Die Unbekannte

Man kann darauf wetten: Alle Jahre wieder, je nach Seelenlage der Republik, wird eine Unbekannte zur Fahndung ausgeschrieben. Seit Langem ist sie auf der Flucht und macht keine Anstalten, sich einer erkennungsdienstlichen Behandlung zu unterziehen. Die große Unbekannte heißt »Nationalkultur«. Jeder glaubt sie zu kennen, aber niemand weiß, wie sie aussieht. Denn je näher man ihr kommt, desto fremder schaut sie zurück. Tatsächlich ist das Wort »Nationalkultur« eine semantische Fiktion. Es tritt täuschend echt im Singular auf und ist in Wirklichkeit doch ein Plural. Eine »Nationalkultur« besteht aus inneren Unendlichkeiten, aus Brechungen und Varianten, aus Tönen, Bildern und Sätzen. Wer diese Komplikation im Einzelnen dingfest machen will, der kann sie nur im Ganzen verfehlen.

Das Goethe-Institut hat sich, wer weiß, warum, nicht abschrecken lassen und die »Wiedervorlage« des Themas Nationalkultur beantragt.

Die dazugehörige Berliner Konferenz endete so, wie sie enden musste: heiter gestimmt, doch schwer im Nebel. Es gibt die Nationalkultur nicht, aber das Gegenteil zu behaupten wäre auch falsch. Auf jeden Fall ist sie eine Sehnsuchtsfigur. Die neuen Bürgerlichen betrachten sie als Schmuckkästlein, in dem das Ewigmenschliche sein Zuhause hat.

Andere sehen in ihr, ganz unverächtlich, ein Asyl von kritischer Weltdeutung und Selbstbesinnung. Auf jeden Fall ist die Nationalkultur immer das, was gerade fehlt. Warum, fragte Wolfgang Thierse, singen die Angelsachsen patriotische Lieder (Rule, Britannia!) und »wir Deutsche nicht«? Ja, warum bloß? Thierse (SPD) ärgerte sich über die »Befangenheit« der Deutschen gegenüber ihren Traditionen, weil sie deren zeitgemäßen Gebrauch blockiert: die Verwendung der Kultur als Wärmestube im arktischen »Kapitalismus«. Das ist schon seltsam. Erst privatisiert die Sozialdemokratie Existenzrisiken, dann ruft sie nach der kulturellen Wundsalbe, damit es nicht so wehtut.

Unbefangenheit, so gab Sigrid Weigel zu bedenken, kann man allerdings nicht verordnen (»Seid unbefangen!«) sie ergibt sich allein aus dem Nachdenken über Befangenheiten. Warum die nationale Kultur Befangenheiten erzeugt, ist ja auch nicht schwer zu sagen. Goethes Weimar, daran erinnerte der Historiker Konrad Jarausch, hat Hitlers Buchenwald nicht verhindert. Seitdem tauge die Nationalkultur nicht mehr als große Meistererzählung - das nationale Narrativ ist ein gebrochenes.

Falsch wäre es auch, die nationale Kultur als fugendichten Raum zu verstehen. Sie ist vielmehr, so erklärte die Soziologin Saskia Sassen mit hinreißender Beredsamkeit, ein »hermeneutischer Rahmen«. Durch ihn betrachten wir das Geschehen auf der Weltbühne, den Akt der Globalisierung, um dann politisch auf ihn einzuwirken. Aus diesem Wechselspiel gehe niemand unverwandelt hervor, weder die Nation noch die Globalisierung. Kurzum, in Berlin durfte man über alles reden, nur die Ökonomisierung der Kultur blieb ausgespart. Dabei ist Kultur-Marketing groß in Mode (»National Branding«), also der Versuch, zwecks Verbesserung der Handelsbilanz die Nation als »Kultur-Marke« zu präsentieren Schiller als Exporthelfer. Übertrieben? Künftig werden jedenfalls »Top-Manager« das Goethe-Institut fürsorglich beraten, Josef Ackermann ist mit von der Partie. Auch mal ein schönes Tagungsthema.

 
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