Krisengebiete Ein Treffen mit Mr. Iraq
Der schwedische Fonds "Babylon" investiert in irakischen Aktien. Eine Geschäftsreise ins Gebiet der Kurden.
Björn Englund lebt in Lund, einer schwedischen Universitätsstadt, in der die Dichte an promovierten Einwohnern höher ist als im amerikanischen Harvard. Seine Nachbarin zur Rechten ist Kostümbildnerin am Theater, links von ihm lebt ein älterer Herr, der vor über 50 Jahren seine Doktorarbeit über einen schwedischen Dichter des 19. Jahrhunderts geschrieben hat. Über dessen Romane plaudern sie manchmal am Gartenzaun, was auch damit zu tun hat, dass Björn Englund das Gespräch nicht so gern auf seine eigene Arbeit kommen lässt. Die Eckdaten, sagt er, klängen in den Ohren schwedischer Akademiker einfach nicht gut: »Familienvater, der die Hälfte seiner Zeit in Luxemburg lebt, wo er einen Irak-Fonds managt, der auf den British Virgin Islands registriert ist«. Zwar lüge er nicht, wenn er nach Details seines Berufs gefragt werde. Aber er versuche doch, das Gespräch allgemein zu halten und von Fonds, Equities, Emerging Markets zu sprechen. Begriffe, bei denen den meisten Leuten das Interesse vergeht.
Und so wissen im Städtchen Lund nur seine Frau und seine beiden Kinder, dass er an einem Abend Ende März in einem Flugzeug in den Irak sitzt. Er musste seiner Familie versprechen, Bagdad nicht zu betreten. Das Ziel der Reise ist deshalb Erbil, die sichere Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan, seine Gesprächspartner werden Minister sein. In der Sitztasche vor ihm stecken Ausdrucke aus einer Zeitschrift namens Terrorism Monitor und dem Internettagebuch des Irak-Korrespondenten des New Yorker. Englund hat einen Satz darin unterstrichen: »Was bedeutet Iraks Zukunft in den nächsten Jahren für unsere Zukunft?«
Auf dem europäischen Festland sind solche Risikofonds verboten
Für den 39-jährigen Björn Englund ist das keine rhetorische Frage: Sein Fonds, den er Babylon genannt hat, legt 20 Millionen Dollar in irakischen Aktien, Staatsanleihen und in Unternehmen an, die im Irak Geschäfte machen. Er ist zwar klein, aber auch der erste seiner Art, der schwerpunktmäßig in den Irak investiert. Auf dem europäischen Festland sind solche Risikofonds verboten, weshalb Babylon auf den British Virgin Islands gemeldet ist, wo Einlagen erst ab 100.000 Euro erlaubt sind. Die Investoren sind deshalb – neben einem finnischen Pensionsfonds – vor allem Menschen, die Englund als high net worth individuals und ultra-high net worth individuals bezeichnet, Reiche und Superreiche.
Ein solcher Ultra wird ihn an diesem Abend nach Erbil begleiteten. Er heißt Juha Kojonen und hat eine Firma, die Fonds in exotischen Märkten empfiehlt. Das ist weniger exzentrisch, als es klingt. Nach Erfolgen in Emerging Markets wie China, Indien oder Brasilien suchen immer mehr Investoren Profite in unerschlossenen Volkswirtschaften, sogenannten Frontier Markets wie Nigeria, Vietnam, Kasachstan oder eben dem Irak. Neben hohem Wirtschaftswachstum – für den Irak prognostiziert der Internationale Währungsfonds eine Steigerung des Bruttosozialprodukts von durchschnittlich zehn Prozent im Jahr – bieten diese Länder auch eine Unabhängigkeit von globalen Finanztrends. Sie sind damit gerade in Krisenzeiten eine gute Möglichkeit, das Risiko zu verteilen. In Kurdistan soll Juha Kojonen nun mit eigenen Augen sehen, dass es zwar abenteuerlich ist, sein Geld im Irak zu investieren, jedoch nicht verrückt. Aber um das zu begreifen, sagt Englund, müsse er »die Luft atmen, das Essen essen, die player treffen«.
