern, wurde zumeist von Osten angegriffen, über den Sinai. Die dünn besiedelte Wüste ist Heimat schwer zu kontrollierender Beduinen, Rückzugsgebiet von palästinensischen Flüchtlingen, Versteck von islamistischen Terroristen und Quell steter ägyptischer Befürchtungen. Der Gaza-Streifen mit seinem Elend und seiner Gewalt ist für Ägypten mindestens so sehr ein Sicherheitsproblem wie ein Anlass zur Identifikation mit dem arabischen Brudervolk der Palästinenser. Die Frage, wie weit die Solidarität mit Gaza geht, beantwortet Mohamed Basiouni so: »Jedes Land hat seine Souveränität. Wir sind nicht die Arabische Liga. Wir verhandeln für unsere Sicherheit und unsere nationalen Interessen. Die verlangen eine gerechte Lösung im Nachbarland.«

Kairo ist trotz der mächtigen Gebäude am Nilufer nicht mehr die heimliche oder tatsächliche Hauptstadt der arabischen Welt. Beim jüngsten Gipfel der arabischen Führer in Damaskus hielt sich Hosni Mubarak fern wie viele andere arabische Herrscher, die ihre nationalen Interessen im Blick haben. Saudi-Arabiens König Abdallah fehlte auch. Das war viel wichtiger als Mubaraks Abwesenheit. Denn Abdallah ist nicht nur saudischer Herrscher, sondern angesehener Hüter der heiligen islamischen Stätten. Riad ist Vormacht am Persischen Golf, und es hat anders als Kairo viel Geld zu verteilen. Das zählt überall im Mittleren Osten und darüber hinaus. Ägypten dagegen macht keine Weltpolitik mehr auch nicht, wenn es heute Hamas ins diplomatische Spiel zu ziehen versucht. Was Ägypten dabei in Wahrheit treibt, ist Nachbarschaftspflege und Überlebenskunst.

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Gefahr nebenan

Araber schützen sich gegen Araber, während die Nachbarschaft zu Israel gar nicht so schlimm ist: Das ist die seltsame Botschaft der ägyptischen Ostgrenze. Mit einer drei Meter hohen Mauer verbarrikadiert sich das arabische Land gegen die Palästinenser im Gaza-Streifen. Nach Israel hin reicht Ägypten dagegen ein kaum mannshoher Zaun. Und der Grenzübergang nach Israel ist offen im Gegensatz zum palästinensisch-ägyptischen Kontrollpunkt in Rafah.

Der Gaza-Streifen, von der radikalislamischen Hamas beherrscht, ist für Ägypten ein bedrohlicher Unruheherd. Ein Tunnelsystem unter der Mauer von Rafah wird von den Palästinensern zum Waffenschmuggel genutzt. Ende Januar sind verzweifelte Palästinenser nach Ägypten durchgebrochen, und die Hamas droht mit Wiederholung. Die Angst vor dem Chaos treibt die ägyptische Friedensdiplomatie an zu der auch Verhandlungen mit der im Westen geächteten Hamas gehören.

 
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