Ein Grund zum Schwarzsehen

Die Zurückhaltung war nur von kurzer Dauer. Die Jagd nach den ersten Fotos und Statements hatte schon wenige Stunden nach Bekanntwerden des Missbrauchfalls begonnen. Amstetten erinnerte plötzlich an Strasshof, wo im August 2006 Journalisten aus aller Welt vor Natascha Kampuschs Verlies campierten.

»Es ist ein Fall von seltener medialer Präsenz, dabei ist Heimlichtuerei nicht dienlich«, erklärt Gerhard Sedlacek, Sprecher der Staatsanwaltschaft St. Pölten, bei einer Pressekonferenz. Dabei wird ein Foto von Josef F. ungeschwärzt in die Kameras gehalten. Schutz der Privatssphäre? Wer wolle, könne die Augen des geständigen Täters mit einem schwarzen Balken bedecken, lautet die lapidare Antwort. » Die Polizei will damit Aktivität demonstrieren«, sagt Rechtsanwalt Alfred Noll. Das sei das Hauptproblem für den Medienrechtsjuristen, schließlich bestehe gegen die Polizei kein Unterlassungsanspruch. Von dem Moment an, in dem die Polizei solche Bilder veröffentlicht, darf sie jeder verwenden. Und die Medien sind dankbar. Die meisten gehen einen Schritt weiter. Sie zeigen nicht nur Bilder des Täters, sondern auch jene der Opfer. Und das ohne schwarze Balken. » Es werden noch grausliche Geschichten kommen. Alle werden durch die Wurstmaschine gedreht, von den Opfern über die Nachbarn bis zum Täter«, prophezeit Dietmar Ecker.

Der PR-Mann betreute Natascha Kampusch als Medienberater in den ersten drei Monaten nach ihrer Flucht. Der Druck ausländischer Medien ist ihm gut in Erinnerung geblieben: »Ihr könnt Natascha so lange verstecken, wie ihr wollt, aber wir schicken unsere Teams nach Wien, und es wird Fotos und Geschichten geben, ob sie euch passen oder nicht.«

Rechtliche Schritte sind hier wirkungslos. Die Herausgeber rechnen damit, verklagt zu werden, und haben das nötige Kleingeld für jeden Prozess in ihrem PR-Etat reserviert. Hauptsache, die Auflage stimmt.

Sensationsgier im Fall Kampusch hat keine Zeitung ruiniert. Danach, meint Ecker, sei die Hemmschwelle deutlich geringer geworden, vor allem jener einheimischer Medien, die durch den Druck der internationalen Presse bei Fotos und Exklusivinterviews unter Zugzwang geraten seien. » Die einzige Chance ist die Selbstkontrolle der Medien«, appelliert Ecker. Doch spätestens wenn die Polizei sich der »medialen Präsenz« ausliefert, ist es auch damit vorbei.

 
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