»Der andere Irak« heißt der Slogan der Provinzregierung, genauso passend wäre: »Das andere Schweden«. Bei der Einreiseprozedur am Flughafen können Kojonen und Englund gleich Schwedisch mit allen sprechen. Das Personal rekrutiert sich zum größten Teil aus Kurden, die in Schweden die Saddam-Zeit überlebt haben. Auch der Bildungsminister ist Exschwede, demnächst wird er das schwedische Schulsystem vom Kindergarten bis zum Abitur hier einführen. Von den Amerikanern fehlt jede Spur. Statt G.I.s bewachen kurdische Peschmerga die Straßen, auf den zehn Kilometern zwischen Flughafen und Hotel haben sich überall kleine Wohlstandsinseln gebildet, ornamentale Villen auf staubigem Grund, Vororte im amerikanischen Stil, die mit Videos von glücklichen Kleinfamilien werben. In der Innenstadt gibt es einen deutschen Biergarten und verspiegelte Shoppingmalls. Alles riecht nach baldigem Reichtum, nach Öl, das in den Bergen hinter Erbil schon seit Ewigkeiten aus dem Boden sickert: Der Irak besitzt die drittgrößten, möglicherweise sogar die zweitgrößten Erdölvorkommen der Erde, ein großer Teil davon lagert in Kurdistan. Eine texanische und eine norwegische Ölfirma haben erste Verträge mit der Regionalregierung unterschrieben. Und in der Lobby des einzigen Fünfsternehotels von Erbil ziehen in diesen Wochen kleine Gruppen bärtiger Europäer in Cargo Pants ihre Kreise, beugen sich arabische und westliche Anzugsmänner über Verträge. Manche von ihnen haben sogar ihre Gattinnen dabei, in beigen Out of Africa- Hosen sitzen sie beim Frühstück. Ab und zu treten sie gemeinsam aus dem Hotel in die bleiche kurdische Frühlingssonne und verschwinden in einem der weißen Geländewagen, die vor dem Hotel aufgereiht sind. So gut ist die Sicherheitslage im anderen Irak.
Der Babylon-Fonds wird vom erwarteten Ölboom nur indirekt profitieren; die Ölindustrie ist verstaatlicht. Englund spekuliert vor allem mit Aktien von Banken und Hotels. Seit Sommer 2007 dürfen Ausländer an der Iraqi Stock Exchange investieren, die Orders werden auf Papier ausgefüllt, dreimal die Woche wird gehandelt, die Kurse werden auf Tafeln notiert. »I’m a frontier man«, sagt Englund, der internationale Ökonomie studiert hat und sein Studium unterbrach, um sich aus Abenteuerlust als UN-Soldat zu verdingen. Bereits in seinen Zwanzigern macht er in den neukapitalistischen Ländern der ehemaligen UdSSR sein Vermögen. In etablierte Märkte zu investieren sei ihm zu langweilig, sagt er, er liebt den Staub, die Geländewagen, die Gespräche mit Politikern. Statt um das Klein-Klein irgendwelcher Kennzahlen geht es im Irak darum, ein Gefühl für ein Land zu entwickeln, in dem die Korruption hoch ist und in dem keiner weiß, wie verlässlich die Gesetze sein werden. Weshalb die kurdischen Funktionäre bei jedem Gespräch mit Englund und Kojonen die Worte ins Spiel bringen, die Investoren gerne hören: Transparenz, Wirtschaftswachstum, Rechtssicherheit. Der kurdische Vertreter der Iraqi Economic Developing Group sagt sogar: »Die Kurden sind ein sehr friedliebendes und transparentes Volk.«
Der Höhepunkt der Reise ist ein Treffen mit »Mr. Iraq«. So nennt Englund den wichtigsten Broker des Landes: Ahmed Walid Ahmed ist 32 Jahre alt, Börsenhändler in Bagdad, Sohn eines Bagdader Börsenhändlers, die Familie lebt in Dubai.
»Zum Beispiel das Babylon-Hotel«, sagt er. Sein silberner Anzug schimmert metallisch, seine Uhr ist diamantenbesetzt. »Es wurde in den Achtzigern gebaut, aus italienischem Granit. Vom Boden bis zur Decke. Es hat 400 Zimmer, liegt direkt gegenüber der Grünen Zone, in einem der besten Viertel von Bagdad…«
Ahmed kennt die Feinheiten jedes der 93 börsennotierten Unternehmen. »Vor ein paar Jahren lag der Preis einer Aktie bei 250 Dinar, direkt nach dem Einmarsch waren es 300 Dinar, jetzt sind es 20.«
Englund und Kojonen nicken ergeben.
