Finanzmärkte Zu Hause ist es nicht am schönsten

Ihren Heimatmarkt glauben Anleger zu kennen, in der weiten Welt der globalen Anlagen halten sie sich lieber zurück. Ein Fehler.

Willst du immer weiter schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.« Diese Zeilen von Johann Wolfgang von Goethe lassen sich auf den deutschen Aktienmarkt ummünzen. Anleger, die zwischen 2003 und 2007 auf den Aktienindex Dax gesetzt haben, können zufrieden sein. Bei seinem Höchstkurs im vergangenen Jahr hatte sich der Leitindex gegenüber seinem Tief vor fünf Jahren fast vervierfacht. Auch nach den jüngsten Rückschlägen liegt er immer noch über 250 Prozent im Plus.

Es gibt noch weitere gute Gründe, sein Geld zu Hause anzulegen. Anleger müssen keine Währungsschwankungen fürchten – gerade für Investoren des Euro-Raums mit seiner starken Währung ist das ein gewichtiger Faktor. Sie können Geschäfts- und Quartalsberichte in ihrer Muttersprache lesen. Und: Diese Dokumente stehen zur Verfügung. In vielen interessanten Auslandsmärkten dagegen ist die regelmäßige Berichterstattung über börsennotierte Unternehmen nicht so reglementiert wie in Europa. »Gerade Kleinanleger fühlen sich mit Anlagen im vertrauten Umfeld wohler«, sagt Rolf Banz, Chefinvestmentstratege der Schweizer Privatbank Pictet. »Sie glauben, solche Investitionen besser zu verstehen, und halten sie wegen ihrer Bekanntheit für weniger riskant.«

Doch die Heimatverbundenheit zahlt sich nicht unbedingt aus. Sie kann Anleger sogar Geld kosten: Eine Studie von Deutsche Bank Research zeigt, dass, seit Mitte der achtziger Jahre gerechnet, die Börsen außerhalb Deutschlands den hiesigen Markt übertroffen haben. »Wer an effiziente Märkte glaubt, darf ohnehin nicht vermuten, dass er auf Basis von Online- oder Zeitungsinformationen einen Vorteil erwirbt, der sich direkt in einen Gewinn umrechnen lässt«, sagt Manfred Jäger vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Lässt man mögliche Sprachprobleme einmal beiseite, ist eine Auslandsanlage auch nicht viel komplizierter als ein Investment innerhalb der Grenzen Deutschlands: Die Indikatoren – das Kurs-Gewinn-Verhältnis oder die Bewertung von Aktien gegenüber Renten – gelten überall.

Das Wachstum verlagert sich von West nach Ost

Am einfachsten ist die Investition in international oder direkt in Schwellenländer anlegenden Fonds, die das Risiko auf eine Reihe von Papieren verteilen. »Es ist ratsam, den Anteil internationaler Wertpapiere über Fonds zu erhöhen«, sagt Jäger. Mit einem international breit gestreuten Fonds sei in der Regel das beste Chancen-Risiko-Verhältnis zu erreichen.

Von den knapp 3.000 Einzeltiteln im weltweiten Aktienbarometer MSCI All Countries World Index notieren knapp 1.000 bereits in den Schwellenländern. Ihre Marktkapitalisierung stieg von rund fünf Prozent im Jahr 2002 auf etwa 13 Prozent des Index. »Damit spielen diese dynamisch wachsenden Regionen der Weltwirtschaft am globalen Aktienmarkt im Vergleich zu ihrer wirtschaftlichen Leistung aber immer noch eine geringe Rolle«, sagt Helmut Kaiser, Global Chief Investment Strategist der Deutschen Bank.

Die Portfoliotheorie, die einen vollkommen rationalen Anleger voraussetzt, der Chancen und Risiken gegeneinander abwägt und auf dieser Grundlage entscheidet, ließe erwarten, dass Investoren die neuen Möglichkeiten der verbesserten Kommunikation, des liberalisierten Kapitalverkehrs und der sinkenden Transaktionskosten nutzen. Weit gefehlt: Uwe Raab, Experte der Rankingagentur Firstfive, die Vermögensverwalterdepots beobachtet, hat im vergangenen Jahr festgestellt, dass deutsche Vermögensverwalter immer noch über ein Drittel ihres Kapitals in deutschen Aktien anlegen. Etwa noch mal so viel investieren sie in Aktien der europäischen Länder Großbritannien, Frankreich, Schweiz und Österreich, etwa zwölf Prozent in den USA. Die Kategorie »Sonstige«, die auch die Schwellenländer erfasst, beläuft sich auf gerade mal ein Fünftel des investierten Vermögens.

Auch für die USA ist der home bias belegt, wie Ökonomen das Phänomen nennen. Laut der Studie einer Forschergruppe um René M. Stulz von der Ohio State University steckt der typische US-Anleger heute zwar nicht mehr 92 Prozent seines Geldes in Dollar-Anlagen wie in den Neunzigern – aber immer noch 85 Prozent. »Die Fundamentaldaten lassen eine Verlagerung des Wachstums von West nach Ost erwarten, nicht nur wegen der aktuellen Finanzkrise«, sagt Kaiser von der Deutschen Bank. Die Anteile der Nationen am Wachstum der Weltwirtschaft belegen das: China trägt 17 Prozent dazu bei, die Organisation Erdöl exportierender Länder knapp zwölf, Indien und Russland jeweils fast fünf Prozent – die USA hingegen stehen bei 14 Prozent, Tendenz fallend. »Natürlich ist noch ein Schritt zwischen dem volkswirtschaftlichen Wachstum und der Börse zu machen«, sagt Kaiser. »Doch diese realwirtschaftlichen Verschiebungen werden sich mit Sicherheit am Kapitalmarkt niederschlagen.«

Auch für den Pictet-Experten Rolf Banz ist es »ein Fehler, nur zu Hause zu investieren«. Sein Argument: Wer sein Geld ausschließlich innerhalb der Grenzen des eigenen Landes anlegt, hat alle Risiken am gleichen Ort. »Bei einem Abschwung sind nicht nur der Job und der Wert der Immobilie in Gefahr, sondern auch die Kapitalanlagen betroffen.« Mit Auslandsinvestitionen könne man sich demnach »gegen einen Misserfolg des eigenen Landes absichern«.

Auch unter den deutschen Aktien finden sich Globalisierungsgewinner

Denn obwohl in einer globalisierten Welt die Korrelation zwischen den nationalen Aktienmärkten zunimmt, heißt das noch lange nicht, dass alle Börsen der Erde im Gleichtakt ausschlagen. Schon die Alterung der westlichen Welt ist ein strategischer Nachteil. Die indische Wirtschaft hingegen wird durch eine wachsende Mittelschicht stabilisiert. Der russische Markt profitiert von der hohen Energie- und Rohstoffnachfrage, Taiwan und China von ihrer Technologiestärke. Und das rohstoffreiche Brasilien mit seinen großen Minenunternehmen und dem Energieriesen Petrobras hat, was die Börsenkapitalisierung betrifft, inzwischen China, Indien und Russland im MSCI Emerging Markets Index überholt.

Aber auch deutsche Aktien profitieren vom Boom der Schwellenländer zumindest indirekt – nicht nur die Dax-30-Unternehmen, auch viele S- und M-Dax-Werte. Traditionell werden gerade Güter deutscher Firmen aus den Branchen Maschinenbau, Elektrotechnik, Infrastruktur und Chemie von den Schwellenländern sehr stark nachgefragt. Und wer auf Globalisierungsgewinner zu Hause setzt, statt sich in der weiten Welt umzuschauen, hat zumindest einen klaren Vorteil: »Wenn man mit heimischen Anlagen verliert, ist man kein Außenseiter«, sagt der Finanzmarktökonom Jäger, »weil auch die Kollegen und Bekannten ihr Geld verlieren.«

 
Leser-Kommentare
  1. ist im Grunde doch ohnehin ein Derivat auf die Schwellenländer, v.a. auf China.

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