Aber was, wenn Aufständische das Babylon-Hotel in einen Granitberg verwandeln?
Kein Problem. Die Marktkapitalisierung des Hotels läge im Moment gerade mal bei 16,4 Millionen Dollar, schon das 4.000-Quadratmeter-Grundstück des Hotels sei sechs Millionen wert. Noch. »Allein eine Villa in Dubai«, sagt Ahmed, »kostet zehn Millionen.«
Zwar ist Bagdad im Moment ein weitaus unangenehmerer Ort. Deshalb ist es dort ja so billig. Aber selbst wenn die Lage so instabil bliebe wie im Moment, selbst wenn im Irak keine Modelldemokratie entstünde: Solange die Lage nicht völlig außer Kontrolle gerate, sagt Englund, weil etwa eine Mullah-Regierung alles verstaatlichen würde, könne man im Irak Geld verdienen.
Und übrigens, schiebt Ahmed nach, würde die ISX demnächst auf Internethandel umstellen, was bedeutet, dass sich mit dem Handelsvolumen auch die Kurse schnell verdoppeln könnten.
Die Nachkriegsökonomie im Irak braucht Geld von außen
Bevor die Sonne untergeht, machen die drei noch einen Ausflug zur alten Zitadelle von Erbil. Zwar entstehen in der ganzen Stadt jetzt Einkaufszentren und Apartmenthäuser, wachsen überall Betonmauern in den Himmel, aber die Menschen in den Straßen sind dieselben geblieben: kleine Händler, bettelnde Kinder, Soldaten, alte Männer mit sonnengegerbten Gesichtern in kurdischer Tracht. Fast jeder hier hat unter dem gestürzten Diktator Saddam Hussein Verwandte verloren, in den Gefängnissen, den Kriegen oder im Widerstand gegen das Regime.
Sie mögen für die Freiheit ihres Landes gekämpft haben, aber jetzt, wo sie da ist, werden sie nicht im selben Maß davon profitieren wie die Anzugsmänner, die aus der ganzen Welt einfliegen. Die Analphabetenrate liegt bei etwa 20 Prozent. Die meisten hier können vielleicht auf einen Job auf der Baustelle hoffen oder auf ein besseres Leben für ihre Kinder.
Hin und wieder – wenn die Kulisse ein wenig staubig aussieht oder Soldaten im Bild erscheinen – bittet Juha Kojonen einen seiner Begleiter, ein Foto von ihm zu machen. Zwar soll der Irak in den Augen seiner Klienten wie ein vernünftiges Investment erscheinen, aber es soll nicht so aussehen, als ob Juha Kojonens Expedition nach Erbil nicht auch ein kleines Risiko gewesen wäre.
- Datum 06.05.2008 - 05:40 Uhr
- Serie audio
- Quelle DIE ZEIT, 01.05.2008 Nr. 19
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Ich verstehe es wirklich nicht. Da bringen sie mal gute Nachrichten aus dem Irak, dessen Bürger merkwürdigerweise von der sonst immer so anteilnehmenden Deutschen Zivilgeselschaft vollkommen ignoriert werden. Erdbeben in Indonesien, wir sammeln Geld. Mönchsdemo in Tibet, wir sind betroffen und zünden Kerzen an. Ein Bombenanschlag im Iraq zerfetzt eine Grundschulklasse und verstreut die Übereste der Kinder über einen halben Stadtteil... und unsere Journalisten nennen die Leute die soetwas unglaublich krankes plannen und durchführen "Aufständische" und "Rebellen". Ist es nicht inzwischen klargeworden das die Typen die in Bagdad Hotels hochsprengen für nichts anderes einstehen als puren Terror? Al Kaida im Irak phantasiert von einem Islamischem Großreich und indoktrinieren ihre Anhänger mit Versprechungen fürs Jenseits. So gut wie alle Iraker haben sich von diesen Verbrechern inzwischen distanziert und nennen sie was sie sind: Terroristen. Eine Journalistin für Die Zeit sollte das auch können: nennen sie die Dinge beim Namen. Es gibt keine Aufständischen im Iraq (die einzigen wirklichen Rebellen die es mal gab waren die kurdischen Peschmerga), es gibt eine gewählte Regierung zentral und in den Provinzen, es gibt Polizei und Armee, diverse Milizen, Mafia und Räuberbanden sowie die Terroristen. "Aufständische" gibt es nicht.
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